HSV heute

Tiefe Einblicke – das ist Jonas Boldts Plan mit dem HSV

| Lesedauer: 7 Minuten
Jonas Boldt (r.) und Michael Mutzel wollen eine entwicklungsfähige Mannschaften beim HSV aufbauen. Säulenspieler gebe es nach wie vor.

Jonas Boldt (r.) und Michael Mutzel wollen eine entwicklungsfähige Mannschaften beim HSV aufbauen. Säulenspieler gebe es nach wie vor.

Foto: Witters

Der Sportvorstand spricht über seine Strategie, wirtschaftliche Engpässe, den Aufsichtsrat – und Säulenspieler.

Hamburg. Seine Premiere feierte Jonas Boldt beim Abendblatt. Exakt zwei Jahre und zwei Monate ist es her, dass der Sportvorstand des HSV erstmals zu Gast in einem Podcast war und über die eine oder andere Anekdote seines ungewöhnlichen Werdegangs plauderte. Inzwischen hat Boldt deutlich an Erfahrung in diesem digitalen Medienformat gewonnen.

Wer nach Podcasts mit dem 39-Jährigen sucht, der findet vier weitere Episoden seit seinem Auftritt in „HSV – wir müssen reden“. Gleich zwei davon stammen vom Format „Kicker meets DAZN“ – und in der zweiten Folge, die Anfang dieser Woche veröffentlicht wurde, gewährt Boldt interessante Einblicke in seine Strategie beim HSV.

Boldt: HSV hat zu viele Fehler gemacht

Gleich zu Beginn des Gesprächs in der Vorstandsloge des Volksparkstadions wird der Manager deutlich, warum die Zeit der großen Namen und noch größeren Transferausgaben für beendet erklärt wurde.

„Wir haben uns für einen nachhaltigen Weg entschieden, auf dem wir nicht mehr so viel Geld verprassen“, sagt Boldt, der deutlich macht, dass seine Vorgänger ihm ein schweres Erbe hinterlassen hätten. „Seitdem ich hier bin, mussten wir jedes Jahr einen Transferüberschuss erwirtschaften, weil es dem Verein finanziell nicht so gut geht. Es wurden zu viele Fehler gemacht.“

Boldt saniert den HSV – aber reicht das?

Doch diese Fehler sollen sich unter Boldt nicht wiederholen. Tatsächlich fiel der Vorstand in seinen zweieinhalb Jahren in Hamburg auch dadurch auf, den HSV auf wirtschaftlich gesündere Füße zu stellen. Spieler wie Douglas Santos (13 Millionen Euro/Zenit St. Petersburg), Berkay Özcan (2,5/Istanbul Başakşehir), Amadou Onana (7/OSC Lille) und Jeremy Dudziak (750.000/Greuther Fürth) wurden in Boldts Zeit gewinnbringend verkauft. Gleichwertig ersetzt wurden sie allerdings nicht.

In der Folge verloren die Hanseaten Jahr für Jahr an Qualität, wodurch ein vom Club angestrebter Aufstieg immer schwieriger erscheint. In dieser Saison ist der HSV erstmals in seiner Zweitliga-Geschichte nicht mehr das Maß aller Dinge. Die Mannschaft von Trainer Tim Walter ist nach fünf Unentschieden an den ersten neun Spieltagen auf Rang sieben zurückgefallen.

Eine tabellarische Platzierung, mit der sich Boldt nicht zufriedengeben will – und dennoch ist er überzeugt von dem unter ihm eingeschlagenen Weg. „Je nachhaltiger der Weg ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert“, sagt der Manager. Hat er in dieser Saison das große Ziel Aufstieg für seine Strategie geopfert? „Natürlich wollen wir erfolgreich sein, aber dafür muss man auch eine Strategie haben“, sagt Boldt.

