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„Nur Dreck“: Tim Walters Reise in die Vergangenheit

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Jakob Drechsler
Lange Haare, Ohrring: Tim Walter 2006 als Co-Trainer der Karlsruher A-Jugend.

Lange Haare, Ohrring: Tim Walter 2006 als Co-Trainer der Karlsruher A-Jugend.

Foto: Picture Alliance

HSV-Trainer plaudert vor der Rückkehr zu seinem Ex-Verein Karlsruher SC aus dem Nähkästchen. Und Walter hat eine lange KSC-Geschichte.

Hamburg. Ein Jahr Spieler, neun Jahre lang Fußballlehrer – beim Karlsruher SC legte Tim Walter die Grundsteine für seine aktuelle Karriere als Cheftrainer des HSV. Mit dem Zweitligisten unternimmt der 45-Jährige am kommenden Spieltag nun also die berühmte Reise in die Vergangenheit: Am Sonnabend (20.30 Uhr/Sky und Sport1 sowie im Liveticker auf abendblatt.de) tritt Walter mit Hamburg an seiner alten Wirkungsstätte an.

Er schaue immer, wie es um den KSC steht, sagt Tim Walter. Daher sei er auch stets im Bilde, was sich bei seinem Ex-Verein positiv, aber zwischenzeitlich durchaus auch negativ entwickelt habe. Insgesamt sei es Karlsruhe trotz "etwas weniger finanziellen Unterstützungen" immer wieder gelungen, im Nachwuchsbereich "ganz, ganz viele Jungs" herauszubringen.

HSV-Trainer Walter holte Calhanoglu zum KSC

Er weiß, wovon er spricht – schließlich durchliefen unter anderem die heutigen Profis Sead Kolasinac (FC Arsenal), Berkay Özcan (später HSV/jetzt Istanbul Basaksehir) oder Jannik Dehm (Hannover 96) auch seine Karlsruher Schule. Außerdem landete einst der spätere HSV-Star Hakan Calhanoglu (Inter Mailand) auf Walters Geheiß beim KSC.

Am Adenauerring hatte es Walter in seiner Zeit als Nachwuchstrainer mit einigen Protagonisten zu tun, die später so wie er nun selbst ebenfalls in Hamburg ihr Glück versuchten. Unter Markus Kauczinski, von 2017 bis 2019 Cheftrainer des FC St. Pauli, agierte er ab 2006 zunächst als Assistent bei der U19. Seinen damaligen Kollegen bezeichnet Walter heute als eine Art "Ziehvater".

KSC-Erfolge führten Walter zu den Bayern

Die A-Jugend übernahm Walter nach Zwischenstationen bei der U15 (Süddeutscher C-Jugendmeister 2012) und U17 schließlich selbst – und scheiterte mit der Mannschaft 2015 im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft denkbar knapp am FC Schalke 04 (1:2/1:1). Zu diesem Zeitpunkt hatte beim KSC Jens Todt bereits die Geschicke des zum HSV abgewanderten Sportchefs Oliver Kreuzer übernommen.

Todt wagte 2017 ebenfalls den Schritt an die Elbe – und Walter bereits zwei Jahre zuvor den Gang zum FC Bayern München, dessen Präsidenten Uli Hoeneß die Erfolge des Badeners mit der Karlsruher Jugend nicht entgangen waren. Immerhin eine kolportierte Ablösesumme von 250.000 Euro ließ sich der Rekordmeister die Dienste des damaligen Jugendtrainers kosten.

Walters Heimat ist nicht mehr Karlsruhe

Bei den Bayern durchlief Walter als Trainer die B-Jugend, mit der er 2017 Deutscher Meister wurde, sowie die zweite Mannschaft. Auch mit der U23 feierte er Erfolge, die ihn schließlich zu Zweitligist Holstein Kiel und seinem Einstieg ins Profigeschäft führten.

Eine prägende Zeit, weshalb Walters Frau mit den drei Kindern auch heute noch in der bayerischen Landeshauptstadt lebt. "München ist meine Heimat", betont der Fußballlehrer. In Karlsruhe beschleichen ihn dagegen vergleichsweise wenig Heimatgefühle. Bis auf seinen in der Umgebung wohnenden Vater und Bruder sowie seinen besten Freund verbindet ihn nach eigener Aussage nicht mehr viel mit der Fächerstadt.

Walter erlebte KSC-Highlights live mit

In den Neunzigern sah das noch ganz anders aus. Die glorreichen Zeiten der jüngeren Karlsruher Vereingeschichte mit den magischen Europapokalnächten in der Saison 1993/94 und dem 7:0-Heimsieg gegen den FC Valencia als Höhepunkt hat Walter allesamt live im Stadion verfolgt. "Da war ich noch Jugendspieler beim KSC", erinnert sich der heute 45-Jährige – der auch sonst noch allerhand Anekdoten aus seiner Karlsruher Zeit parat hat.

Vor allem über die zu seiner Zeit "unterirdischen" Platzbedingungen plaudert Walter vor der HSV-Reise nach Karlsruhe aus dem Nähkästchen. "Wir hatten zwei Kunstrasenplätze und einen Rasenplatz, der überhaupt keine Maße hatte. Das war eigentlich nur Dreck, da war kein Rasen zu sehen", erzählt Walter.

Dennoch ist der gebürtige Bruchsaler weit davon entfernt, über seinen alten Club herzuziehen. "Ich werde dem Verein immer zu Dank verpflichtet sein", sagt Walter: "Mann konnte in Ruhe arbeiten, sich verwirklichen und aus wenig viel machen. Es war eine familiäre Atmosphäre."

KSC-Stadion: Walter hat darüber gelächelt

Und die Infrastruktur sei inzwischen ebenfalls "richtig, richtig gut". Das liege vor allem an dem aktuellen Stadionneubau, für den schon Walter mitgekämpft hatte – allerdings mit geringen Illusionen. "Da haben wir immer gelächelt und gesagt, 'bis das mal fertig ist, sind wir nicht mehr da'", sagt Walter. Bei seiner Rückkehr mit dem HSV ist der BBBank Wildpark nun immerhin schon halbfertig. Und auf der Baustelle wird zum Topspiel am Sonnabend auch Papa Reinhard (75) Platz nehmen.

Zeit zum Plaudern wird dabei kaum bleiben, und auch die Geburtstagswünsche der Familie wird Tim Walter aus der Ferne entgegen nehmen müssen. Zwei Tage nach dem Duell mit dem KSC geht der HSV-Trainer in sein neues Lebensjahr – gefeiert wird dann schon wieder in Hamburg, am liebsten mit einem vorgezogenen Drei-Punkte-Geschenk seiner Spieler im Gepäck.

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