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So ordnet HSV-Trainer Walter das glückliche 1:1 in Aue ein

| Lesedauer: 7 Minuten
Alexander Berthold
Ein Blick, der mehr sagt als tausend Worte: HSV-Trainer Tim Walter ist stinksauer auf die Darbietung seiner Mannschaft.

Ein Blick, der mehr sagt als tausend Worte: HSV-Trainer Tim Walter ist stinksauer auf die Darbietung seiner Mannschaft.

Foto: Witters

Das Team von Trainer Tim Walter zeigte beim 1:1 eine desolate Vorstellung, freute sich aber über den glücklichen Punkt.

Hamburg. Die Profis des Hamburger SV konnten ihr Glück kaum fassen. Ein kurioses Eigentor von Dirk Carlson rettete in der fünften Minute der Nachspielzeit einem bis dahin katastrophal spielenden HSV ein 1:1 (0:1) bei Erzgebirge Aue. Antonio Jonjic hatte die Gastgeber vor 7750 Zuschauern in Minute 23 verdient in Führung gebracht. "Zuerst einmal müssen wir uns freuen, wenn wir so spät das 1:1 machen. Es ist ein Punktgewinn für uns. Wir haben bei weitem nicht unser bestes Spiel gemacht. Wir spielen es aber bis zum Ende, waren motiviert, sind weiter auf das Tor gegangen und haben es erzielt", bilanzierte Kapitän Sebastian Schonlau.

Auch Cheftrainer Walter versuchte gar nicht erst, den biederen Auftritt schönzureden. "Wir waren heute nicht gut, haben nicht ins Spiel gefunden und holen einen glücklichen Punkt, über den wir trotzdem froh sind", so der 45-Jährige.

Der Liveticker zum Spiel des HSV in Aue zum Nachlesen:

Die Reisen nach Aue haben sich in der jüngeren Vergangenheit für den HSV ohnehin nicht gerade gelohnt. Ein 3:0-Sieg in der Premierensaison in der Zweiten Liga 2018/19 gelang den Hamburgern bisher im Erzgebirge. Dem stehen ein 3:3 nach 3:1-Führung und eine blamable 0:3-Niederlage gegenüber. Eine Horrorbilanz, die von den Hamburgern dringend korrigiert werden sollte.

Doch von Beginn an hatte der HSV, bei dem der zuletzt gesperrte Kapitän Schonlau (27) für Mario Vuskovic (19) in die Innenverteidigung rutschte und Manuel Wintzheimer (22) auf der rechten Außenbahn Bakery Jatta (23) ersetzte, viel Ballbesitz, aber wenig Ideen. Diese vermeintliche Dominanz führte daher nicht zu guten Offensivaktionen. Die erste Halbchance hatte in der neunten Minute Innenverteidiger Jonas David (20), dessen Schuss im Anschluss einer Eckball-Variante aber geblockt wurde.

Wintzheimer verstolperte viele HSV-Angriffe

Die Hamburger, die in dieser Saison bereits bei Schalke 04 (3:1) und Werder Bremen (2:0) gewinnen konnten, legten sich die Auer, die zuletzt fünf Spiele in Folge verloren haben, zunehmend zurecht. Es fehlte jedoch die letzte Präzision. Vor allem Wintzheimer startete immer wieder einige gute Angriffe. Und eben jener Wintzheimer holte in der 16. Minute für den HSV einen Freistoß in perfekter Position raus. 20 Meter, halbrechte Position, doch Vizekapitän Tim Leibold verzog deutlich.

Deutlich knapper war der erste gefährliche Angriff vom Tabellenletzten in der 18. Minute. Eine scharfe Hereingabe schoss der insgesamt wackelige HSV-Verteidiger David nur Zentimeter am eigenen Kasten vorbei. Und der 20-Jährige war auch in der 23. Minute im Fokus. Eine Flanke von John-Patrick Strauß köpfte David genau auf den Kopf von Antonio Jonjic. Von dort flog der Ball zur 1:0-Führung der Auer ins Netz. Ein Schock für die Hamburger, der nachwirkte.

HSV wurde in Aue immer schwächer

Minütlich wurden die Hamburger immer schwächer, und die Nerven des Walter-Teams lagen zunehmend blank. Nach einem harmlosen Foul von Wintzheimer zettelt der völlig unbeteiligte Sonny Kittel in der 31. Minute eine Rudelbildung an, an der am Ende nahezu alle Feldspieler beteiligt waren. Am Ende gab es Gelb für den HSV-Profi und seinen Kontrahenten Ben Zolinski.

