„Wir haben das Potenzial für die Bundesliga“

Trainer Roland Vrabec erklärt, wie er den FC St. Pauli zum Aufstieg führen will

Hamburg. Ein Baguette mit Salami ordert Roland Vrabec bei Torwarttrainer Mathias Hain schnell. Dann nimmt er sich zwischen zwei Trainingseinheiten Zeit für das erste Interview als Cheftrainer des FC St. Pauli. Nach der Entlassung Michael Frontzecks im November feierte der 39-Jährige in sechs Spielen vier Siege und bekam einen Vertrag bis 2015. Im Abendblatt erklärt er, warum dies eigentlich nie sein Ziel war und wie er den Kiezclub nun aber in die Bundesliga führen will.

Hamburger Abendblatt:

Herr Vrabec, können Sie eigentlich noch unerkannt durch Hamburg laufen?

Roland Vrabec:

Ja, das kann ich. Letztens war ich beim Bezirksamt und habe meinen Personalausweis abgeholt, da wurde ich mal erkannt und angesprochen. Am Flughafen auch schon oder in der Schanze, aber nicht so oft, und das ist auch gut so.

Sie wurden quasi über Nacht zum Cheftrainer. Fühlt es sich manchmal noch an wie im Märchen?

Vrabec:

Ich bin zu bodenständig und realistisch, um in Euphorie zu verfallen. Schon im ersten Moment, als es hier für mich losging, war mir immer klar, dass ich auch mal in die gleiche Situation wie meine Vorgänger Michael Frontzeck, André Schubert oder viele andere Trainer kommen kann. Deswegen genieße ich einfach den Moment.

Der Kreis von Trainern im Profifußball ist klein. Man hat Ihnen hier eine Riesenchance eröffnet, oder?

Vrabec:

Ja, das stimmt. Ich habe früh alles auf eine Karte gesetzt und schon als B-Jugend-Trainer beim FSV Frankfurt den Fokus darauf gerichtet, Fußballtrainer zu werden. Damals hatten wir absolut amateurhafte Bedingungen, aber mir war klar, dass dies mein Weg ist, ich damit mein Geld verdienen möchte. Beim Fußballlehrerlehrgang in Köln habe ich dann Leute wie Markus Babbel, der mit mir im Kurs war, beobachten können. Ich habe mich gefragt: Wie weit bin ich im Vergleich zu diesen Leuten, die lange im Geschäft sind? Ich bin dann zu der Einschätzung gekommen, dass ich mir das auch zutraue. Die Chance aber zu bekommen ist eine andere Sache. Deshalb ist der Schritt bei St. Pauli für mich natürlich wichtig, um mich zu profilieren und der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, was ich kann.

Sie hatten nie eine andere Berufsidee?

Vrabec:

Nein, ich wollte immer Trainer werden. Wobei ich sagen muss, dass meine Zielsetzung immer war, eine U19 oder U23 im Nachwuchsleistungszentrum zu trainieren. Cheftrainer im Profibereich war nie mein Ziel.

Ursprünglich wollten Sie ja die zweite Mannschaft St. Paulis übernehmen ...

Vrabec:

Ja, ich hatte erfahren, dass bei St. Pauli ein U23-Trainer gesucht wird. Zeitgleich übernahm aber Thomas Meggle diese Aufgabe. Ich hatte mich beworben und bekam einen Termin mit Rachid Azzouzi. Wir haben ein, zwei Stunden über Ideen gesprochen, später sagte Rachid, dass er noch einen Co-Trainer für die Profis suche. Dann gab es noch mal ein Gespräch mit ihm und Michael Frontzeck und währenddessen war uns allen schon klar, dass wir das zusammen angehen wollen.

Sie waren nie selbst Profi, haben stattdessen Sportwissenschaften studiert. Ist das vielleicht sogar ein Vorteil gegenüber ehemaligen Spielern?

Vrabec:

Wenn du kein Profi warst und kommst in den Herrenbereich, fehlt es dir zu Beginn öfter mal an der Akzeptanz. Wenn man wie ich aber mit einer U13-Mannschaft beim FSV oder später U17 bei Mainz 05 ganz klein anfängt, kann man sich auf einem dennoch sehr guten Niveau selbst kennenlernen. Ich konnte Fehler machen, ohne gleich Konsequenzen spüren zu müssen. Ich konnte austesten, für welchen Fußball ich stehe und wie ich die Mannschaft dazu bekomme, diesen zu spielen. Ehemalige Profis, die zu früh einsteigen, haben sich als Trainertyp vielleicht noch gar nicht kennengelernt. Sie dürfen sich aber sofort keine Fehler erlauben.

Sie sind in Ihrer Arbeit sehr akribisch, bringen oft neue Übungen ein und überraschen die Spieler. Sind Sie so kreativ?

Vrabec:

In Mainz war Thomas Tuchel sehr innovativ, da habe ich viel lernen können. Auch bei Jürgen Klopp habe ich einiges mitnehmen können und natürlich kommt auch Literatur dazu. Daraus kann ich dann Übungen für mich selbst ableiten. Wenn du die Jungs unter der Woche in den Einheiten immer wieder etwas überforderst, wird das Spiel am Wochenende dann relativ einfach. Das ist mein Leitfaden.

Schauen Sie in ihrer Freizeit eigentlich noch Fußballspiele?

Vrabec:

Sehr selten. Wenn man sich ständig mit dem Job auseinandersetzt, wird man müde und satt. Ich suche mir deshalb Highlights heraus und bin dann auch viel mehr bei der Sache. Ich gehöre nicht zu den Trainern, die sich alle Spiele aus der eigenen Liga anschauen, sondern konzentriere mich darauf, den nächsten Gegner zu studieren.

Innerhalb kurzer Zeit haben Sie die Mannschaft in die Nähe der Aufstiegsränge geführt. Wann spielt der FC St. Pauli wieder Bundesliga?

Vrabec:

Es gibt neben uns fünf, sechs Mannschaften, die das Potenzial haben, aufzusteigen. Ein Aufstieg wäre für uns aber eigentlich noch zu früh, weil es die Entwicklung der Mannschaft bremsen würde. Dann kann man nicht mehr in Ruhe etwas aufbauen. Unser erstes Ziel muss es sein, einen Spielstil zu entwickeln, der dann für St. Pauli steht. In der Rückrunde wollen wir aber natürlich oben dran bleiben und wenn wir kurz vor Saisonende die Chance hätten, würden wir den Aufstieg in Angriff nehmen. Realistisch wäre es aber, wenn wir im nächsten Jahr den Aufstieg anpeilen.

Das Potenzial, Bundesliga zu spielen, sehen Sie also bereits in Ihrem Team?

Vrabec:

Ja, ich sehe enormes Potenzial in der Mannschaft. Bis auf altersbedingte Ausnahmen sehe ich eigentlich all unsere Spieler mit dem Talent für die Bundesliga, das wir weiter entwickeln müssen. Die Frage ist nur, ob sie es alle zusammen hier bei uns schaffen, oder jeder für sich irgendwo anders. Wenn wir dieses Potenzial hier weiterentwickeln können, haben wir auch die Möglichkeit, in der Ersten Liga zu bestehen.

Sie haben eine Mannschaft mit sehr soliden Charakteren. Fehlt ein Chaot?

Vrabec:

Das glaube ich nicht. Wobei ich mir auf dem Platz durchaus wünschen würde, dass wir mal ein bisschen mehr ‚Drecksau‘ sind. Da darf es ruhig mal einen Typen geben, der sich mit dem Schiedsrichter anlegt.