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Jubel statt Pfiffe – so gelang Walter der Stimmungsumschwung

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Die emotionale Art von Tim Walter kommt bei den HSV-Fans an. Der Trainer macht keinen Hehl daraus, dass er sich mit dem Verein identifiziert.

Die emotionale Art von Tim Walter kommt bei den HSV-Fans an. Der Trainer macht keinen Hehl daraus, dass er sich mit dem Verein identifiziert.

Foto: Witters

Die HSV-Fans strömen wieder ins Volksparkstadion. Gegen Düsseldorf sollen bis zu 50.000 Zuschauer kommen.

Hamburg. Es vergeht kaum eine Pressekonferenz, in der Tim Walter nicht die "Jungs und Mädels" auf den Tribünen lobend erwähnt. Egal ob im Volksparkstadion oder auswärts – auf die Unterstützung der Fans kann sich der HSV mehr denn je verlassen. Am Sonnabend (20.30 Uhr, Sky und Sport1 sowie im Liveticker auf abendblatt.de) im Topspiel gegen Fortuna Düsseldorf werden knapp 50.000 Fans erwartet. Das wäre Zweitligarekord in dieser Saison. Der 46 Jahre alte Cheftrainer des HSV hat den Stimmungswandel im Stadion registriert, den er selbst maßgeblich mit initiiert hat.

HSV-Fans haben den "Walter-Ball" mittlerweile verstanden

Denn auch der gebürtige Badener weiß, dass es noch nicht lange her ist, dass es in den Heimspielen deutlich vernehmbare Pfiffe gab. Der Ballbesitzfußball, der gerne auch Rückpässe zum "elften Feldspieler" Daniel Heuer Fernandes beinhaltet, sorgte für Unmut auf den Rängen. Es dauerte eine Weile, bis die Fans verstanden haben, dass eben jene Anspiele des Torwarts ein taktisches Stilmittel sind und nicht zwingend Ausdruck von Hilflosigkeit im Aufbauspiel ist.

Mittlerweile, so wirkt es, sind die Anhänger – vor allem auf den Sitzplatztribünen – geduldiger geworden und haben den "Walter-Ball" verstanden und irgendwie auch in ihr Herz geschlossen. "Es war nicht immer so mit unseren Zuschauern. Ich habe ja schon zu Beginn gesagt, dass es vielleicht etwas chaotisch werden könnte. Da haben uns auch Pfiffe begleitet. Aber mittlerweile hat es eine Entwicklung hin zu einer Symbiose gegeben. Es macht unheimlich viel Spaß, ins Stadion reinzukommen und die Hütte ist voll", sagt Walter.

HSV ist der Zuschauerkrösus der Zweiten Liga

In dieser Saison ist der HSV mal wieder der Zuschauermagnet im Bundesliga-Unterhaus. Zunächst hatten die Hamburger mit 28.000 Fans pro Partie kalkuliert, später wurde die Prognose auf 35.000 angehoben. Zu den vier Heimspielen gegen die mehr oder weniger attraktiven Gegner Hansa Rostock, 1. FC Heidenheim, Darmstadt 98 und den Karlsruher SC kamen im Schnitt 46.790 Fans. Gut für die Stimmung, sehr gut für die Finanzen.

Kein anderer Zweitligaclub kommt annähernd auf den Zuschauerschnitt des HSV. Zweiter im Ranking ist der 1. FC Kaiserslautern mit 37.456 Anhängern pro Heimspiel. Dabei ist die Heimbilanz des Walter-Teams in dieser Saison maximal durchschnittlich. Den zwei knappen Siegen gegen Heidenheim (1:0) und KSC (1:0) stehen zwei ebenso knappe Niederlagen gegen Hansa Rostock (0:1) und Darmstadt 98 (1:2) gegenüber.

HSV-Fans dürfen mit Walter plaudern

"Alle unterstützen uns, weil sie das mittragen, was wir versuchen, auf den Platz zu bringen. Wir wollen mit viel Leidenschaft, Energie und gutem Fußball die Jungs und Mädels mitnehmen. Da gibt es eine Identifikation mit dem HSV. Das versuchen wir vorzuleben", erklärt der HSV-Trainer.

Und Walter geht in Sachen Identifikation voran. Immer wieder betont der Coach, dessen Vertrag im Sommer 2023 ausläuft und bisher nicht verlängert wurde, wie wohl er sich in der Stadt und im Verein fühlt. Das kommt auch bei den Anhängern an, die mit der extrem selbstbewussten – Kritiker sagen leicht arroganten – Außendarstellung zunächst massiv gefremdelt hatten.

Doch Tim Walter verbiegt sich eben nicht, er polarisiert mit Aussagen und seiner Spielweise, doch den Fans gegenüber präsentiert er sich meist nahbar. Nach den Trainingseinheiten und Spielen sucht er die Nähe zu den HSV-Anhängern, ist fast immer für einen Plausch und Selfies zu haben. Das wird honoriert. Wenn bei der Mannschaftsaufstellung im Volkspark sein Vorname verlesen wird, brüllen die Fans seinen Nachnamen voller Inbrunst.

Corona und Ukraine-Krieg: Wie entwickelt sich die Zuschauerzahl beim HSV?

Wie viele Anhänger sich in den kommenden Monaten im Volksparkstadion die Seele aus dem Leib singen und brüllen, lässt sich aktuell nur schwer prognostizieren. Zum einen ist es nicht ausgeschlossen, dass wegen möglicher steigender Corona-Zahlen in der dunklen Jahreszeit wieder Einschränkungen zum Tragen kommen könnten, zum anderen belasten die gestiegenen Energie-und Lebenshaltungskosten infolge des Ukraine-Krieges die Kaufkraft der Menschen. Beim HSV ist man sich dessen bewusst.

Umso mehr freut man sich über den Zuspruch der Anhänger und ein volles Volksparkstadion – so wie am Sonnabend gegen Fortuna Düsseldorf, wenn die "Jungs und Mädels", wie es Tim Walter so gerne sagt, die Mannschaft zum dritten Heimsieg singen wollen.

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