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Wie der HSV gegen St. Pauli um die junge Generation kämpft

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Junge HSV-Fans sind ein immer selteneres Bild im Volksparkstadion.

Junge HSV-Fans sind ein immer selteneres Bild im Volksparkstadion.

Foto: Witters

Der HSV sorgt sich um Stadionauslastung und Fan-Nachwuchs – und will die begehrte Nordtribüne attraktiver machen.

Hamburg. Die Mail, in der die Mitarbeiter des HSV an diesem Freitagmorgen über die aktuellen Verkaufszahlen für das anstehende Heimspiel am Sonntag gegen Aufsteiger Ingolstadt (13.30 Uhr/Sky und im Liveticker auf abendblatt.de) informiert wurden, dürfte einige unzufriedene Gesichter zurückgelassen haben. Erst rund 17.500 Zuschauer haben sich ein Ticket für das Zweitligaspiel im Volksparkstadion besorgt.

Ein Zustand, der zum einen an den steigenden Corona-Zahlen, aber auch an der fehlenden Attraktivität des Gegners und den hohen Ticketpreisen liegt. Schon jetzt ist klar: Nach dem jüngsten Heimspiel gegen Regensburg (23.505 Zuschauer) wird es nun den nächsten Negativwert in der Zweiten Liga ohne Corona-Beschränkungen geben.

HSV verliert Fans an St. Pauli

Im Volkspark läuten schon länger die Alarmglocken wegen der überschaubaren Zuschauerzahlen. Die Verantwortlichen beschäftigen sich permanent mit der Thematik, wie der Club gegen die branchenweit zu beobachtende Entfremdung des Fußballs, aber auch die Unsicherheit wegen des grassierenden Coronavirus ankämpfen kann. Dabei lautet die Kernfrage: Wie hält der HSV eine junge Generation beim Fußball?

Auf der Suche nach Antworten hat der Club die Beobachtung gemacht, dass einige junge Menschen an den FC St. Pauli abgewandert sind. Als Gründe für diese Entwicklung hat der HSV die bei Jugendlichen zunehmend an Bedeutung gewinnende politische Richtung des Kiezclubs sowie den nachhaltigen Aufbau einer entwicklungsfähigen Mannschaft ausgemacht.

Auch wenn diese Wahrnehmung des HSV nicht messbar ist, so ist der Club gewarnt, seine hohe Präsenz in der Stadt nicht zu verlieren. Deshalb sucht der HSV Kontakt zu der heranwachsenden Fangeneration.

HSV: Mehr Stehplätze und billigere Tickets?

Um das Stadionerlebnis für diese Zielgruppe attraktiver zu gestalten, wollen die Hamburger für eine stärkere Durchlässigkeit auf der begehrten Nordtribüne sorgen. Für ein größeres Angebot im Stehplatzbereich sollen ältere Fans von Sitzplätzen überzeugt werden. Aber auch eine Erweiterung der Stehplatzkapazität – zum Beispiel in Richtung des Tores – ist im Gespräch. Wegen der Corona-Pandemie wurden etwaige Pläne jedoch vorerst aufgeschoben.

Auch das Thema Ticketpreise sorgt beim HSV regelmäßig für Debatten. Klar ist, dass die Kosten für einen Stadionbesuch längst nicht mehr kongruent zum Tabellenstand sind. Diskutiert wird deshalb, ob ein Ticket in Zukunft zusätzlich für ein Spiel der Frauen oder Teams im Breitensport gelten könnte. Doch am Ende könnten wohl primär niedrigere Preise die Attraktivität eines Stadionbesuches für die junge Generation steigern.

HSV kämpft um junge Generation

Wie alle Vereine haben auch die Hamburger mit dem veränderten Konsumverhalten junger Menschen zu kämpfen. Viele geben sich mit kurzen Highlight-Videos zufrieden. Deshalb geht der HSV aktiv auf die junge Bevölkerung zu, um sie von einem emotionalen Stadionerlebnis zu überzeugen. Die Ideen sind vielseitig und reichen von der Mitgliedschaft ab der Geburt über den Kids-Club bis hin zu Events mit Dino Hermann, der Kitas besucht und als Motor dient. Zudem werden bei der Aktion „Der Hamburger Weg Klassenzimmer“ Schulklassen in den Volkspark gelockt.

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Mit seinen Initiativen wählt der HSV eine gezielte Ansprache der jeweiligen Altersgruppe. Jugendliche ab dem 13. Lebensjahr, für die ein Besuch auf der Nordtribüne erstmals interessant wird, können Mitglied bei den Young Ones werden. Außerdem werden sie über das Thema eSport an die Raute herangeführt und können eine der zahlreichen Fußballschulen besuchen. „Das sind viele Kontaktpunkte mit einer sehr hohen Qualität“, sagt Cornelius Göbel, Leiter der HSV-Fanbetreuung, im Gespräch mit dem Abendblatt. „Wir nehmen diese Investitionen sehr ernst, um junge Menschen an uns zu binden.“

Doch dieses Ziel, das früher noch ein Selbstläufer war, hat sich zur Herkulesaufgabe entwickelt. In seiner Historie hatte sich der HSV stets über sportlichen Erfolg definiert. Doch inzwischen gibt es eine komplette Generation, deren erfolgreichste Erlebnisse zwei gewonnene Relegationen gegen den Abstieg waren. Um unter der jüngeren Bevölkerungsgruppe trotz des seit zehn Jahren anhaltenden Negativtrends der Profis eine Faszination für den HSV zu entwickeln, hat sich der Club mit der Grundsatzthematik beschäftigt, wofür er eigentlich stehen will.

Warum der HSV neue Wege gehen muss

Daraufhin wurden in den vergangenen Jahren Schwerpunkte bei den Themen Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Verantwortung und Inklusion gesetzt. „Der HSV ist auf dem richtigen Weg, hat aber auch noch eine Menge Potenzial, die Fans stärker einzubinden“, sagt Göbel, der sich intern dafür starkmacht, nicht nur mit neumodischen Trendwörtern inflationär um sich zu werfen, sondern mit positiven Projekten voranzugehen, um authentisch zu bleiben.

Als eines von mehreren Beispielen nennt er die im kommenden März geplante Sonderausstellung im HSV-Museum zum Thema Einfluss rechter Strukturen der 80er-Jahre auf die HSV-Fanszene. „Das wird ein prägender Moment“, sagt Göbel über das Projekt einer fünfköpfigen Arbeitsgruppe.

Aber auch der Ankerplatz oder das ebenfalls gegen Diskriminierung kämpfende Netzwerk Erinnerungsarbeit sind Beispiele für die Wertekultur beim HSV. „Die Zeiten sind vorbei, dass wir ausschließlich über den sportlichen Erfolg junge Menschen begeistern“, sagt Göbel.

Doch so ganz ohne sportlichen Erfolg geht es eben auch nicht. Solange Erfolge wie ein Aufstieg ausbleiben, will der HSV Angebote für ein attraktiveres Stadionerlebnis schaffen – um die junge Generation nicht zu verlieren.

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