Nach Ulreich-Abgang

Der HSV sucht jetzt wieder einen Torwart wie Pollersbeck

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Julian Pollersbeck wurde einst beim HSV vom Hof gejagt. Jetzt sucht der Club einen Spielertypen wie ihn.

Julian Pollersbeck wurde einst beim HSV vom Hof gejagt. Jetzt sucht der Club einen Spielertypen wie ihn.

Foto: Imago / PanoramiC

Nach dem Abgang von Sven Ulreich braucht der HSV mal wieder einen Torwart. Dabei könnte der Stammkeeper schon da sein.

Hamburg. Die Liste der Spieler, die vom HSV zum FC Bayern München gewechselt sind, liest sich durchaus prominent. Der Name Ivica Olic steht auf dieser Liste (2009), ebenso Daniel van Buyten (2006). Niko Kovac (2001) ging diesen Weg, genau wie vor ihm Hasan Salihamidzic (1998) und Markus Babbel (1992). Salihamidzic selbst war es, der als Sportchef vor zwei Jahren Fiete Arp vom HSV nach München lockte.

Dass auf dieser Liste künftig auch der Name Sven Ulreich stehen könnte, klingt überraschend, ist aber durchaus realistisch. Wie Münchner Medien berichten, liebäugeln sowohl die Bayern als auch Ulreich selbst mit einer Rückkehr auf die Position des Ersatztorhüters. Am Freitag hatte sich der 32-Jährige vom HSV verabschiedet. Nach nur acht Monaten in Hamburg und einer frustrierenden Saison löste Ulreich seinen Vertrag im Volkspark wieder auf.

Erst Anfang Oktober war der ehemalige Nationaltorwart als frisch gebackener Champions-League-Sieger zum HSV gewechselt. Doch wirklich warm wurde der Süddeutsche im hohen Norden nie. Weder sportlich noch privat. „Nicht immer funktionieren Dinge, wie man es plant oder sich vorher vorgestellt hat“, sagte Sportdirektor Michael Mutzel.

Kuriose Torwart-Statistik beim HSV

Es ist ein Satz, der nicht nur zu Ulreichs Zeit beim HSV passt, sondern zu vielen Torhütern vor ihm. Nach dem Abgang des Schwaben wird der HSV zum sechsten Mal in Folge nicht nur mit einem neuen Trainer in die neue Saison gehen, sondern auch mit einer neuen Nummer eins.

René Adler war 2016 der letzte Torhüter, der seinen Platz im Tor aus der Vorsaison behaupten konnte. Ein Jahr später war es Christian Mathenia, der sich zumindest zu Beginn der Spielzeit als Nummer eins bezeichnen durfte. Nach dem Abstieg stand Julian Pollersbeck im ersten Zweitligajahr im Tor, nach dem verpassten Wiederaufstieg setzte der HSV auf Daniel Heuer Fernandes. Und weil der Aufstieg erneut verfehlt wurde, holten die Hamburger Ulreich als einen der neuen Säulenspieler. Jährlich grüßt die neue Nummer eins.

Pollersbeck macht sich über HSV lustig

Vor allem finanziell geriet der ständige Torhüterwechsel zum großen Minusgeschäft, wie die Ausgaben-Einnahmen-Bilanz verdeutlicht. Für Mathenia (0,8 Millionen Euro), Pollersbeck (3,5), Heuer Fernandes (1,3) und Ulreich (0,2) gab der HSV binnen fünf Jahren für fünf verschiedene Torhüter fast sechs Millionen Euro aus. Lediglich für Mathenia und U-21-Europameister Pollersbeck bekam der HSV eine kleine, kaum nennenswerte Summe (250.000) zurück.

