Derby gegen St. Pauli

Wie Walter den HSV seit dem Hinspiel verändert hat

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Intensiver Kampf zwischen Sonny Kittel (v.l.), Daniel-Kofi Kyereh und Jan Gyamerah. Im Hinspiel setzte sich St. Pauli mit 3:2 durch.

Intensiver Kampf zwischen Sonny Kittel (v.l.), Daniel-Kofi Kyereh und Jan Gyamerah. Im Hinspiel setzte sich St. Pauli mit 3:2 durch.

Foto: imago/Oliver Ruhnke

Vor dem achten Zweitligaderby zwischen dem HSV und dem FC St. Pauli geben sich beide Trainer kämpferisch.

Hamburg. „Unser Stadtnachbar.“ Timo Schultz ist da in seinem „Wording“, wie es neudeutsch wohl heißt, sehr konsequent. Die Buchstabenfolge H-S-V nimmt der Trainer des FC St. Pauli fast nie in den Mund, der Lokalrivale aus Bahrenfeld bleibt für ihn und viele Anhänger des Millerntorclubs unaussprechlich. Auch (und gerade?) vor dem 107. Stadtderby an diesem Freitag (18.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) im Volksparkstadion.

Dabei geht es zumindest für den HSV um mehr als „die Stadtmeisterschaft“. Bei einer Niederlage würde der Abstand auf den Tabellenführer vom Kiez schon auf neun Punkte anwachsen – im Kampf um den Bundesligaaufstieg geht das eigentlich nicht. Auch wenn Schultz betont: „Es gibt nur drei Punkte und danach geht es weiter.“

Beide Clubs treffen bereits zum achten Mal in Folge in der Zweiten Liga aufeinander. Eine „Tradition“, mit der auch niemand gerechnet hatte, als sich beide am 18. September 2018 erstmals in der Fußballgeschichte im Unterhaus trafen.

Wie Walter den HSV verändert hat

Für HSV-Trainer Tim Walter ist es allerdings erst das zweite Derby. Dem Badener fehlt die Hamburger Fußball-Sozialisation, wie sie der Kollege Schultz in seinen mehr als 17 Jahren am Millerntor genossen hat. Der 44-Jährige spürt deshalb bereits das „Kribbeln in der Stadt“ und ordnete sogar nach der 2:1-Pokalsensation gegen Borussia Dortmund die Derbysiege höher ein in der Reihe seiner schönsten Siege.

Schultz ist als Cheftrainer in drei Partien gegen den HSV auch noch ungeschlagen. Zuletzt gab es einen 3:2-Sieg am Millerntor im Hinspiel dieser Spielzeit, als St. Pauli den HSV in der ersten Halbzeit an die Wand spielte. Doch seit diesem Aufeinandertreffen sind fünf Monate vergangen, in denen Walter seinen zunächst hochriskanten Spielaufbau in eine etwas konservativere, aber noch immer äußerst mutige Variante mit weniger Positionswechseln modifiziert hat.

Schultz sieht beim HSV eine positive Entwicklung

Die Parallele: Beide Mannschaften haben Probleme, ins Spiel zu kommen, wenn der Gegner extrem aggressiv anläuft und schon im Aufbau stört. Das war bei den Niederlagen von St. Pauli in Darmstadt (0:4) und in Kiel (0:3) der Fall, der HSV sah zuletzt bei den 1:1-Unentschieden gegen Schalke 04 und in Dresden sowie in der Anfangsphase beim Pokalsieg in Köln nicht gut aus. „Wir haben in Köln und Dresden eine Weile gebraucht, um reinzukommen“, räumte Walter ein. Genau das darf sich sein Team aber am Freitag nicht erlauben. Acht Tore haben die Schnellstarter vom Kiez in der ersten Viertelstunde geschossen, so viele wie keine andere Mannschaft in der Liga.

„Wir haben uns weiterentwickelt, uns verändert. Unser Spiel ist besser geworden, die Abläufe sind inzwischen viel genauer“, betont der HSV-Coach mit Blick auf die Saison, „Entwicklung hört nie auf. Nur wer hart arbeitet, kann am Ende auch ernten.“

Schultz hat diese Entwicklung „beim Stadtrivalen“ interessiert wahrgenommen. „Die Handschrift des Trainers ist extrem zu sehen. Ich mag das, mir macht es Spaß, den Fußball von Tim Walter anzusehen.“ Der HSV-Trainer freute sich über das Lob. In vielen Statistiken über die Wahrscheinlichkeit von Punktgewinnen steht sein Team klar vor St. Pauli. Der HSV hat zudem den meisten Ballbesitz, die beste Passquote, die viertmeisten Torschüsse und die wenigsten Gegentreffer zugelassen. „Ich gehe davon aus, dass sie in der Rückserie mehr Spiele gewinnen und bis zum Ende oben dabei sein werden“, sagt Schultz.

Grundsätzlich stellt St. Paulis Trainer dem HSV deshalb ein gutes Zeugnis aus. „Ich sehe dort eine positive Entwicklung mit einer sehr jungen Mannschaft. Es kommt Stabilität rein, sie haben nur zwei Spiele in dieser Saison verloren.“ Eines davon gegen den FC St. Pauli, der damals, sagt Walter, „mehr Glück hatte“. Was man angesichts eines verweigerten Foulelfmeters gegen Bakery Jatta beim Stand von 1:1 durchaus so stehen lassen kann. „Dieses Glück holen wir uns zurück“, sagt der HSV-Trainer.

HSV-Trainer Walter vor dem Stadtderby: "Die Jungs sind heiß"

HSV und St. Pauli sind vom Pokal müde

Müdigkeit soll bei beiden Teams nach ihren intensiven Pokalspielen keine Rolle spielen. Seine Mannschaft sei voller Energie, brauche 100 Prozent Energie und werde die Partie mit „brutal viel Energie“ angehen, sagte Walter. Achtmal „Energie“ in handgestoppten 20 Minuten und 13 Sekunden. „Das Wichtigste ist, das schöne Erlebnis am Freitag viel mehr in den Vordergrund zu heben.“

Genau wie beim HSV sind St. Paulis Spieler alle fit, so der Trainer. Auch Leart Paqarada redet die Belastung gegen den BVB klein: „Wir sind heiß. Der Sieg gegen Dortmund gibt uns das nötige Selbstvertrauen.“ Nur der positiv auf Corona getestete Igor Matanovic fehlt, dafür könnte Topvorbereiter Daniel-Kofi Kyereh wieder eingreifen. Der Deutsch-Ghanaer war am Donnerstag aus Kamerun vom Afrika Cup zurückgekehrt. „Ein gesunder und fitter Kofi ist für uns natürlich eine Option auf dem Platz“, sagt Schultz.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

  • Hamburger SV: Heuer Fernandes – Heyer, Vuskovic, Schonlau, Muheim – Meffert – Reis, Kittel – Jatta, Glatzel, Alidou.
  • FC St. Pauli: Vasilj – Ohlsson, Medic, Lawrence, Paqarada – Smith – Becker, Irvine, Hartel – Burgstaller, Amenyido.

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