HSV-Aufsichtsrat steht hinter Boldt

Auch wenn unter seiner Führung zweimal der Aufstieg verpasst wurde, spürt er weiterhin die geschlossene Rückendeckung des Aufsichtsrats, dessen Vorsitz Marcell Jansen innehat. „Der Aufsichtsrat hat unseren Weg mit großer Freude abgesegnet und ist davon auch total überzeugt“, sagt Boldt mindestens genauso überzeugt. „Wir wollen diesen Weg gemeinsam gehen.“

Weitere aktuelle HSV-News:

Doch wie genau sieht dieser Weg eigentlich aus? Nach dem ersten verpassten Aufstieg, den Boldt als Vorstand zu verantworten hatte, wurde eine neue Ausrichtung des Clubs verkündet. „Wir wollen den Schwerpunkt vermehrt auf die Entwicklung legen“, sagte der Stratege im Sommer 2019 bei der Vorstellung des neuen Trainers Daniel Thioune.

Um dieses Ziel zu verwirklichen, verpflichtete der Club mit Sven Ulreich (32), Simon Terodde (32), Toni Leistner (30) und Klaus Gjasula (30) vier Ü-30-Spieler, die eine mit jungen Talenten bestückte Mannschaft stabilisieren sollten. Das Wort Säulenspieler wurde damals im Volkspark geschaffen.

Boldt: HSV setzt weiter auf Säulenspieler

Ein Projekt, das bekanntlich scheiterte, wie auch Boldt zugibt. Von einer Abkehr dieses Plans will er dennoch nichts wissen. „Die Säulenspieler gibt es trotzdem noch“, beteuert Boldt und nennt die erfahrenen Profis Sebastian Schonlau (77 Zweitligaspiele), Jonas Meffert (154), Moritz Heyer (73), Tim Leibold (142) und Torhüter Daniel Heuer Fernandes (114). „Es sind jetzt andere Spieler, die vielleicht ein paar Jahre jünger sind und nicht diesen Namen wie die anderen Jungs haben. Aber sie sehen den HSV als Karriereschritt an und gehen voran“, sagt Boldt. „Und man kann sich hinter ihnen nicht mehr so gut verstecken.“

Komplettiert werde das für beendet erklärte Versteckspiel mit jungen Talenten – im Podcast namentlich erwähnt werden die internationalen Neuzugänge Tommy Doyle und Mario Vuskovic (beide 19). „Dieser Weg funktioniert nur mit ein paar gestandenen Spielern“, ist Boldt überzeugt und bekräftigt: „Es steckt eine Idee dahinter.“

Das allgemeine Profil für Neuzugänge – und dies ist zweifellos der größte Unterschied zu den Ü-30-Spielern der Vergangenheit – beschreibt Boldt mit nur einem Wort: „entwicklungsfähig“. Dies gelte sowohl für Talente als auch Profis im Alter von Mitte 20. „Der ganze Club muss sich weiterentwickeln.“

HSV setzte zweitjüngstes Team ein

Die Entwicklung eines jungen Kaders lässt sich auch an Zahlen messen. Nach neun Spieltagen der aktuellen Saison stellt der HSV im Durchschnitt die zweitjüngste Mannschaft der Liga. 24,6 Jahre beträgt der Altersschnitt aller eingesetzten Profis. Nur Werder Bremen (24,3) setzte noch mehr auf Jugend forscht. Schlusslicht in dieser Wertung ist Aufsteiger Hansa Rostock (27,9).

Entwicklungspotenzial sieht Boldt nicht nur bei seinen Spielern, sondern auch bei sich selbst. Er lerne jeden Tag dazu. Langfristig soll seine Strategie „natürlich zurück in die Bundesliga“ führen – nur eben nachhaltig und nicht nur kurzfristig durch einen erhöhten finanziellen Aufwand. „Wir wollen uns als gesamter Verein stabilisieren – auch wirtschaftlich“, sagt Boldt, der seinen Vorgängern bescheinigt, „über den Verhältnissen gelebt“ zu haben.

HSV: Was passiert, wenn Boldt wieder nicht aufsteigt?

Doch was passiert mit ihm persönlich, wenn er dem HSV zwar wirtschaftlich den richtigen Weg ebnet, aber sportlich zum dritten Mal in Folge den Aufstieg verpassen sollte? „Warum soll ich jetzt schon ans Scheitern denken?“, kontert Boldt mit einer seiner berüchtigten Gegenfragen. „Das widerstrebt meinem Naturell.“

Der Manager betont im Podcast, „trotz der etwas schwierigen Möglichkeiten erfolgreich sein“ zu können. Und zwar mit seinem Plan für den HSV.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV