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„Die Mannschaft auszupfeifen, fand ich zu hart“

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Der HSV tritt in der 2. Bundesliga auf der Stelle. Nach dem sechsten Remis hadert der Club mit sich, den Fans und dem VAR.

Hamburg. Am Ende konnte sich selbst der stets diplomatische Michael Mutzel nicht mehr auf die Zunge beißen. „Wir haben keinen Bock mehr auf Unentschieden. Das nervt“, sagte der Sportdirektor des HSV am Sonntagvormittag. Fast 20 Minuten lang hatte Mutzel über das 1:1 (1:0) am Abend zuvor gegen Fortuna Düsseldorf und die Lage im Volkspark nach zehn Spieltagen gesprochen.

Er hatte versucht zu erklären, warum der HSV nun schon zum sechsten Mal nur einen Punkt holte. Warum seine Mannschaft zum wiederholten Mal eine Führung verspielte. Oder warum die Hamburger schon zum zweiten Mal in Überzahl einen Ausgleich kassierten.

HSV-Trainer Walter: „Wir sterben in Schönheit“

Der Frust des HSV war verständlich. Bis auf das Spiel beim FC St. Pauli am dritten Spieltag, der bislang einzigen Niederlage der Saison, war das Team von Trainer Tim Walter in bislang jedem Spiel die dominantere Mannschaft. So auch am Sonnabend. Doch nicht einmal 67 Minuten in Überzahl und eine 1:0-Führung reichten gegen Düsseldorf zum zweiten Heimsieg.

Stattdessen wurde es nach dem 1:1 gegen Dresden, dem 2:2 gegen Darmstadt und dem 2:2 gegen Nürnberg die vierte Punkteteilung im fünften Spiel im Volksparkstadion. „Das Spiel war symptomatisch für die bisherige Saison. Wie kreieren viele Torchancen, aber wir belohnen uns nicht. Wir sterben in Schönheit und lassen den Gegner am Leben“, sagte Walter.

Hamburger liegen nur noch auf Platz acht

Auch gegen die Fortuna verpasste es der HSV nach der 1:0-Führung durch das schöne Tor von Robert Glatzel (19.) und der berechtigten Roten Karte für Edgar Prib nach Videoüberprüfung (23.), das Spiel frühzeitig zu entscheiden. Chancen waren genügend da. Doch Sonny Kittel (32.), Glatzel (52.) und Robin Meißner bei seiner Startelfpremiere in dieser Saison (55.) verpassten das 2:0. Ein Déjà-vu-Erlebnis. 22 Großchancen hat der HSV in dieser Saison bereits vergeben. Das ist ligaweit der absolute Höchstwert vor Schalke und Werder (je 16) und verdeutlicht das größte Problem des Teams.

Mit 15 Zählern aus zehn Spielen liegen die Hamburger auf Platz acht tabellarisch hinter den Erwartungen zurück.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. HSV 10 / 16:6 / 24
2. Darmstadt 98 10 / 19:11/ 21
3. SC Paderborn 10 / 26:12/ 19
4. Hannover 96 10 / 18:14 / 17
5. Heidenheim 9 / 14:7 / 16
6. Düsseldorf 9 / 16:12 / 14
7. Kaiserslautern 9 / 18:15 / 14
8. Holstein Kiel 9 / 16:19 / 12

12. FC St. Pauli 9 / 14:15 / 10

Dabei hat der HSV nur zwei Punkte weniger als zum selben Zeitpunkt der vergangenen Saison. Die Hamburger spielen attraktiver als vor einem Jahr, bekommen weniger Gegentore. Aber vor dem gegnerischen Tor hapert es vor allem in den Heimspielen. „Wir spulen einen Riesenaufwand ab“, sagt Mutzel und liefert damit gleichzeitig einen Erklärungsansatz. „Wir müssen einfach effektiver werden. Dann reicht vielleicht auch mal weniger Laufaufwand für einen Sieg.“

Technisch weist HSV gute Werte auf

Keine Mannschaft läuft in der Zweiten Liga mehr als der HSV. Auch gegen Düsseldorf waren es wieder überdurchschnittliche 123 Kilometer. Die beiden Achter Anssi Suhonen und Ludovit Reis, die Walter für David Kinsombi und Moritz Heyer neu in die Startelf gebracht hatte, waren fast im Dauersprint unterwegs. Oft aber eben auch, um verloren gegangene Bälle zurückzuerobern. Auch in dieser Wertung ist der HSV spitze.

