HSV heute

Leibold über Weiser: "Was soll es da Mitleid geben?"

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Eine DER Szenen des ersten Zweitliga-Derbys zwischen Werder Bremen und dem HSV: Mitchell Weiser (r.) drängt sich neben Moritz Heyer unerlaubt in die Hamburger Freistoßmauer.

Eine DER Szenen des ersten Zweitliga-Derbys zwischen Werder Bremen und dem HSV: Mitchell Weiser (r.) drängt sich neben Moritz Heyer unerlaubt in die Hamburger Freistoßmauer.

Foto: Imago/Team 2

Mitchell Weiser war Werder Bremens tragischer Held im Nordderby gegen den HSV. Wie die Spieler reagierten – und die Netzgemeinde.

Bremen/Hamburg. Es war eine der Schlüsselszenen beim späteren 2:0-Sieg des HSV bei Werder Bremen – und auf jeden Fall eine für die Derby-Geschichtsbücher: Als sich Bremens Mitchell Weiser unmittelbar vor der Ausführung des Freistoßes in der 42. Minute beim Stand von 0:1 in die Hamburger Mauer drängte, verlor dadurch der an sich blitzsaubere Treffer des Werder-Stürmers Marvin Ducksch seine Gültigkeit.

„Die Regel ist so, da haben wir uns falsch verhalten“, urteilte Trainer Markus Anfang über den fatalen Weiser-Moment. „Demnach haben wir uns selbst das Tor geklaut.“ Sport1-Experte Martin Harnik bewertete das zurückgenommene Tor ebenfalls als „regelkonform, aber total bitter“ – und wies dabei auch auf die eingeschränkten Möglichkeiten des Unparteiischen hin.

„Normalerweise wirst du da vom Schiedsrichter ein bisschen an die Hand genommen“, sagte Harnik über Hilfestellungen für unkundige Profis. Dadurch, dass sich Weiser in besagter Szene aber erst mit der Freigabe des Standards in die HSV-Mauer schlich, habe Sascha Stegemann nicht mehr reagieren können.

HSV-Profi Leibold: „Sollte uns nicht passieren“

Weniger Mitgefühl für Bremens Außenverteidiger hatte Tim Leibold parat. „Quatsch, was soll es da Mitleid geben?“, antwortete Hamburgs Vizekapitän tags darauf auf eine entsprechende Nachfrage: „Mitch (Weiser/d.Red.) ist jetzt auch nicht erst seit gestern dabei und hat schon ein paar Bundesligaspiele auf dem Buckel.“ Er hätte von dem ehemaligen Bayern-Profi erwartet, dass er die Regel kenne. „Wir sind glücklich, dass er sich da rangepirscht hat an die Mauer“, sagte Leibold.

„Ich glaube schon, dass die ein oder andere Regel mal unten durchrutschen kann“, bekannte der HSV-Profi gleichwohl mit Blick auf das sich jährlich ändernde Regelwerk, und dachte dabei auch an Wechselfehler wie den der Wolfsburger im DFB-Pokal beim Drittligisten Preußen Münster. „So etwas kann mal vorkommen und hat uns diesmal glücklicherweise geholfen. Es sollte aber einem Spieler oder Trainer von uns nicht passieren.“

Weiser sieht sich Häme und Spott ausgesetzt

Und während Weiser selbst hinterher freimütig seine Regel-Unkenntnis mitsamt einer fragwürdigen Argumentation offenbarte („Ich habe letztes Jahr wenig gespielt“), durfte sich der tragische Held dieses ersten Zweitliga-Nordderbys des darauffolgenden Spotts der Netzgemeinde bereits gewiss sein.

„Weiß man mittlerweile, was Mitchell Weiser gemacht hat, als bei Bayer Leverkusen vor der Saison die Regelschulung stattfand?“, lautete einer der noch moderateren Kommentare zum Fauxpas des Bremer Leihspielers.

Ein anderer sah in dem Vorgang bereits eine ähnlich historische Dimension wie Hamburgs Begegnung mit dem zusammengeknüllten Papier im Uefa-Cup-Halbfinale 2009 und twitterte somit: „Im Museum von Werder Bremen ist die Papierkugel ausgestellt. Steht im Museum des HSV demnächst Mitchell Weiser hinter Glas?“

HSV profitiert von Weiser-Fauxpas: „Scheiße“

Weiser selbst blieb nur noch reumütige Selbsterkenntnis und die Bitte um Vergebung. „Ich kannte die Regel einfach nicht“, gestand der 27-Jährige: „Es tut mir leid. Für Marvin und die Mannschaft. Das wäre ein Riesen-Tor gewesen für uns.“ Der verhinderte Torschütze Ducksch indes kommentierte die Mauer-Regel vielsagend: „Wir hatten die Schulung.“

Und auch Moritz Heyer, der Schiedsrichter Stegemann als erster HSV-Profi energisch auf Weisers Verstoß hinwies, zeigte sich regelfest. „Er hat es eben nicht nur außerhalb vom Köpfchen, sondern auch im Köpfchen“, sagte Leibold über seinen Kollegen und Kopfball-Torschützen zum 2:0. Was sich zumindest am Sonnabendabend über den unglücklichen Hauptdarsteller nicht behaupten ließ. Dafür soll Weiser in diesem Stück das prägnante Schlusswort zur kuriosen Derbyszene gestattet sein: „Scheiße.“

( jdr )

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