HSV vs. Rostock

Die Besonderheiten des vergessenen Nordderbys

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Henrik Jacobs
Der damalige Rostocker Christian Rahn (l.) zieht im November 2007 an HSV-Profi Vincent Kompany vorbei.

Der damalige Rostocker Christian Rahn (l.) zieht im November 2007 an HSV-Profi Vincent Kompany vorbei.

Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Nach 13 Jahren kommt es wieder zum Duell zwischen dem HSV und Rostock. Der ehemalige Hansa- und Hamburg-Profi Rahn erklärt den Reiz.

Hamburg. Christian Rahn wird gerade auf dem Seeweg nach Madeira sein, wenn der HSV am Sonntag Hansa Rostock empfängt. Der frühere Nationalspieler und aktuelle Trainer des HSV III macht eine Kanaren-Kreuzfahrt auf der „Aida“. Und verpasst somit im Urlaub ausgerechnet das Spiel seiner Ex-Vereine.

„Es wird mir sicher schwerfallen, vom Spiel nichts mitzubekommen, da ich in dieser Saison bis auf eine Ausnahme alle Heimspiele gesehen habe“, sagt Rahn drei Tage vor dem Nordderby im Gespräch mit dem Abendblatt. Zumal es eine ganz besondere Begegnung sein wird – nicht nur für ihn. Erstmals seit 13 Jahren treffen der HSV und Hansa Rostock im deutschen Profifußball wieder in einem Pflichtspiel aufeinander.

HSV vs. Rostock – das vergessene Nordderby

Rahn war als Rostocker dabei, als sich die beiden Traditionsclubs das bislang letzte Mal in der Bundesliga gegenüberstanden. Im November 2007 spielte Hansa im Volksparkstadion. Neben Rahn standen bei Rostock mit Stefan Beinlich, Torhüter Stefan Wächter und Trainer Frank Pagelsdorf drei weitere alte Bekannte aus Hamburger Zeiten auf der Hansa-Seite. Doch gegen den starken HSV um Rafael van der Vaart, Ivica Olic, Vincent Kompany und Jérôme Boateng war Rostock in beiden Spielen chancenlos. Am Ende der Saison stieg Hansa aus der Bundesliga ab. „Wir hatten einfach nicht die Qualität und sind zu Recht abgestiegen“, sagt Rahn 13 Jahre später.

Es war der Beginn des Rostocker Absturzes, der zwischenzeitlich beinahe in der Regionalliga und der Insolvenz endete. Doch dank staatlicher Hilfen und der Unterstützung der Fans blieb Hansa in all den Drittligajahren überlebensfähig. Und feierte im Mai nach neun Jahren die lang ersehnte Rückkehr in die Zweite Liga. Auch Rahn, der zwischen 2006 und 2008 für Rostock spielte, freute sich. Vor allem auch für eine ganze Region.

„In Mecklenburg-Vorpommern gibt es auf der Fußball-Landkarte nur Hansa. Für viele Menschen dort sind die Hansa-Heimspiele ein Highlight. Rostock hat die starke Fanbase immer ausgezeichnet. Nicht nur zu Hause, sondern auch auswärts“, sagt Rahn, der 2007 eines seiner Karriere-Highlights erlebte, als er mit einem Freistoßtor am letzten Spieltag gegen Unterhaching kurz vor Schluss die Rostocker Rückkehr in die Bundesliga besiegelte und hautnah spürte, was ein Aufstieg für Hansa bedeutet. Doch ein Jahr später ging es schon wieder runter.

Rostock reist ohne Fans zum HSV

Nun kommt es endlich wieder zum vergessenen Nordderby zwischen Hansa und dem HSV. Allerdings ohne die Rostocker Auswärtsfans, die schon das Spiel beim FC St. Pauli wegen der geltenden 2G-Regel boykottierten. Zudem dürfen aufgrund der neuen Corona-Eindämmungsverordnung in Hamburg am Sonntag nur 15.000 Zuschauer ins Volksparkstadion. Schade für beide Clubs, schließlich hätte Hansa unter normalen Umständen sicherlich mehr als 5000 Fans mitgebracht.

So wie in den 90er-Jahren, als das Nordduell zwischen dem HSV und Hansa zu den beliebtesten Spielen im Norden gehörte. Bevor Frank Pagelsdorf 1997 zum HSV wechselte, machte er Hansa wieder zu einem erfolgreichen Erstligisten. 1998 führte Sergej Barbarez die Rostocker mit seinen Toren sogar in den Europapokal. Barbarez sollte dann Pagelsdorf folgen und über den Umweg Borussia Dortmund im Jahr 2000 zum HSV wechseln.

In den Jahren darauf waren es immer enge Spiele zwischen Hamburg und Hansa. Einzig in Rostocks erster Abstiegssaison 2004/05 gab es für Hansa mal ein 0:6 und ein 0:3. Christian Rahn erlebte das Nordderby in diesen Jahren noch als Spieler des HSV. „Es war schon immer eines der größeren Spiele. Die richtigen Derbys würden die Rostocker aber eher mit St. Pauli verbinden“, sagt Rahn, der 2001/02 zweimal mit dem FC St. Pauli gegen Rostock verlor.

Die Rivalität zwischen dem HSV und Hansa hielt sich in Grenzen, weil es mit St. Pauli einen gemeinsamen Rivalen gab und noch immer gibt. Eine Fanfreundschaft hat sich trotz der ähnlichen Abneigung aber nie entwickelt.

HSV muss auf Hansa-Stürmer Verhoek aufpassen

Die prägenden Nordderbys waren für den HSV in den vergangenen Jahren die Duelle mit Werder Bremen und dem FC St. Pauli. Holstein Kiel kam vor drei Jahren als Nordrivale dazu. Nun ist mit Hansa ein weiterer Nordclub dabei. Für die Rostocker geht es nach den schweren Jahren in der Dritten Liga zunächst einmal darum, sich in der Zweiten Liga wieder zu etablieren. Mit 19 Punkten aus 16 Spielen liegt die Mannschaft von Trainer Jens Härtel aktuell im Soll.

Christian Rahn hat Hansa in dieser Saison bereits zweimal live gesehen. Einmal beim Heimspiel gegen Schalke (0:2), eine Woche später beim 2:0-Auswärtssieg in Kiel. Der 42-Jährige hält noch Kontakt zu seinen ehemaligen Mitspielern Stefan Beinlich (Nachwuchsleiter) und Martin Pieckenhagen (Sportvorstand), die inzwischen als Funktionäre nach Rostock zurückgekehrt sind.

Rahn kennt aus der aktuellen Mannschaft zwar keine Spieler mehr persönlich, kann die Mannschaft aber trotzdem gut einschätzen. „Hansas Lebensversicherung ist John Verhoek“, sagt Rahn über den früheren St.-Pauli-Stürmer, der bereits zehn Saisontore erzielt hat.

Wo HSV-Gegner Rostock Schwächen hat

Schwächen sieht Rahn dagegen in der Viererkette. Das zentrale Mittelfeld mit Bentley Baxter Bahn, Lukas Fröde, Simon Rhein und Hanno Behrens findet er wiederum „für die Zweite Liga echt gut“. Pieckenhagen habe die Mannschaft im Sommer sinnvoll verstärkt.

Das Wiedersehen mit Pieckenhagen fällt für Rahn aber aus. Ein Seetag auf der Aida steht auf dem Programm. Aber auch ohne seine Unterstützung sieht Rahn seinen HSV klar im Vorteil. Seine Rostocker wähnt er aber auch auf einem guten Weg. „Ich glaube, dass Hansa den Klassenerhalt schafft. Für das Spiel am Sonntag wird es aber nicht reichen.“ Und für Rahn ausnahmsweise auch nicht.

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