2. Liga

90.+6! HSV gewinnt verrücktes Spiel gegen Sandhausen

Lesedauer: 8 Minuten

Lange tun sich die Hamburger schwer, gehen in Führung – und bringen sich fast um den Lohn. Doch das Drama findet ein Happy End.

Hamburg. Drama im Volkspark: Der HSV hat sein erstes spätes Sonnabend-Spiel in der 2. Bundesliga zu einem denkwürdigen gemacht. Moritz Heyer sicherte den angeschlagenen Hamburgern gegen den SV Sandhausen in der Nachspielzeit mit seinem Tor zum 2:1 (0:0) nach vier erfolglosen Spielen den ersehnten zweiten Saisonsieg – und den ersten vor heimischem Publikum.

"Es ist geil, ein Spiel kurz vor Schluss zu gewinnen. Dass wir nach dem späten Ausgleich weiter an uns geglaubt und noch einmal zurückgeschlagen haben, zeigt, dass die Entwicklung richtig ist", sagte Heyer bei Sport1. "Das ist Wahnsinn. Aber der Sieg ist auf jeden Fall verdient."

Für HSV-Trainer Tim Walter war der Sieg seiner Mannschaft sogar "mehr als verdient. Ich bin sehr zufrieden, weil die Mannschaft extrem viel Mentalität gezeigt hat". In der Tabelle meldet sich der HSV mit neun Punkten im Aufstiegskampf zurück, während Sandhausen mit vier Punkten auf den Abstiegsrelegationsplatz rutschte.

Tabellenspitze 2. Bundesliga

1. Paderborn 7 Sp. / 16:6 Tore / 14 Pkt.
2. Jahn Regensburg 7 / 15:6 / 14
3. FC St. Pauli 7 / 13:7 / 13
4. 1. FC Nürnberg 7 /9:5 / 13
5. Karlsruher SC 7 / 11:6 / 12
6. HSV 7/ 12:8 / 12
7. Heidenheim 7 / 8:5 / 12

HSV-Fans trauern um verstorbenen Kiezwirt "Ossi-Maik"

Gut eine Stunde vor Anpfiff des Spiels gedachten Hunderte HSV-Fans des Kiezwirts "Ossi-Maik". Mit entzündeten Fackeln zogen sie in einem Trauermarsch vom "Soccerdance" an der Schnackenburgallee Richtung Volksparkstadion.

"Ossi-Maik", der das HSV-Lokal "Sportpub-Tankstelle" betrieb, war am 2. September im Alter von 53 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Der HSV trat ihm zu Ehren mit Trauerflor an.

HSV gegen Sandhausen: Walter wechselt zweimal in der Startelf

HSV-Trainer Tim Walter nahm im Vergleich zum 0:0 in Heidenheim Ende August zwei Wechsel vor: Anstelle von Ludovit Reis und Bakery Jatta rückten etwas überraschend David Kinsombi und Manuel Wintzheimer in die Startelf. "Die beiden haben sehr gut trainiert und sich aufgedrängt, deshalb bekommen sie heute ihre Chance", sagte Walter bei Sport1.

Die Neuzugänge Tommy Doyle und Mario Vuskovic mussten zunächst mit der Auswechselbank vorliebnehmen. Zwei andere Nachwuchskräfte, Anssi Suhonen und Robin Meißner, schafften es dagegen nicht in den HSV-Kader.

Und Dennis Diekmeier? Der langjährige Hamburger stand nach überstandener Muskelverletzung wieder im Kader der Gäste, aber nicht in der Startelf. "Er hat eine schwierige Verletzung gehabt, und wir waren der Meinung, dass es heute noch nicht für die Startelf reicht", sagte SVS-Trainer Gerhard Kleppinger bei Sport1. "Aber wir wissen, was wir an ihm als Mentalitätsspieler haben. Dennis hat uns mit seiner Führungsstärke vergangene Saison zum Klassenerhalt verholfen."

Sandhausens Gaudino positiv auf Corona getestet

Dagegen fehlte Gianluca Gaudino den Kurpfälzern. Der Mittelfeldspieler war am vergangenen Wochenende positiv auf Corona getestet worden. Das gab der SV Sandhausen am Abend bekannt.

Gaudino (24) habe sich in Absprache mit Mannschaftsarzt Nik Streich und dem zuständigen Gesundheitsamt in häusliche Quarantäne begeben. Da es keine weiteren Fälle im Umfeld der Mannschaft gegeben habe, hätten sich die übrigen Spieler trotzdem gemeinsam auf das Spiel in Hamburg vorbereiten können.

Wintzheimer vergibt die Großchance

Walter durfte sich bei seinen Personalentscheidungen schnell bestätigt sehen. Kinsombi bereitete die erste Chance des Spiels vor, indem er den Ball auf Robert Glatzel durchsteckte, doch der neue HSV-Stürmer verzog knapp (6. Minute). Drei Minuten später war es dann wieder Kinsombi, der mit einer Flanke von rechts den in den Strafraum eingelaufenen Moritz Heyer nur um eine Fußspitze verpasste. Und als dann noch Tim Leibold mit seinem Abschluss aus kurzer Distanz an Sandhausens Torwart Patrick Drewes scheiterte (12.), wird sich mancher HSV-Fan gefragt haben, ob das Problem mit der fehlenden Effizienz wohl auch nach der Länderspielpause eines bleibt.

Immerhin: Ihre Mannschaft blieb engagiert und erarbeitete sich weitere Möglichkeiten. Die größte vergab Wintzheimer: Von Glatzel wunderbar angespielt, eilte der Rechtsaußen allein auf Drewes zu – und fand keinen Weg am SVS-Torwart vorbei. Ein Querpass auf den mitgeeilten Sonny Kittel wäre durchaus eine Alternative gewesen (25.).

Neururer wundert sich über HSV-Chancenwucher

Walter schickte kurz darauf seine Ersatzleute zum Aufwärmen. Dabei schien der Führungstreffer für seine Mannschaft nur eine Frage der Zeit. „Mehr Möglichkeiten kann man kaum haben“, wunderte sich Kulttrainer Peter Neururer am Sport1-Miktofon. Vom frühen Anlaufen, das Sandhausens Co-Cheftrainer Gerhard Kleppinger als Taktik ausgegeben hatte, war nichts zu sehen.

Dann aber brauchte der HSV schon vor der Halbzeit mal eine Pause, und Sandhausen wagte sich erstmals aus der Deckung. Einen Schuss von Bashkim Ajdini konnte HSV-Torwart Daniel Heuer Fernandes parieren (34.). Ein Kopfball von Daniel Keita-Ruel verfehlte das Ziel nur knapp (40.). Und so ging es für beide Mannschaft torlos in die Kabine.

Auf einen Wechsel verzichtete Walter zunächst – außer der Chancenverwertung gab es ja auch wenig auszusetzen. Doch an dem Manko änderte sich nichts. Und das hatte viel mit Drewes zu tun: Sandhausens Torwart rettete auch gegen Glatzels Kopfball glänzend (50.). Bei der nächsten guten HSV-Chance musste er dann nicht eingreifen, weil Kinsombi nicht richtig zum Ball stand und den Ball aus zehn Metern übers Tor drosch (54.).

Große Aufregung um Elfmeter – aber Kinsombi bleibt eiskalt

Überhaupt kam dem Hamburger Angriffsspiel nun zunehmend die Präzision abhanden und den ersten Fans die Geduld. Nach einer Stunde hatte Walter genug gesehen und gehört und brachte Jatta. Doch es bedurfte schon eines groben Sandhäuser Abwehrfehlers, um den Bann zu brechen: Erik Zenga traf Kittel mit hohem Bein am Fünfmeterraum. Schiedsrichter Bastian Dankert entschied sofort auf Elfmeter (71.) und zeigte Zenga Gelb.

Die Proteste der Gäste waren nicht nur nutzlos, sie machten alles nur noch schlimmer: Weil Marcel Ritzmaier offenbar noch versuchte, den Elfmetrerpunkt zu ramponieren, schickte ihn Dankert mit Gelb-Rot vom Platz (73.). "Wenn ich schon vorbestraft bin, mache ich nicht so einen Blödsinn", ärgerte sich Kleppinger.

Einer blieb in der minutenlangen Aufregung eiskalt: David Kinsombi verwandelte den Strafstoß sicher zum 1:0 (74.).

Bachmann schockt den HSV

Das musste die Entscheidung sein – dachten wohl viele der 19.950 Fans im Corona-konform ausverkauften Volksparkstadion. Sie dachten falsch, denn der HSV machte es noch einmal spannend. Anstatt weiter mutig nach vorn zu spielen, zogen sich die Hamburger zurück und ließen die dezimierten Gäste kommen.

Die ließen sich nicht lange bitten. Der eingewechselte Ex-St.-Pauli-Profi Christian Conteh setzte sich auf dem linken Flügel gegen Kittel durch, den klugen Pass konnte Janik Bachmann aus kurzer Distanz zum 1:1 ins Tor dreschen – ein Schock.

Heyer sorgt für Happy End – Rot für Ischdonat

Doch es gab ja noch ein Happy End. Beim Schuss des eingewechselten HSV-Debütanten Miro Muheim stand noch ein Sandhäuser Unterschenkel im Weg (90.+3). Nach der anschließenden Ecke aber fand Moritz Heyer mit einem Gewaltschuss aus kurzer Distanz den Weg an Freund und Feind vorbei ins Glück (90.+6).

Die vierminütige Nachspielzeit war da längst abgelaufen. Sandhausens Torwarttrainer Daniel Ischdonat war darüber so wütend, dass er einen Stuhl demolierte – und die Rote Karte sah (90.+7).

Für den HSV aber kann das Nordderby bei Werder Bremen nach drei Jahren Entzug kommen. "Die Vorfreude ist sehr groß", sagte Heyer. Es ist das nächste späte Sonnabend-Spiel – und es dürfte nicht weniger emotional werden.

( leo )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV