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Kittels Karriere-Retter: „Sonny hat immer mehr gearbeitet“

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Sonny Kittel (28) bringt es in dieser Saison bislang auf vier Tore und acht Assists.

Sonny Kittel (28) bringt es in dieser Saison bislang auf vier Tore und acht Assists.

Foto: Witters

In Ingolstadt, dem nächsten HSV-Gegner, stand Sonny Kittel am Scheideweg. Der Teamarzt führte den Profi wieder auf den richtigen Weg.

Hamburg. Florian Pfab ist in dieser Woche ein gefragter Mann. Am Dienstag stellte der Mannschaftsarzt von Bundesligist Eintracht Frankfurt das Covidgum vor. Ein Kaugummi, das das Ansteckungsrisiko einer Corona-Infektion verringern soll. Bundesweit sorgte Pfab mit dieser Neuheit für mediale Aufmerksamkeit. Am Donnerstagabend saß er dann schon wieder an der Seitenlinie beim Europa-League-Spiel der Eintracht gegen Royal Antwerpen (2:2), ehe am Sonntag bereits das nächste Bundesliga-Heimspiel gegen Union Berlin ansteht.

Trotzdem nahm sich Pfab am Freitagvormittag zehn Minuten Zeit, um über den HSV zu sprechen. Genauer gesagt über HSV-Profi Sonny Kittel. „Sonny ist ein ganz feiner Mensch. Es freut mich, wenn ich die Chance habe, etwas über ihn zu erzählen“, sagt Pfab auf einer Taxifahrt zwischen zwei Terminen.

HSV-Profi Kittel über Pfab: „Ein Glücksfall“

Zwischen dem Sportmediziner Pfab und dem Sportler Kittel besteht eine besondere Verbindung, seit sie drei Jahre lang beim FC Ingolstadt zusammengearbeitet haben. 2019 wechselte Kittel nach dem Abstieg in die Dritte Liga zum HSV – und trifft nun mit den Hamburgern am Sonntag (13.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) im Volkspark erstmals auf seinen bayerischen Ex-Club. Auf den Verein, dem er sich 2016 nach seinem Aus bei Eintracht Frankfurt angeschlossen hatte. Und dort mit Florian Pfab einen entscheidenden Wendepunkt seiner Karriere erlebte.

Dass Kittel heute körperlich im wahrscheinlich besten Zustand seit zehn Jahren und beim HSV seit Wochen der absolute Leistungsträger ist, hat er vor allem dem Arzt aus München zu verdanken. „Es war ein Glücksfall, dass ich auf ihn getroffen bin. Wenn ich auf meine bisherige Karriere zurückblicke, war Doktor Pfab einer der wichtigsten Menschen“, verriet Kittel vor einem Jahr im Podcast „Pur der HSV“.

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Kittel war genervt von einer Pfab-Maßnahme

Rückblick: Als Kittel nach vier schweren Knieverletzungen – zwei Kreuzbandrisse und zwei Knorpelschäden – bei seinem Jugendverein Eintracht Frankfurt 2016 keinen neuen Vertrag mehr bekam, wagte er in Ingolstadt einen Neustart. Doch bevor er bei den Oberbayern loslegen konnte, nahm ihn Mannschaftsarzt Pfab erst einmal raus.

Für Kittel, der fast vier Jahre seiner Karriere verloren hatte, schwer zu akzeptieren. „Es war nervig, weil ich nicht mehr verletzt war und von meiner Seite aus spielen konnte“, erzählte Kittel rückblickend. „Aber er hat mir erklärt, dass es ihm nicht darum geht, mich für zwei Wochen fit zu kriegen, sondern dass ich noch zehn Jahre Fußball spielen kann.“

Arzt: „Sonny hat unglaublich gut mitgezogen“

Gemeinsam mit seinem Team entwickelte Pfab also erst einmal ein Aufbauprogramm, analysierte Kittels Pro­blemzonen, nahm Vermessungen vor und veränderte biomechanische Eigenschaften. Über Monate lief dieser Prozess, an dessen Ende Kittel nach Jahren des größten Verletzungspechs endlich stabil war.

