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Tim Walter hat sich seit seiner Stuttgarter Zeit gewandelt

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Tim Walter: "Bin froh, dass es nicht zum Profi gereicht hat"

Tim Walter: "Bin froh, dass es nicht zum Profi gereicht hat"

Nach dem Erfolg im Nordderby richtet der HSV-Trainer den Fokus auf das Topspiel gegen den 1. FC Nürnberg. Die Pressekonferenz.

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Der HSV-Trainer galt auf seinen vorigen Stationen stets als speziell. Wie der 45-Jährige in seinen ersten 100 Hamburger Tagen wirkte.

Hamburg.  Am Freitag spürte Tim Walter noch einmal, dass ihm vor sieben Tagen etwas Großes gelungen war. „Derbysieg“, rief ein Fan dem HSV-Trainer zu, als dieser in die Kabine ging. Walters Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „Das ist doch schon verjährt“, sagte der 45-Jährige und schritt die Stufen zum Volksparkstadion hinauf.

Genau eine Woche ist es her, dass Walter und seine Mannschaft im Nordderby beim SV Werder Bremen mit 2:0 siegten und die Stimmung rund um den HSV auf einen Schlag veränderten. Und die Stimmung, das weiß Walter nach seinen ersten drei Monaten in Hamburg, hat im Volkspark eine ganz eigene Dynamik.

HSV muss Ausschläge in den Griff bekommen

Genau 100 Tage seit dem Trainingsauftakt wird Walter am Sonntag im Amt sein, wenn der HSV sein Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg bestreitet (13.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de). 100 Tage, in denen Walter wie jeder HSV-Trainer vor ihm unter besonderer Beobachtung stand. Doch mit dem Derbysieg hat sich etwas verändert. Walter spürt das gesteigerte Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Aber was macht diese Euphorie mit dem Team und dem Trainer?

Selten zuvor wurde in einer Trainingswoche so viel gelacht und gescherzt wie in den Tagen nach dem Nordderby. Doch so sehr aktuell alles gut zu sein scheint, so schnell kann sich die Lage auch wieder verändern. Walter muss es schaffen, diese emotionalen und HSV-typischen Ausschläge zu steuern. Und auch der Trainer selbst darf sich davon nicht beeinflussen lassen. Intern soll sich der Chefcoach schon arg gewundert haben, wie schnell nach den ersten zwei Heimspielen gegen Dresden (1:1) und Darmstadt (2:2) Kritik aufkam.

HSV: Walter nutzt den Pressespiegel nicht

Dabei betont der Badener immer, dass er die täglichen Berichte über seine Mannschaft gar nicht verfolgt. Und tatsächlich hat er im Gegensatz zu seinen Vorgängern keinen Zugang zum täglichen Pressespiegel, der für die Verantwortlichen jeden Morgen zusammengestellt wird. Walter will sich nicht beeinflussen lassen.

„Wir lassen uns davon nicht lenken“, sagte der Fußballlehrer am Freitagnachmittag auf der Pressekonferenz über die Stimmungsschwankungen in Hamburg. Walter versucht, die Euphorie der jüngsten Siege mitzunehmen, das Werder-Spiel aber schnell hinter sich zu lassen. „Was war, ist vergessen“, sagt der Trainer über den Derbysieg. „Mich hat es sehr gefreut für die Menschen hier. Aber jetzt geht’s weiter.“

HSV trainiert unter Walter kürzer

Und genauso handelt er auch. Wer Walter im Training genauer beobachtet, erlebt einen Fußball-Besessenen. Nur wenige HSV-Trainer vor ihm lebten jede Trainingseinheit wie der Bruchsaler. Stets mit einer Wasserflasche in der Hand, kommentiert Walter jeden Fehler, aber auch jede gelungene Aktion seiner Mannschaft.

Die Trainingseinheiten sind kürzer geworden in den vergangenen Wochen, nachdem er in den ersten Wochen die Spieler noch an den Rand der Überbelastung gebracht hatte. Mittlerweile hat die Mannschaft ihr nahezu optimales Fitnesslevel erreicht, um den intensiven Walter-Fußball über die volle Distanz gehen zu können.