Wie Pollersbeck, der vor einem Jahr zu Olympique Lyon nach Frankreich wechselte, heute über seine Hamburger Zeit denkt, ließ er am Sonntag bei Instagram wissen. Zu einem Jubelfoto über den Sieg bei der U-21-EM 2017 schrieb der 26-Jährige: „Da lief´s noch bei mir. Einen Tag später war ich dann HSV-Spieler…“

HSV sucht Torhüter wie Pollersbeck

Nachdem der HSV Pollersbeck vor einem Jahr unbedingt loswerden wollte, könnte er einen Torhüter wie ihn jetzt wieder gut gebrauchen. Schon unter Christian Titz spielte Pollersbeck, der in Lyon in seiner ersten Saison nur drei Pokalspiele machte, im Aufbauspiel eine ganz wichtige Rolle. In der Spielphilosophie des neuen HSV-Trainers Tim Walter übernimmt der Torwart eine ähnliche Aufgabe wie einst unter Titz. Doch wer wird diesen anspruchsvollen Posten in der neuen Saison übernehmen?

Gut möglich, dass die neue Nummer eins unter Walter die alte sein wird. Mit Heuer Fernandes hat der HSV einen Torhüter im Kader, der wegen seiner Stärken mit dem Fuß die Rolle ausfüllen könnte. Der 28-Jährige hat dem HSV nach Abendblatt-Informationen deutlich hinterlegt, dass er kein weiteres Jahr auf der Bank sitzen will. Und bis zuletzt sah auch alles danach aus, dass sein neuer Hamburger Berater Patrick Williams einen neuen Verein für ihn finden soll. Nach einem Jahr als Ersatztorwart will Heuer Fernandes wieder spielen. Und das würde er am liebsten beim HSV tun.

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Heuer Fernandes will im HSV-Tor stehen

Am 18. Juni werden die Hamburger unter Walter ihr erstes Mannschaftstraining im Volkspark bestreiten. Aktuell deutet alles darauf hin, dass der HSV dann mit Sven Höh (37/zuletzt Kaiserslautern) zwar einen neuen Torwarttrainer dabei hat, aber noch keinen neuen Torhüter. Heuer Fernandes, Tom Mickel (32) und U-21-Torwart Leo Oppermann (19), auf den Nachwuchschef Horst Hrubesch große Stücke hält, werden dann zusammen in die Vorbereitung starten.

Aber nur vorübergehend. Wie das Abendblatt erfuhr, wird der HSV im Sommer in jedem Fall noch einen neuen Torwart verpflichten. Ob der Club eine klare Nummer eins holt oder einen Torhüter, der mit Heuer Fernandes einen Zweikampf aufnimmt, hängt noch davon ab, welchen Eindruck Tim Walter in der Vorbereitung von Heuer Fernandes gewinnt. Angesichts des komplexen Fußballs, den Walter spielen lässt, wäre es sinnvoll, die Nummer eins schon frühzeitig in der Vorbereitung zu benennen.

Vor einem Jahr kam Sven Ulreich erst nach dem zweiten Spieltag in die Mannschaft. Ex-Trainer Daniel Thioune hatte sich zuvor bei der Transferwahl zwischen Ulreich und einem jüngeren Torwart aus der Schweiz klar für den erfahrenen Bayern-Torwart ausgesprochen.

Setzt HSV-Coach Walter auf Heuer Fernandes?

Walter tickt bei der Auswahl seiner Spieler allerdings anders. Dem 45-Jährigen sind Namen egal. Und er scheut sich auch nicht, seine Nummer eins mitten in der Saison zu wechseln. Beim VfB Stuttgart setzte er kurz vor der Winterpause den Stammtorhüter Gregor Kobel auf die Bank – für Außenstehende aus unverständlichen Gründen. Kobel, der nun zu Borussia Dortmund wechselt, blieb nur kurz die Nummer zwei, weil Walter wenige Spieltage später entlassen wurde.

Bei Holstein Kiel vertraute Walter dagegen in der Saison 2018/19 durchgehend auf Kenneth Kronholm, der die Torwartrolle ganz neu interpretierte und für Aufsehen sorgte. Wenn Walter diese Spielart in Hamburg fortführte, hätte er mit Heuer Fernandes den geeigneten Torhüter in jedem Fall schon im Kader.

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