Seitdem hat der heute 28-Jährige binnen fünf Jahren weniger als zehn Spiele verpasst. „Es ging um präventives Arbeiten und Therapien, die langfristigeres Fußballspielen möglich machen“, sagt Pfab. „Sonny hat unglaublich gut mitgezogen. Es war ein Zusammenspiel vieler Leute, aber vor allem von Sonny selbst.“

Wie Kittel seinen Ehrgeiz entwickelte

Mit Ingolstadt erlebte Kittel binnen drei Jahren zwei Abstiege. Für ihn persönlich waren es aber drei ganz wichtige Jahre. „Für mich war es gut, mal rauszukommen aus Frankfurt. Und dann ging eine für mich erfolgreiche Zeit los“, sagte Kittel. Teamarzt Pfab musste den Mittelfeldspieler aber zunächst auch mental wieder aufbauen.

„Frankfurt war sein Herzensverein. Es war eine Enttäuschung da, vor allem aber über sich selbst und seine Verletzungen, die ihn von seinem Weg abgebracht haben“, erinnert sich Pfab. Er schaffte es, Kittel neues Vertrauen zu vermitteln. Und Kittel fand wieder Vertrauen in seine Knie.

In dieser Phase entwickelte der frühere U-17-Nationalspieler einen besonderen Ehrgeiz. „Sonny hat immer mehr gearbeitet als andere. Das war vorbildlich. Wir mussten sogar aufpassen, dass er nicht zu viel macht“, sagt Pfab.

Pfab: Kittel profitiert von positivem HSV-Umfeld

Schon in seinen jungen Jahren hatte Kittel mit seinem ungebremsten Ehrgeiz seinem Körper vermutlich zu viel zugemutet. Seine Knie reagierten. Auch wenn Pfab die schweren Verletzungen in erster Linie als Pech bezeichnet.

„Sonny hat das Pech umgewandelt in Glück. Er hat sich in Ingolstadt in einem positiven Umfeld mit seinem eigenen Willen da rausgekämpft. Dieses Umfeld hat er jetzt auch wieder in Hamburg“, sagt Pfab, der HSV-Mannschaftsarzt Götz Welsch seit Jahren kennt und schätzt.

Kittel ist beim HSV so stabil wie nie

Heute spielt Kittel unter der Betreuung der Hamburger Mediziner so stabil wie nie. Nahmen ihn die Trainer beim HSV in den vergangenen zwei Jahren aus Gründen der Belastungssteuerung immer mal wieder für einen Tag aus dem Training, verpasste der Topscorer des HSV seit Wochen keine Einheit mehr.

Auch beim DFB-Pokalspiel in Nürnberg wollte sich Kittel nicht schonen, machte stattdessen wenige Tage später gegen Kiel das dritte Spiel in einer Woche. Am vergangenen Sonnabend beim 4:1 gegen Jahn Regensburg überragte er alle.

Kittels Karriere begann gegen den HSV

Kittel hat beim HSV ein großes Ziel. Er will unbedingt mit den Hamburgern in die Bundesliga aufsteigen. Damit er sich seinen großen Wunsch erfüllen und noch mal in der Frankfurter Arena spielen kann. Dort, wo Kittels Karriere 2010 mit 17 mit einer Einwechslung gegen den HSV begann.

Florian Pfab ist nun seit drei Jahren Mannschaftsarzt bei den Hessen. Und würde sich freuen, seinen Wegbegleiter aus Ingolstadt wiederzusehen. „Sonny ist ein Bundesligaspieler“, sagt Pfab. „Ich würde es ihm und dem HSV von Herzen gönnen aufzusteigen.“

HSV: Johansson – Heyer, Vuskovic, Schonlau, Muheim – Meffert – Kittel, Reis – Alidou, Glatzel, Jatta.

FCI: Buntic – Antonitsch, Preißinger, Kotzke – Heinloth, Keller, Gaus – Gebauer, Stendera – Kutschke, Beister.

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