Kein anderes Team lässt dem Gegner so wenig Zeit im Ballbesitz, ehe es wieder zum eigenen Ballgewinn kommt. Ex-HSV-Stürmer Martin Harnik, am Sonnabend wieder Sport1-Experte, nannte die hohe Laufarbeit schon vor Wochen als Ursache für die fehlende Effektivität vor dem Tor. Nun kritisierte er erneut die Taktik des Trainers. „Ich kann nicht verstehen, warum er so stur an seinem System festhält“, sagte Harnik.

Walter bittet für sein Team um Geduld

Walter aber sieht keinen Grund, an der Spielweise etwas zu verändern. Vielmehr müsse seine Mannschaft die individuellen Fehler abstellen. So wie vor der Konterchance des starken Khaled Narey, der schon frühzeitig das 1:1 hätte machen können, als er sich allein vor Daniel Heuer Fernandes für einen Querpass entschied, anstatt abzuschließen. Jonas Meffert rettete mit einem mitreißenden Sprint vor Rouwen Hennings (59.). Zuvor hatte Jan Gyamerah im Dribbling den Ball verloren, als die gesamte Hintermannschaft aufgerückt war. „Wir müssen mehr Verantwortung für unser Team übernehmen. Da sind einige noch nicht bereit dazu“, sagte Walter. Gleichzeitig bittet der Trainer angesichts der jungen Mannschaft um Geduld.

Doch bei den Fans ist die Geduld nicht sonderlich stark ausgeprägt. Nach dem Spiel eine große Ernüchterung zu spüren. Es gab Pfiffe auf der Nordtribüne, auf der die Fans durch die 2G-Regel erstmals wieder stehen durften. 38.954 Zuschauer waren da. Nach anfänglicher Euphorie wurde es während des Spiels immer leiser. Der fehlende Support der aktiven Fanszene war deutlich zu spüren. Und die, die gekommen waren, benahmen sich in vielen Momenten daneben.

HSV liegt sieben Punkte hinter St. Pauli

Sportdirektor Mutzel ärgerte sich neben dem nicht gegebenen Elfmeter für Suhonen (51.) nach einem Foul von Matthias Zimmermann („Eine klare Fehlentscheidung. Jeder, der etwas anderes sagt, hat keine Ahnung von Fußball“) vor allem über die Reaktion nach dem Spiel.

„Die Mannschaft auszupfeifen, fand ich zu hart“, sagte Mutzel und verwies auf die junge Mannschaft. „Ich bin stolz, wenn ich sehe, wie viele Jungs aus der eigenen Akademie gespielt haben.“ Neben Jonas David standen am Sonnabend auch Meißner und Suhonen in der Startelf. Zudem kam Faride Alidou zu seinem Profidebüt (siehe unten). Die Fans aber wollen neben Talenten vor allem Siege sehen. Und die fehlen.

Schon sieben Punkte liegt der HSV hinter Tabellenführer St. Pauli. Vier Punkte sind es bis zum FC Schalke 04 auf Platz drei. Die Hamburger brauchen Siege, um den Anschluss nach oben nicht zu verlieren. Noch behalten die Verantwortlichen die Ruhe und geben Trainer Walter das Vertrauen. „Wir haben keine Panik“, sagt Mutzel. „Mit der Art, wie wir spielen, bin ich zufrieden.“ Geduld aber werden die Fans nur haben, wenn die Spielweise auch zu Punkten führt.

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