HSV Heute

Wie der HSV einen Glückspunkt aus Aue entführte

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Unterschiedliche Gefühlswelten: Der HSV bejubelt den glücklichen Punkt, Aue ist nach dem Last-Minute-Knockout am Boden.

Unterschiedliche Gefühlswelten: Der HSV bejubelt den glücklichen Punkt, Aue ist nach dem Last-Minute-Knockout am Boden.

Foto: dpa

HSV schafft in Überzahl durch ein Eigentor in der letzten Minute der Nachspielzeit ein schmeichelhaftes Unentschieden.

Aue.  Die letzten Minuten im Erzgebirgsstadion erlebte Tim Walter wie versteinert in seiner Coachingzone. Immer wieder winkte der HSV-Trainer ab ob der uninspirierten Leistung seiner Spieler. Walter glaubte wohl selber nicht mehr an einen Punktgewinn, der in der Nachspielzeit durch ein Eigentor von Dirk Carlson nach einem Lattenschuss des eingewechselten Debütanten Tommy Doyle doch noch erzielt wurde.

1:1 (0:1) trennte sich der HSV also von Erzgebirge Aue, das weiterhin sieglos bleibt. „Wir haben bei weitem nicht unser bestes Spiel gemacht“, gab Kapitän Sebastian Schonlau nach dem Glückspunkt in Aue ehrlich bei Sky zu. „Die Hektik war ansteckend.“

Auch HSV-Trainer Walter versuchte gar nicht erst, die schwache Darbietung schönzureden. "Wir waren heute nicht gut, haben nicht ins Spiel gefunden und holen einen glücklichen Punkt, über den wir trotzdem froh sind“, sagte der 45-Jährige und fügte an: "Wir haben bis zum Ende an den Ausgleich geglaubt. Auch wenn es heute glücklich war, hat es uns in den vergangenen Wochen ausgezeichnet, dass wir immer bis zur letzten Sekunde da waren."

HSV-Kapitän Schonlau kehrte in die Starformation zurück

Im Erzgebirge veränderte Walter sein Team auf zwei Positionen: Schonlau kam für Mario Vuskovic zurück in die Startelf. Und Manuel Wintzheimer begann für Bakery Jatta. Dies hatte einen Systemwechsel auf ein 4-4-2 mit einer Raute im Mittelfeld zur Folge. Kittel rückte auf die Spielmacherposition und Wintzheimer agierte als zweite Spitze. „Wir wollen das Heft des Handels in die Hand nehmen“ , kündigte Walter an.

Und tatsächlich: Der HSV übernahm sofort die Spielkontrolle und hatte wie erwartet viel Ballbesitz. Einziges Problem aus Sicht der Hamburger war wie so häufig der geringe Ertrag für den spielerischen Aufwand. Denn mehr als einen geblockten Abschluss des aufgerückten Verteidigers Jonas David (8.) brachten die Gäste in der ersten halben Stunde nicht aufs Tor.

Kurioses Billard-Gegentor schockte den HSV bis ins Mark

Es fehlte ganz offensichtlich an zwingenden Offensivaktionen. Und Aue? Die Sachsen versuchten zunächst gar nicht erst, nach vorne zu spielen. Bis Mitte der ersten Halbzeit, als John-Patrick Strauß mal eine Flanke in den Strafraum brachte. Bei seinem Klärungsversuch köpfte Jonas David dem Auer Antonio Jonjic unglücklich an den Hinterkopf, von diesem der Ball unhaltbar für Torhüter Daniel Heuer Fernandes im Netz landete (23.). Ein Billardtor, das dem Spielverlauf nicht gerecht wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der HSV 75 Prozent Ballbesitz erarbeitet.

Die Analyse am Tag danach:

Mit dem Führungstor und der eintretenden Dunkelheit machten sich auch die zuvor durch das ereignisarme Spiel fast schon eingeschläfert wirkenden Auer Fans lautstark bemerkbar. Befeuert wurden die Anfeuerungen der sächsischen Anhänger durch die Entscheidungen des Schiedsrichters Lasse Koslowski, dem zunehmend das Spiel entglitt. So kam es nach einem gewöhnlichen taktischen Foul von Wintzheimer zu einer Rudelbildung. Der Unparteiische aus Berlin guckte lange zu, ehe er Kittel und Ben Zolinski die Gelbe Karte zeigte.

