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Warum das Dresden-Spiel zur Blaupause für die Rückrunde wird

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Ludovit Reis (21) traf beim Hinspiel in Hamburg gegen Dresden zur 1:0-Führung für den HSV.

Ludovit Reis (21) traf beim Hinspiel in Hamburg gegen Dresden zur 1:0-Führung für den HSV.

Foto: Valeria Witters / WITTERS

Gleiche Prinzipien, neue Statik: Seit dem Hinspiel gegen Dynamo passte der HSV sein System an. Eine Umbesetzung war dabei entscheidend.

Hamburg. Der HSV spielte wie im Rausch. Angriffswelle um Angriffswelle rollte auf das Tor von Dynamo Dresden zu. Mit der ersten Chance traf Neuzugang Ludovit Reis schon in der fünften Minute zum 1:0. Die Hamburger hielten das Tempo hoch und hätten nach 10:1 Torschüssen eigentlich schon zur Halbzeit höher führen müssen. Der neue Trainer Tim Walter und sein junges Team begeisterten mit Hurra-Fußball. Es war der zweite Spieltag der Saison. Doch am Ende des Volldampfauftritts gab es einen herben Dämpfer. Der HSV konnte das hohe Tempo nicht halten und kam nach einer schwächeren zweiten Halbzeit nicht über ein 1:1 hinaus.

Es ist mal wieder viel passiert seit diesem 1. August 2021. Der HSV hat einen neuen Vorstand, einen veränderten Aufsichtsrat, Spieler kamen (Marko Johansson, Mario Vuskovic, Tommy Doyle) und gingen (Toni Leistner, Klaus Gjasula, Amadou Onana). Vor allem aber hat sich das Spiel des HSV in den vergangenen fünfeinhalb Monaten verändert. Aus dem hochintensiven, mitunter spektakulären und phasenweise auch wilden Walter-Fußball ist in den Wochen vor der Winterpause ein kontrollierter und vor allem auch erfolgreicherer Fußball geworden.

An seinen Grundprinzipien hält der HSV-Trainer aber auch zum Start der Restrückrunde an diesem Freitag im Rückspiel bei Dynamo Dresden (18.30 Uhr/Sky und Liveticker auf Abendblatt.de) fest: hohe Intensität, viel Ballbesitz, mutiges Spiel von hinten heraus, schnelles Gegenpressing.

HSV passte seit Hinspiel gegen Dresden Taktik an

Doch die vielen Positionswechsel, die noch zu Saisonbeginn das HSV-Spiel prägten, sind weniger geworden. Die Mannschaft steht organisierter und nach Ballverlusten nicht mehr so offen wie im ersten Saisondrittel. Walter reagierte auf Hinweise der sportlichen Leitung, aber auch aus der eigenen Mannschaft, und passte seinen Fußball an. Die Devise aber bleibt gleich, wie Walter vor dem Rückspiel ankündigte: „Es gibt nur eine Belastung, und die heißt Vollgas.“

Für den HSV wird das Spiel gegen Dresden auch eine Blaupause für den Rest der Rückrunde. Dresden gilt als konterstarke Mannschaft, die ihre Stärken im Umschaltspiel hat. Sie wird den HSV das Spiel machen lassen. So wie fast alle Teams der Liga in den kommenden Wochen.

Walter muss beweisen, dass seine Mannschaft den Entwicklungsprozess fortsetzen kann und es dem Club nicht so geht wie in den vergangenen drei Jahren, als auf eine gute Hinrunde jeweils in der Rückrunde der Einbruch folgte. Gegen diese Geister wird der HSV wieder ankämpfen müssen. Auch wenn Walter daran keine Gedanken verschwenden will. „Was in der Vergangenheit war, kann ich nicht beeinflussen“, sagte der Coach und setzt auf die intrinsische Motivation seiner Spieler. „Da sehe ich eine Mannschaft, die hungrig ist, die voller Energie, voller Leidenschaft und voller Ehrgeiz ist.“

