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Aufstieg geplatzt? Von wegen! Wie sich der HSV zurückkämpfte

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HSV-Trainer Tim Walter und sein Co-Trainer Merlin Polzin ballen die Fäuste: Der HSV hat den Aufstieg wieder in der eigenen Hand.

HSV-Trainer Tim Walter und sein Co-Trainer Merlin Polzin ballen die Fäuste: Der HSV hat den Aufstieg wieder in der eigenen Hand.

Foto: Witters

Warum der HSV diesmal nicht eingebrochen ist, Walters und Boldts Zukunft offen bleibt und welche Profis zu Geld gemacht werden könnten.

Hamburg. Tim Walter wirkte belustigt, als er vor laufender TV-Kamera auf den Aufstiegskampf angesprochen wurde. „Hätte, hätte, Fahrradkette“, sagte der zu Scherzen aufgelegte Trainer des HSV bei Sky. „Wenn wir keine Spiele gewinnen, müssen wir nicht vom Aufstieg reden.“ Rund einen Monat sind diese Aussagen inzwischen her. Der HSV hatte an jenem Sonntag 0:1 in Kiel verloren und auch die letzte Aufstiegschance schien verspielt. 45 Punkte waren zudem die schlechteste Zweitligabilanz zu diesem Zeitpunkt der Saison.

In der Folge verloren die Fans die Lust am HSV, das Stadion wurde leerer. Die „Bild“ errechnete zu jener Zeit eine Aufstiegswahrscheinlichkeit von null Prozent. Auch das Abendblatt glaubte nicht mehr ernsthaft an die Bundesliga und kommentierte, dass – anders als in den Vorjahren – nun zumindest rechtzeitig Planungssicherheit über die Ligazugehörigkeit herrsche, die es nun auch bitte zu nutzen gelte.

HSV glaubt wieder an den Aufstieg

Vier Wochen später sieht die Fußballwelt völlig anders aus. Der HSV gewann vier Ligaspiele in Folge, holte in dieser Zeit zehn (St. Pauli) beziehungsweise sechs (Darmstadt) Punkte auf die Aufstiegsrivalen auf, kletterte dadurch in der Tabelle von Platz sechs auf Platz drei und ist plötzlich nicht mehr von den Ergebnissen der Konkurrenten abhängig. „Wir waren gefühlt schon weg, sind dann noch einmal herangekommen und haben es jetzt wieder in der eigenen Hand“, sagte jüngst Sportdirektor Michael Mutzel bei Sky. „Wir sind total zuversichtlich und optimistisch und freuen uns auf das, was kommt.“

Was kommt, könnte am Sonntag bereits der direkte Aufstieg sein, wenn der Tabellenzweite Werder Bremen zu Hause gegen Regensburg verliert und der HSV in Rostock gewinnt. Realistischer ist wohl die Relegation gegen den 16. der Bundesliga. Möglich ist aber auch, dass die Hamburger bei Hansa weniger Punkte als Darmstadt zu Hause gegen Paderborn holen und am Ende zum vierten Mal in Folge Vierter werden.

Aufstieg? Wie sich der HSV zurückkämpfte

Unabhängig von der finalen Platzierung hätten vor wenigen Wochen selbst die kühnsten Optimisten nicht mehr daran geglaubt, dass der HSV am letzten Spieltag überhaupt die Möglichkeit hat, um die Plätze zwei und drei mitzuspielen. Statt des von vielen Experten erwarteten Einbruchs folgte das größte Aufstiegscomeback in der Zweitligageschichte. Wie aber war das möglich?

Es ist hauptsächlich dem seit Saisonbeginn positiven Teamgeist zu verdanken, dass der HSV bei sich geblieben ist und wieder anfing, Spiele zu gewinnen. Der von zahlreichen Spielern häufig hervorgehobene „eingeschworene Haufen“ ist womöglich der größte Unterschied im Vergleich zu den Vorjahren, als der Club stets eine desaströse Rückrunde (siehe Tabelle) mit teilweise abenteuerlichen Ergebnissen wie ein 1:5 am letzten Spieltag der Saison 2019/20 gegen Sandhausen gespielt hatte und die Trainer Hannes Wolf (2019), Dieter Hecking (2020), Daniel Thioune (2021) reihenweise im Ligaendspurt den Rückhalt in der Kabine verloren.

Saison Trainer Punkte Hinrunde Platz Punkte Rückrunde Platz Punkte komplette Saison Platz
2018/19 Christian Titz/Hannes Wolf 37 1. 19 15 56 4
2019/20 Dieter Hecking 30 2. 24 7 54 4
2020/21 Daniel Thioune/Horst Hrubesch 36 1. 22 10 58 4
2021/22 Tim Walter 29 3. 28* 3* 57* 3*

Wie Walter die HSV-Profis hinter sich bringt

Eine Problematik, die sich unter Walter nicht wiederholt hat. Der Coach ist von sich selbst und seiner Spielidee zwar restlos überzeugt und versteckt diese Ansicht auch nicht nach außen, er diskutiert aber auch mit seinen Spielern über Themen, die auf dem Rasen nicht so gut laufen. Dadurch bindet Walter das Team in seine kleineren taktischen Anpassungen mit ein. Eine Art, die in der Mannschaft gut ankommt.

Und trotzdem ist es nach wie vor nicht sicher, dass Walter auch über die Saison hinaus Trainer beim HSV bleibt – und zwar unabhängig von einem möglichen Aufstieg. Aufsichtsrat Marcell Jansen und die weiteren Mitglieder des Kontrollgremiums werden die Situation nach der Saison mit offenem Ergebnis analysieren.

Nachdem sich zuletzt die Zweifler an Walter innerhalb des Clubs mehrten, dürfte bei den Fans ein weiterhin denkbarer radikaler Schnitt alleine wegen der jüngsten Siegesserie inzwischen deutlich schwieriger zu vermitteln sein. Auf der Nordtribüne war beim 2:1-Sieg gegen Hannover ein Banner mit den Worten „Konstanz statt Umbruch“ zu lesen.

Zumal es längst nicht mehr nur noch um Walters Zukunft, sondern auch um die von Sportvorstand Jonas Boldt und damit auch Nachwuchschef Horst Hrubesch geht.

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Muss der HSV Spieler verkaufen?

Sollte der Aufstieg letztlich verpasst werden, ist auch die Zukunft einiger Leistungsträger offen. Denkbar ist, dass der HSV wie in allen Zweitligajahren auf einen hohen Transfererlös angewiesen ist. Als mögliche Verkaufskandidaten, mit denen der Club das meiste Geld einnehmen könnte, gelten Josha Vagnoman, Ludovit Reis, Tim Leibold und Robert Glatzel. Auch der Verbleib von Sonny Kittel stünde bei einem weiteren Jahr in der Zweiten Liga auf dem Prüfstand.

Doch zunächst einmal steht am Sonntag ein wichtiges Zweitligaspiel auf dem Programm, nach dessen Ende Tim Walter wieder vor der Kamera stehen wird. Möglicherweise kann er dann sogar vom Aufstieg reden.

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