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HSV-Transferbilanz: Zwei Treffer und viele Fragezeichen

| Lesedauer: 7 Minuten
Alexander Berthold
Mittelfeldspieler Jonas Meffert (l.) und Abwehrchef Sebastian Schonlau (M.) gehören bei HSV-Trainer Tim Walter zu den Stützen.

Mittelfeldspieler Jonas Meffert (l.) und Abwehrchef Sebastian Schonlau (M.) gehören bei HSV-Trainer Tim Walter zu den Stützen.

Foto: Witters

Insgesamt verpflichtete der HSV neun neue Spieler in der Sommerpause. Unumstrittener Stammspieler ist aber kaum ein Neuling.

Hamburg. Am Montag ruhte im Volkspark der Ball. Für die Profis des Hamburger SV, die in der Länderspielpause nicht mit ihren Nationalmannschaften unterwegs sind, standen Leistungs-und Fitnesstests auf dem Programm. Nach knapp einem Viertel der Saison ist der HSV hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Ein Grund dafür ist die Personalpolitik, die in der Sommerpause betrieben wurde. Beim Auswärtsspiel bei Erzgebirge Aue (1:1) standen lediglich drei neue Spieler in der Startelf, sechs weitere Neulinge saßen auf der Bank. Das Abendblatt zieht bei den HSV-Transfers eine Zwischenbilanz.

Marko Johansson (23, null Einsätze, kam für 600.000 Euro Ablöse von Malmö FF): Der Schwede kam bisher nur in Testspielen zum Einsatz. Da Stammkeeper Daniel Heuer Fernandes (27) bisher eine starke Saison spielt, ist der Sprung ins HSV-Tor mittelfristig unrealistisch.

Sebastian Schonlau (27, acht Einsätze, ein Tor, eine Vorlage, kam ablösefrei vom SC Paderborn): Dass ein Neuzugang sofort Kapitän wird, zeigt, wie groß die Wertschätzung innerhalb der Mannschaft und im Trainerstab ist. Der 27-Jährige rechtfertigt das Vertrauen mit konstant guten Leistungen. Gutes Spielverständnis, gutes Antizipieren und hervorragende Spieleröffnung machen den ehemaligen Paderborner zum Königstransfer. Die Gelb-Rote Karte im Nordderby gegen Werder Bremen (2:0) ist bisher der einzige kleine Schönheitsfleck auf seinem Trikot.

Mario Vuskovic (19, zwei Einsätze, kam für 1,2 Million Euro Ablöse zunächst auf Leihbasis von Hajduk Split): Die Vorschusslorbeeren waren groß für den Youngster. Bei Transfermarkt.de wird sein Marktwert mit 6,5 Millionen Euro taxiert, einen höheren Wert hat keiner im Kader. Trotz seiner 19 Jahre verfügt der Innenverteidiger bereits über Erstligaerfahrung in Kroatien. Bei seinem bisher einzigen Auftritt gegen den 1. FC Nürnberg deutete Vuskovic an, dass er viel Qualität hat. Gute Flugbälle, technisch solide ausgebildet, bei bei den Gegentoren aber etwas ungestüm. In den kommenden Wochen wird er als Herausforderer von Jonas David um einen Platz neben Kapitän Schonlau kämpfen.

Miro Muheim (23, zwei Einsätze, kam für 200.000 Euro zunächst auf Leihbasis vom FC St. Gallen): Der Schweizer hatte Pech, dass er sich gleich in der Vorbereitung einen Muskelfaserriss zuzog. So konnte sich der Linksfuß kaum zeigen und musste zusehen, wie Linksverteidiger Tim Leibold seinen Stammplatz festigte. Angeblich könnte der Leihspieler auch im linken offensiven Mittelfeld spielen, doch auch da kommt er nicht an Sonny Kittel vorbei. Mehr als Kurzeinsätze waren bisher noch nicht drin.

Ludovit Reis (21, acht Einsätze, ein Tor, eine Vorlage, kam ablösefrei vom FC Barcelona): Der Niederländer hatte einen guten Start beim HSV. Im ersten Heimspiel gegen Dynamo Dresden erzielte er gleich sein erstes Tor für die Hamburger. Doch in den folgenden Spielen baute der Techniker immer mehr ab, sodass er seinen Stammplatz verloren hat. Auch im Training wirkt Reis häufig fahrig bei der Ausführung der Übungen. Mit Tommy Doyle (19) kommt auf der "Achter-Position" nun weitere interne Konkurrenz dazu, deshalb muss sich der U-21-Nationalspieler strecken, um auf Einsätze zu kommen.