Eine Umstellung sorgte für Stabilität

Seine Formation hat Walter mittlerweile gefunden. Zu seiner Achse aus Torwart Daniel Heuer Fernandes, Kapitän und Innenverteidiger Sebastian Schonlau, Sechser Jonas Meffert, Spielmacher Sonny Kittel und Stürmer Robert Glatzel gehört mittlerweile auch Ludovit Reis, der im Duell mit David Kinsombi die Nase vorn hat. Interne Daten belegen, dass Reis zwar häufiger mal den Ball verliert, in der Rückgewinnung aber der stärkste HSV-Spieler ist.

Für wichtige Stabilität sorgte auch die Umstellung, Moritz Heyer als Rechtsverteidiger für Jan Gyamerah einzusetzen. Gyamerah wird jetzt zwar hinten links gebraucht, perspektivisch dürfte er seinen Platz im Laufe der Rückrunde aber wieder an Miro Muheim verlieren, der intern eine höhere Wertschätzung genießt. Der noch immer angeschlagene Josha Vagnoman dürfte es dagegen schwer haben, sich im System von Walter zurechtzufinden.

Becker und Walter haben eine persönliche Wette laufen

Während der HSV bis zum Ende der Transferfrist noch einen variablen Offensivspieler verpflichten will, hat Dresdens Sportchef Ralf Becker mit Vaclav Drchal (22/Sparta Prag) und Oliver Batista Meier (20/Bayern München II) bereits zwei neue Angreifer geholt. Für Dynamo geht es darum, nicht in die Abstiegszone zu rutschen. „Es wird noch eine brutal harte Rückrunde“, sagte Becker.

Der 51-Jährige weiß das aus eigener Erfahrung mit dem HSV. Vor drei Jahren hatten seine Hamburger die schlechte Rückrunde und den damit verbundenen Nichtaufstieg noch vor Weihnachten mit einem 1:3 bei Holstein Kiel eingeleitet. Trainer der Störche war damals ein gewisser Tim Walter, den Becker ein halbes Jahr zuvor als seine letzte Amtshandlung selbst noch nach Kiel geholt hatte.

Heute ist Walter Trainer beim HSV und Becker der Manager in Dresden. Noch immer verstehen sich die früheren Karlsruher bestens. Nach dem Hinspiel im August gingen Becker und Walter im Abendblatt-Podcast eine freundschaftliche Wette für das Rückspiel an diesem Freitag ein. Beckers Vorschlag: „Wenn wir gewinnen, spendest du 1000 Euro an eine soziale Einrichtung in Dresden. Wenn ihr gewinnt, mache ich das für eine soziale Einrichtung in Hamburg. Bei Unentschieden spenden wir beide 500 Euro“, sagte Becker.

1000 Fans in Dresden dabei

Walter ging darauf ein. „Ich bin mir sicher, dass wir das in der Rückrunde wuppen werden und Ralf schon mal die Kohle lockermachen kann“, sagte Walter im Spaß zu der Wette, die aber durchaus ernst gemeint war.

Die Auflösung gibt es an diesem Freitag. 1000 Zuschauer dürfen im Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden dabei sein. Für den HSV geht es danach Schlag auf Schlag weiter. Schon am Dienstag reisen die Hamburger weiter zum DFB-Pokal-Achtelfinale beim Bundesligisten 1. FC Köln. Am Freitag in einer Woche kommt der Stadtrivale und Tabellenführer FC St. Pauli zum Derby ins Volksparkstadion.

„Wir freuen uns auf die kommenden Aufgaben und blicken optimistisch in die Zukunft“, sagte Walter. „Wir wollen unseren Weg mit Mut und Bereitschaft weitergehen.“ Mit Angriffsfußball wie im Hinspiel im Sommer – und Kontrolle wie in den Wochen vor Weihnachten.

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