Zweite Bundesliga

Traum trifft Druck

Während der FC St. Pauli unverkrampft in den Endspurt gehen will, steht Kaiserslautern unter Siegzwang. Ein Vergleich der beiden Aufstiegsaspiranten.

Hamburg. Für die einen wäre der Aufstieg ein willkommenes Zubrot, für die anderen ist er Pflicht. Während der FC St. Pauli befreit in die Partie an diesem Freitag am Millerntor (18.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) gehen will, hat der 1. FC Kaiserslautern die allerletzte Chance ausgerufen. „Wenn wir verlieren, können wir uns Gedanken über die kommende Saison in der Zweiten Liga machen“, sagt Trainer Kosta Runjaic angesichts von dann fünf Punkten Rückstand auf St. Pauli. Sein Gegenüber Roland Vrabec spricht indes von einem „Highlight-Spiel, das wir genießen wollen“. Das Abendblatt nimmt die beiden Clubs vor dem Duell „Traum trifft Druck“ unter die Lupe.

Saisonziel: Der FC St. Pauli wird die Maßgabe, im oberen Drittel zu landen, erfüllen. Offiziell ist der Aufstieg abgehakt, doch Vrabec gibt zu: „Natürlich schauen wir immer noch mit einem Auge, aber immer wenn wir dies zu sehr getan haben, hat es nicht geklappt.“ Attacke ohne Druck lautet die Maßgabe. Kaiserslautern hingegen droht die Zielsetzungen erneut zu verpassen. Alles andere als der Aufstieg zählt in der Pfalz nicht, wurde man doch noch vor dem 1. FC Köln als Topfavorit gehandelt.

Formcheck: Die Vrabec-Elf hat das Tief mit dem 2:2 gegen Fürth überwunden, zeigte beim Sieg in Sandhausen (3:2) Kämpfermentalität. Die Chance, auf die Aufstiegsränge zu rücken, hatte das Team zuvor gelähmt. Mit Kapitän Fabian Boll, der erstmals seit dem 29. September in den Kader rückt, kommt im Schlussspurt ein Routinier zurück. Drängt der FCK gegen Ende der Partie auf Ausgleich oder Führung, will Vrabec Boll als Stabilisator bringen. „Er kann auch noch mal einen Schub im Publikum auslösen, und man merkt ihm an, dass er brennt und zum Ende seiner Karriere noch einmal Gas geben will“, lobt Vrabec. Die Gäste aus der Pfalz sind zwar seit sechs Spielen ungeschlagen, doch zuletzt gab es drei Remis. Der FCK erspielt sich aktuell zu wenig Torchancen und nutzt diese zu selten. Aus dem Mittelfeld fehlt es an Kreativität, die Doppelsechs mit Ruben Jenssen und Markus Karl ist spielerisch zu limitiert, um die Stürmer in Szene zu setzen.

Torgaranten: Trotz Abschlussschwäche verfügt Kaiserslautern im Angriff über die größte Qualität der Liga. Mit Simon Zoller, Mohamadou Idrissou, Olivier Occean und Srdjan Lakic hat der Club vier Torjäger, von denen jeder wohl in der Startformation St. Paulis stehen würde. Allein Zoller, der bereits von den Bundesligisten Hertha BSC, Werder Bremen und Fast-Aufsteiger Köln umworben wird, und Idrissou haben zusammen 22 Tore erzielt. St. Paulis für die Partie zur Verfügung stehenden Angreifer John Verhoek, Lennart Thy und Michael Gregoritsch bringen es gemeinsam auf nur acht Treffer.

Spiele gegen Top-Teams: Kaiserslautern hat vor allem mit den Teams aus dem Tabellenkeller Probleme. Gegen die Top sechs der Liga holte man in zehn Spielen 16 Punkte. St. Pauli gelangen nur acht Zähler, lediglich in Fürth (4:2) und gegen Union Berlin (2:1) gab es Siege. Während die Vrabec-Elf noch gegen Köln antreten muss, hat der FCK am Millerntor sein letztes Spitzenduell.

Etat: Nur der 1. FC Köln (15 Millionen Euro) hat einen höheren Spieleretat als die Lauterer mit elf Millionen Euro. Der finanziell klamme Club ist gehörig ins Risiko gegangen, um den Aufstieg zu realisieren. Eine weitere Zweitliga-Spielzeit ist laut Vorstandschef Stefan Kuntz zwar „gut machbar“, jedoch nur mit Abstrichen. Ein erneuter Umbruch im Kader wäre die Folge. Immerhin: Durch den Einzug ins Pokalhalbfinale (am Mittwoch gegen Bayern München) werden rund zwei Millionen Euro in die Kassen gespült. St. Pauli, mit rund acht Millionen Euro im oberen Etat-Drittel angesiedelt, wirtschaftet hingegen bodenständig. Ein Aufstieg würde die Möglichkeiten verbessern, der Verbleib in der Zweiten Liga hätte aber keine Kürzungen zur Folge.

Umfeld: Nach den Pfiffen gegen Ingolstadt sind Fans und Mannschaft auf St. Pauli wieder zusammengerückt. Frenetisch wurden die Kiezkicker gegen Fürth gefeiert. Die Partie ist mit 29.063 Zuschauern zum sechsten Mal in der Saison ausverkauft. Ganz anders die Gefühlslage auf dem Betzenberg. „Nie mehr Erste Liga“, sangen die Anhänger zuletzt hämisch. Auch Kuntz, der im sechsten Jahr den FCK leitet, ist in die Kritik geraten. „Das System Kuntz funktioniert nicht mehr“ war am Sonntag auf einem Plakat zu lesen.

Trainer: Mit der Partie schließt sich für St. Paulis Roland Vrabec ein Kreis, denn nun hat er gegen jeden Gegner einmal als Chef an der Linie gestanden. Das 1:4 im Hinspiel war die letzte Partie seines Vorgängers Michael Frontzeck. Nach dem euphorischen Start, als er dem Team tollen Umschaltfußball einimpfte, hat Vrabec sein erstes Trainertal gemeistert. Seine authentisch-emotionale Art kommt im Umfeld und in der Mannschaft an. Auch der FCK hat bereits den Trainer gewechselt. Mitte September übernahm Kosta Runjaic für Franco Foda. Während Vrabec seine Formation und das Personal fast jede Woche anpasst, setzt Runjaic stets auf ein 4-4-2-System. Kritiker werfen ihm vor, dass das Spiel über die Flügel dadurch zum Erliegen gekommen ist.

FC St. Pauli: Tschauner – Ziereis, Thorandt, Gonther, Schachten – Buchtmann – Rzatkowski, Halstenberg – Maier – Verhoek, Thy.