Jonas Meffert (27, neun Einsätze, zwei Vorlagen kam für 600.000 Euro Ablöse von Holstein Kiel): Für Spektakel sind beim HSV andere Spieler zuständig. Doch der defensive Mittelfeldspieler hat für die Statik des Hamburger Spiels eine große Bedeutung. Der ehemalige Kieler ist der Denker und Lenker im HSV-Mittelfeld. Mit seiner Laufstärke stopft er defensiv immer wieder Löcher und auch im Spielaufbau hat der 26-Jährige immer seine Füße im Spiel. Zudem coacht er seine Mitspieler immer wieder lautstark und ist so eine Art verlängerter Arm von Trainer Walter.

Tommy Doyle (19, ein Einsatz, eine Vorlage, kam ablösefrei auf Leihbasis von Manchester City): Das Toptalente musste sich gedulden, um auf erste Einsatzminuten zu kommen. Wie viel Potenzial er hat, deutete er beim glücklichen 1:1 des HSV bei Erzgebirge Aue an. Sein sehenswerter Latten-Lupfer leitete das kuriose Eigentor von Dirk Carlson ein. Bereits im Training zeigte der schussgewaltige Engländer, dass er alles mitbringt, um ein Unterschiedsspieler beim HSV zu werden. Starke Standards, giftig im Zweikampf und technisch versiert. Trainer Walter versucht trotzdem krampfhaft, die Euphorie um den Youngster zu bremsen. "Doyle muss noch viel lernen", sagt der Coach, doch angesichts der schwachen Leistungen von David Kinsombi, Bakery Jatta und Manuel Wintzheimer hat Doyle definitiv eine Chance verdient, sich künftig häufiger auf den Zweitligaplätzen zu zeigen.

Mikkel Kaufmann (20, sieben Einsätze, kam für 200.000 Euro Ablöse zunächst auf Leihbasis vom FC Kopenhagen): Der 1,90 Meter große Mittelstürmer wollte beim HSV den nächsten Karriereschritt machen, doch für mehr als sieben Kurzeinsätze und 78 gespielte Minuten reichte es für den Blondschopf nicht. Deshalb kann man bisher nur erahnen, welche Qualitäten der Däne wirklich hat. In den Kurzeinsätzen fiel der Juniorennationalspieler durch seine Athletik und Antrittsschnelligkeit auf. Bislang ist er in derr Zweiten Liga noch nicht angekommen.

Robert Glatzel (27, sieben Spiele, fünf Tore, kam für eine Million Euro Ablöse von Cardiff City): Die Fußstapfen waren groß. Der ehemalige Mainzer sollte die Tormaschine der Zweiten Liga Simon Terodde adäquat ersetzen. Auch wenn beide Spieler komplett unterschiedlich sind, konnte Glatzel bisher nur bedingt überzeugen. Nach seiner Corona-Erkrankung in der Vorbereitung arbeitete der Stürmer seinen körperlichen Rückstand schnell auf. Fußballerisch und technisch weiß der Neu-Hamburger durchaus zu gefallen, die Coolness im Abschluss und das Näschen von Terodde hat er aber definitiv nicht. Der HSV braucht seine Treffer dringend, weil es der Mannschaft insgesamt an Torgefahr fehlt.

Fazit: Der Kader des HSV ist bisher in dieser Saison deutlich schlechter besetzt als in der vorherigen Saison. Gerade im Mittelfeld fehlt es nach den Abgängen von Amadou Onana (20), Aaron Hunt (34) und Jeremy Dudziak (26) an fußballerischer Qualität und Kreativität. Auch den vermeidbare Abgang von Torjäger Simon Terodde konnte bisher nicht kompensiert werden. Einzig mit Sebastian Schonlau (27) und Jonas Meffert (26) ist es gelungen, Spieler zu verpflichten, die sofort weiterhelfen. Bei allen anderen Neuzugängen bleibt den Verantwortlichen und den Fans das Prinzip Hoffnung, dass die verpflichteten Spieler nur etwas Anlaufzeit brauchen.

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