Görlitz ist bereit, eine Führungskraft zu werden

Der neue Mittelfeldspieler des FC St. Pauli gibt im Spiel und Training lautstark Anweisungen

Middels. Alle zusammen hatten sie sich verabredet, um das Spiel der deutschen Nationalelf zu schauen. Nach drei anstrengenden Einheiten durften St. Paulis Profis im Trainingslager im ostfriesischen Middels durchschnaufen und den WM-Abend genießen. Bei Neuzugang Michael Görlitz herrschte dennoch Anspannung. Schließlich standen gegen Frankreich seine früheren Kollegen Thomas Müller und Mats Hummels auf dem Rasen. Mit ihnen und auch Holger Badstuber hatte Görlitz bis 2008 in den Jugendteams des FC Bayern gespielt.

Vor dem Turnier hatte er mit Hummels noch SMS-Kontakt. „Schon früher konnte man sehen, welches Potenzial sie haben“, sagt Görlitz. „Thomas hatte diese Laufwege schon drin und hat auch bei uns seine Tore gemacht“, erzählt der 27-Jährige beim Gespräch mit dem Abendblatt im Landhotel Alte Post: „Und Mats war in der Jugend schon ein sehr robuster Spieler.“

Nach sechs Jahren ging die Zeit für Görlitz im Sommer 2008 in München jedoch zu Ende – ohne Profivertrag. Stattdessen ging der offensive Mittelfeldallrounder zum schwedischen Erstligaclub Halmstads BK. Im ersten Ligaspiel erzielte er seinen ersten Treffer, in seinem ersten Jahr wurde er zum Spieler der Saison in Schweden gekürt. „Ich wollte damals unbedingt Erste Liga in Europa spielen“, erklärt der Bayer den Schritt nach Skandinavien. „Die schwedische Liga orientiert sich am englischen Stil. Mir fehlte es an Robustheit, die habe ich mir dort zugelegt, habe viel im Kraftraum gearbeitet.“

Nach zwei Jahren beim FSV Frankfurt entschied sich Görlitz nun für den FC St. Pauli und unterschrieb am Millerntor bis 2016. Mehrere Zweitligisten hatten ihn umworben, auch bei Union Berlin gehörte er zu den Wunschkandidaten. Beim Kiezclub soll er im Mittelfeld die Lücke schließen, die der zu Werder Bremen abgewanderte Fin Bartels hinterlässt. In den Testspielen deutete Görlitz seine Klasse bereits an, erzielte drei Treffer. Ein sehenswertes Tor nach einem Sololauf war ihm auch beim 4:1 in Holßel am Donnerstag gelungen. Auf dem Trainingsplatz in Middels gab der Tempodribbler beim Kleinfeldturnier am Freitag bereits lautstark Anweisungen. „Ich coache schon auch auf dem Feld mal“, sagt er, „aber ich bin keiner, der 90 Minuten lang redet, ich will vor allem spielerisch führen“.

Führungsqualitäten wurden bei St. Pauli im Schlussspurt der vergangenen Saison vermisst. Diese erwartet Trainer Roland Vrabec nun auch von seinem Neuling. „Doch ich muss mir meinen Platz erst erkämpfen, wir haben viele tolle Fußballer hier“, sagt der freundliche und höfliche Profi. Auch er muss sich an die Intensität der Vorbereitung gewöhnen. „In Frankfurt haben wir läuferisch weniger getan.“

Florian Kringe musste die Reise nach Middels bereits nach dem Testspiel in Holßel abbrechen. Dort hatte sich der Mittelfeldspieler eine Kapselzerrung im Ellbogengelenk mit leichter Einblutung zugezogen.