Walter lässt beim HSV mehr mit sich reden

Mit der medizinischen Abteilung, den Physios und seinem Trainerteam trifft sich Walter an jedem Trainingstag morgens zur Besprechung im Kabinentrakt. Im Gegensatz zu einigen Vorgängern beansprucht der Chefcoach für sich kein Einzelbüro. In der Regel sitzen alle zusammen in einem Raum und diskutieren an der Taktiktafel.

Und Walter, so sagen es Beobachter, diskutiert gerne. Aber er lässt, anders als früher, auch mehr mit sich reden. Zu den Mitarbeitern des Staffs hat er in jedem Fall schnell Vertrauen gefunden. Bis auf seine Co-Trainer Julian Hübner und Filip Tapalovic kannte Walter zuvor keinen. Mittlerweile unternimmt die Gruppe auch privat viel zusammen. Walter lud bereits alle Kollegen zum Staffabend.

HSV-Profis erleben Zuckerrohr und Peitsche

Im Umgang mit seinen Spielern wandert Walter dagegen stets auf einem schmalen Grat. Er kann sie verärgern, indem er ihnen gerne deutlich und direkt sagt, was sie in seinen Augen falsch machen. Im nächsten Moment nimmt er sie aber auch in den Arm und spricht mit ihnen. So wie mit Innenverteidiger Jonas David, dem der Trainer in den zwei schwierigen Wochen nach dem verlorenen Stadtderby beim FC St. Pauli das Vertrauen schenkte.

Die Gefahr, einen Spieler auf seinem Weg zu verlieren, ist bei Walter trotzdem immer auch gegeben. Der Trainer selbst klagte kürzlich darüber, dass die heutige Spielergeneration sensibler sei als früher und mit offener Kritik nicht gut umgehen könne.

Tim Walter hört auf Matthias Sammer

Wie kritikfähig Walter selbst ist, war ein großes Thema in seiner Zeit beim VfB Stuttgart, als er nicht selten gereizt auf kritische Fragen reagierte. Zum Kreis der Leute, die er um Rat fragt, gehören nur wenige. Matthias Sammer etwa, der so etwas wie ein freundschaftlicher Berater ist. Einen Medienberater, wie viele andere Trainer im Geschäft, hat er nicht. „Ich bin so, wie ich bin“, sagt Walter.

Seine Zeit in Stuttgart hat er reflektiert, sagt er selbst. Und sagen auch andere. Er passt jetzt ein bisschen besser auf, was er öffentlich sagt. Trotzdem, so heißt es, wirke er dabei noch immer authentisch.

Schwacher HSV-Start interessiert Walter nicht

Am liebsten redet Walter ohnehin über Fußball. So wie am Freitag, als es um den 1. FC Nürnberg, dessen Trainer Robert Klauß oder Manager Dieter Hecking ging. „Wir wollen Spiele gewinnen“, sagte der Coach über seine Pläne mit dem HSV.

Zuletzt gelang das gut. Trotz der zwei jüngsten Siege gegen Sandhausen und in Bremen aber hat Walter mit zwölf Punkten aus sieben Spielen noch eine schwächere Startbilanz als seine Vorgänger Christian Titz, Hannes Wolf, Dieter Hecking und Daniel Thioune.

Tabellenspitze 2. Bundesliga

1. FC St. Pauli 15 Sp. / 34:18 Tore / 32 Pkt.
2. Darmstadt 98 15 / 37:17 / 29
3. Jahn Regensburg 15 / 33:20/ 28
4. SC Paderborn 15 / 29:17 / 26
5. HSV 15 / 27:16 / 26
6. FC Schalke 04 15 / 28:19 / 26
7. 1. FC Nürnberg 15 / 21:15 / 24
8. 1. FC Heidenheim 15 / 16:20 / 24

Das alles? Interessiert Walter nicht. Ein Stück seiner Überzeugung hätte dem einen oder anderen HSV-Trainer der vergangenen Jahre sicher gutgetan. Walter dagegen würden ein paar Siege mehr in den kommenden Wochen guttun. Nächste Chance dazu: am Sonntag. 13.30 Uhr.

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