St. Paulis fußballerische Qualitäten allein genügen in der 2. Bundesliga nicht, wie das 1:3 im Spitzenspiel gegen clevere Düsseldorfer zeigte.

Hamburg. Es war unmittelbar nach dem Abpfiff auf dem Platz des Millerntor-Stadions. Max Kruse stand wie auch André Schubert beim TV-Sender Sky zum Interview. Etwa 60 Meter trennten den Mittelfeldspieler und seinen Trainer räumlich, und auch in der Bewertung einer der spielentscheidenden Szenen des 1:3 gegen Fortuna Düsseldorf fanden sie nicht zusammen. "Eindeutig. Da erübrigt sich ja jegliche Diskussion", spottete Coach Schubert nach Studium der TV-Bilder, die eine Szene aus der 65. Minute konserviert hatten. Kruse war im Strafraum elfmeterreif von Adam Bodzek gefoult worden, der fällige Pfiff von Schiedsrichter Günter Perl allerdings ausgeblieben. Kruse aber vermied nicht nur den nachvollziehbaren Vorwurf gegen den Unparteiischen, der 23-Jährige schwang sich gar zum Anwalt Bodzeks auf, der ja schließlich auch ein wenig den Ball und nicht allein seine Beine getroffen hätte.

Eine Szene, die den Sportsmann Kruse ehrt, die aber auch kaum passender hätte sein können. Während die Düsseldorfer am Montagabend beim Kampf mit allen legalen Mitteln auch immer wieder in die Grauzone des Erlaubten abdrifteten und St. Paulis temporeiches, versiertes Fußballspiel nach einer halben Stunde mit vielen kleinen Scharmützeln unterbanden, appellierten Schuberts Spieler immer wieder vergeblich an den Schiedsrichter, die Provokationen und Beeinflussungen zu ahnden. Es war kein Abend für Gerechtigkeitsfanatiker. Fortuna gelang es, St. Pauli mit einfachsten Mitteln vom Kurs abzubringen. "Wir sind ihnen da auf den Leim gegangen", ärgerte sich Schubert. Eine Erkenntnis, die den Unterschied zwischen einer fußballerisch ambitionierten Mannschaft und einem echten Spitzenteam ausmacht und Fragen aufwirft: Ist St. Pauli nicht clever genug, um ganz oben mitzuspielen? Ist St. Pauli zu brav für den Aufstieg?

Sicher, die Hamburger hatten die Trendwende selbst eingeleitet. Die 1:0-Führung hatte einige entscheidende Prozentpunkte Aggressivität und Einsatzbereitschaft gekostet. Im Spiel nach vorn schwanden die Anspieloptionen, in der Defensive wurde der Gegner nicht mehr mit der Kompromisslosigkeit und Konsequenz wie gewohnt, gewünscht und in den ersten 20 Minuten auch gezeigt bearbeitet, was die Spielanteile erheblich verlagerte. "Beim 4:1-Sieg in Cottbus herrschte in unserer Pressingzone Krieg, diesmal waren wir da viel zu passiv", so Schubert martialisch, "wenn wir all das vermissen lassen, sind wir nur eine durchschnittliche Mannschaft." Seine Elf war sich untreu geworden und wusste auch am Tag danach selbst nicht, weshalb.

Doch es waren allenfalls Risse, die das braun-weiße Fußballkollektiv durchzogen. Der Bruch erfolgte erst, als Düsseldorf in Person von Sascha Rösler erkannte, mit welch profanen Dingen die Naivität der Schubert-Schützlinge offenbart werden konnte. "Wir haben uns in Dinge verstricken lassen, die mit Fußball nichts zu tun hatten. Das, was Rösler drum herum macht, ist einfach nicht in Ordnung", kritisierte Schubert. "Aber da musst du cool bleiben, und das waren wir nicht. Die haben angefangen zu diskutieren, wir haben mitdiskutiert. Die sind dann wieder gelaufen, aber wir haben weiterdiskutiert." St. Pauli wehrte sich, indem es sich über Nickligkeiten und versteckte Fouls echauffierte, vom Schiedsrichter die fälligen Pfiffe, Ermahnungen oder Karten einforderte und sich damit selbst aus dem Konzept brachte. "Das hat ziemlich genervt", so Mittelfeldspieler Florian Bruns, "wenn der Gegner anfängt so zu spielen, musst du auch selber mal austeilen, ein Signal setzen, mit taktischen Fouls arbeiten und nicht mitdiskutieren. Es darf einfach nicht sein, dass wir uns selbst aus dem Rhythmus bringen."

Und das, obwohl der Trainer vor der Partie eindringlich und explizit vor den Praktiken Röslers gewarnt hatte. "Ich kenne ihn ja auch aus meiner Zeit bei Alemannia Aachen. Abseits des Platzes ist er ein vernünftiger, netter Typ. Aber auf dem Platz? Es gibt viele Spieler, die behaupten, sie fänden es geil, wenn sie von 25 000 Zuschauern ausgepfiffen werden. Aber bei ihm ist das tatsächlich so. Ihn macht das stark, uns hat es nicht gut getan."

Das Spiel entwickelte sich in eine falsche Richtung. St. Pauli entwaffnete sich selbst, weil es sich in einer Disziplin mit den Düsseldorfern maß, die die fußballerisch Hochbegabten um Fin Bartels, Max Kruse, Dennis Daube oder Petar Sliskovic (noch) nicht beherrschen. Bereits Schuberts Vorgänger Holger Stanislawski hatte in der vergangenen Saison die Mentalität seines Kaders kritisiert. Der Vorwurf: zu nett, zu leise, zu brav. Grundsätzlich angenehme Charaktereigenschaften, die sich auf dem Platz ins Gegenteil verkehren. "Wir haben viele introvertierte Spieler", konstatierte Düsseldorfs Trainer Norbert Meier, "Spieler, die einen Typen wie Rösler brauchen." St. Pauli hatte keinen. Was auch Schubert bei aller Kritik an dem gewieften 33 Jahre alten Angreifer anerkannte: "Manchmal wünscht man sich einen Rösler in den eigenen Reihen."