Die Gastgeber waren mit deutlich mehr Leidenschaft am Werk als die Hamburger, die mehr als einen harmlosen Kopfball von Robert Glatzel (27) in der 44. Minute nicht zustande brachten. Im Gegenteil: Der HSV war mit dem 0:1 zur Pause noch gut bedient. Babacar Gueye verpasste es per Kopf aus kurzer Distanz die Führung auszubauen.

HSV-Trainer Walter reagiert in der Pause mit Doppelwechsel

In der Halbzeit reagierte Walter auf den desolaten Auftritt seiner Spieler. Für den indiskutablen Wintzheimer kam Jatta und auch für Moritz Heyer (26) war Feierabend, ihn ersetzte Ludovit Reis (21). Am Spiel änderte sich erst einmal nichts. Aue lieferte weiter ehrliche Fußballarbeit, und das genügte, um den desolaten Hamburgern den Schneid abzukaufen. Babacar Gueye hatte für Aue den ersten Abschluss der zweiten Halbzeit in Minute 55, doch Daniel Heuer Fernandes hatte mit dem Distanzschuss keine Mühe. Sehr große Mühe hatten die Hamburger damit, die Leidenschaft der Gastgeber zu matchen.

Weder fußballerisch noch spielerisch lief beim HSV irgendetwas zusammen. Da passte es ins Bild, dass der ebenfalls eingewechselt Anssi Suhonen (20) per abgerutscher Flanke beinahe Aue-Keeper Martin Männel überrascht hätte (67.).

Aue-Profi Messeguem bekommt Rote Karte

Zwei Minuten später wurde es wieder hektisch auf dem Platz. Nach einem harmlos wirkenden taktischen Foul von Aues Soufian Messeguem an Sonny Kittel kam es zu verbaler Auseinandersetzung zwischen Clemens Fandrich und der Hamburger Bank. Es entwickelte sich mal wieder eine Rudelbildung, in der Aues Interimstrainer Marc Hensel die Gelbe Karte bekam und Übeltäter Messeguem überraschend glatt Rot, weil dieser Kittel im Fallen noch getreten hatte. „Was erzählst Du für eine Scheiße“ wurde anschließend Richtung Schiedsrichter Lasse Koslowski gerufen. Wer das gesagt hat, war zunächst nicht zu klären.

Aber auch die personelle Überzahl half den Hamburgern, die wenig Bewegung ohne Ball und erstaunlich viele technische Fehler im Spiel hatte, nicht. Im gesamten Spiel hatte der HSV keine herausgespielte Torgelegenheit. Erschreckend für eine Mannschaft, die den eigenen Anspruch hat, ein Aufstiegskandidat zu sein.

HSV-Debütant Doyle schafft erste Torvorlage

Vier Minuten vor dem Ende kam Neuzugang Tommy Doyle (19) zu seinem Zweitliga-Debüt für den HSV. Und der Engländer war es auch, der den Hamburgern ein Remis rettete. Robert Glatzel hatte den Ball in den Lauf von Doyle gelegt, der die Kugel elegant an die Latte lupfte. Den Abpraller köpfte Carlson unbedrängt ins eigene Netz. "Ich freue mich für Tommy und seine Aktion. Er hat ein feines Füßchen und was er am Ball kann, haben wir heute gesehen. Aber er muss noch viele Dinge lernen, die er für unsere Spielweise braucht", sagte Walter.

Der HSV kam mit einem blauen Auge davon, und der Auer Profi musste mit Tränen in den Augen getröstet werden. "Wir haben uns heute richtig schwer getan. Auch wenn uns die Durchschlagskraft fehlte, geht das Unentschieden aus meiner Sicht in Ordnung. Es ist wichtig für uns, dass wir heute nicht verloren haben", bilanzierte HSV-Profi Jonas Meffert.

Das Schema zum Spiel:

  • Erzgebirge Aue: Männel – Carlson, Gonther, Bussmann, Barylla – Strauß (92. Majetschak), Fandrich – Zolinski (78. Sijaric), Messeguem, Jonjic (86. Kühn) – Gueye (78. Mance).
  • HSV: Heuer Fernandes – Gyamerah, David, Schonlau, Leibold (75. Muheim) – Heyer (46. Reis), Meffert, Kinsombi (58. Suhonen) – Kittel (87. Doyle) – Wintzheimer (46. Jatta), Glatzel. Tore: 1:0 Jonjic (23.), 1:1 Carlson (90.+4/Eigentor).
  • Schiedsrichter: Koslowski (Berlin).
  • Zuschauer: 7.750 (ausverkauft).
  • Rote Karte: Messeguem (69., Aue) wegen groben Foulspiels.
  • Gelbe Karten: Fandrich, Hensel, Zolinski / Wintzheimer, Kittel, Suhonen.
  • Das weitere Freitagsspiel: Werder Bremen - 1. FC Heidenheim 3:0

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