Roland, der Mutige: Vrabec überrascht oft

St. Paulis Coach wartet immer wieder mit unerwarteten personellen Entscheidungen auf. Diese Taktik geht auf

Hamburg. Roland Vrabec hatte sogar seinen erfahrenen Trainerkollegen Uwe Neuhaus gehörig überrascht und verwirrt. „Als ich sah, dass Fin Bartels nicht spielt, habe ich mich gefreut, gab der Trainer des 1. FC Union Berlin am vergangenen Montagabend zu, nachdem sein Team mit 1:2 beim FC St. Pauli verloren hatte. Tatsächlich hatte kaum jemand damit gerechnet, dass St. Paulis Cheftrainer Vrabec im Spitzenspiel der Zweiten Liga seinen torgefährlichsten Spieler auf die Reservebank setzen würde. Das Ergebnis ist bekannt: Bartels kam in der 56. Minute ins Spiel und war am Ende der gefeierte Schütze des Siegtores für den FC St. Pauli.

Diese Episode ist ein Musterbeispiel dafür, dass Vrabec mit seinen Personalentscheidungen immer für eine Überraschung gut ist. Dazu passt auch, dass er in diesem so wichtigen Spiel, in dem es darum ging, die Serie von drei Heimniederlagen zu beenden, den erst 20 Jahre alten Philipp Ziereis erstmals in einem Pflichtspiel im Profiteam des Kiezclubs einsetzte und ihm dabei gleich die immens wichtige Position als zentral-defensiver Spieler der Mittelfeldraute anvertraute. „Er hat sich diesen Einsatz verdient und war mal dran. Zudem hat er schon in Testspielen bewiesen, dass er auf dieser Position spielen kann“, sagte Vrabec zur Begründung. „Wir waren davon überzeugt, dass das eine sehr gute Lösung ist.“

Auch diese Rechnung ging im Endeffekt auf, obwohl Ziereis verständlicherweise anfangs recht nervös agierte. Seit Roland Vrabec am 6. November vergangenen Jahres die Verantwortung als Cheftrainer des FC St. Pauli übernommen hat, sind derart mutige und unvorhersehbare Personalentscheidungen zur Regel geworden. Vrabec handelt grundsätzlich danach, wovon er selbst überzeugt ist, dass es im individuellen Fall die bestmögliche Lösung ist. Manchmal spielt dabei, wie er selbst schon eingeräumt hat, auch „das Bauchgefühl“ eine Rolle. Dabei schert er sich überhaupt nicht darum, ob man ihm einen Vorwurf machen könnte, wenn seine Maßnahmen nicht so funktionieren, wie er es sich vorgestellt hat.

Dies ist auch einer der großen Unterschiede zu seinem Trainer-Vorgänger Michael Frontzeck, der eher auf Sicherheit bedacht als risikofreudig und damit auch in seinen Entscheidungen ziemlich berechenbar war. Auch wenn es bei Vrabec zweifellos ein Grundgerüst für die Idealformation gibt, so haben die weitaus meisten Spieler immer wieder eine Chance auf einen Einsatz. Bestes Beispiel dafür war jetzt Stürmer John Verhoek. Beim Auswärtssieg in Dresden (2:1) stand er nicht im Kader, acht Tage später beorderte ihn Vrabec dafür in die Startelf, um gegen die überwiegend groß gewachsenen Spieler von Union Berlin einen körperlich adäquaten Gegenpart auf dem Feld zu haben.

Bisher ist Vrabec’ mutiger Stil von Erfolg gekrönt. In den zehn Partien unter seiner Regie holte St. Pauli 19 Punkte und schob sich auf den vierten Tabellenplatz vor, nur einen Zähler hinter dem Relegationsplatz. Zuvor hatte das Team unter Michael Frontzeck die ersten 13 Partien dieser Saison benötigt, um 19 Punkte zu ergattern.