HSV bei Gueye-Kopfball kurz vor der Halbzeitpause im Glück

Der verwarnte Kittel ließ sich davon nicht beirren und leitete mit seiner Doppelchance (41.) die Schlussoffensive der ersten Hälfte ein. Kurz darauf hätte Glatzel per Kopf den Ausgleich erzielen können (44.), ehe sich der HSV in der Nachspielzeit glücklich schätzen musste, durch Babacar Gueyes knapp neben das Tor gesetzten Kopfball nicht das zweite Gegentor kassiert zu haben.

In der Pause reagierte Walter mit einem Doppelwechsel. Bakery Jatta und Ludovit Reis kamen für Wintzheimer und Moritz Heyer ins Team, das nun wieder im bewährten 4-3-3 agierte. Doch die zweite Hälfte begann zunächst, wie die erste aufgehört hatte: mit einer Torchance für Aues Gueye (55.). Nach dieser Möglichkeit zogen sich die Gastgeber wieder zurück bis an den eigenen Strafraum und stellten die Räume zu.

HSV konnte zunächst nicht von Aues Platzverweis profitieren

Dem HSV fiel weiterhin nur sehr wenig ein – und zu allem Überfluss stieg jetzt auch noch die Fehlpassquote bemerkbar an. Wer dachte, die erste Halbzeit wäre nicht mehr zu unterbieten, der wurde in dieser Phase des Spiels eines Besseren belehrt. Bezeichnend: Eine abgerutschte Flanke des eingewechselten Anssi Suhonen war die gefährlichste Aktion des HSV (67.). Doch Aues Mittelfeldspieler Soufiane Messeguem machte die Partie plötzlich wieder spannend durch sein unnötiges Nachtreten von hinten gegen Kittel, den er zudem am Trikot zu Boden riss (69.). Rot war eine harte, aber vertretbare Entscheidung.

HSV-Trainer Walter lobt Kurzauftritt von Doyle und bremst Erwartungen

Nach dem Platzverweis zog sich Aue noch weiter zurück, wodurch sich der HSV aber keinen erkennbaren Vorteil erspielen konnte. Trotz knapp 30-minütiger Überzahl brachten die Hamburger keinen Schuss mehr aufs Tor – ehe Aues Carlson in der allerletzten Minute zeigte, wie man es macht.

Zumindest ein kleines Lob erhielt Tommy Doyle, der dieses Tor bei seinem ersten Kurzeinsatz für den HSV erst mit einem Lattenschuss erzwungen hatte. "Ich freue mich für Tommy und seine Aktion. Er hat ein feines Füßchen und was er am Ball kann, haben wir heute gesehen. Aber er muss noch viele Dinge lernen, die er für unsere Spielweise braucht", erklärte Walter, wohlwissend, dass dies nicht nur für den Engländer gilt.

  • Erzgebirge Aue: Männel – Carlson, Gonther, Bussmann, Barylla – Strauß (92. Majetschak), Fandrich – Zolinski (78. Sijaric), Messeguem, Jonjic (86. Kühn) – Gueye (78. Mance).
  • HSV: Heuer Fernandes – Gyamerah, David, Schonlau, Leibold (75. Muheim) – Heyer (46. Reis), Meffert, Kinsombi (58. Suhonen) – Kittel (87. Doyle) – Wintzheimer (46. Jatta), Glatzel. Tore: 1:0 Jonjic (23.), 1:1 Carlson (90.+4/Eigentor).
  • Schiedsrichter: Koslowski (Berlin).
  • Zuschauer: 7.750.
  • Rote Karte: Messeguem (69., Aue) wegen groben Foulspiels.
  • Gelbe Karten: Fandrich, Hensel, Zolinski / Wintzheimer, Kittel, Suhonen.

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