HSV-Aufsichtsratschef

Marcell Jansen: „Vielen Vereinen droht Ungemach"

Der Aufsichtsratschef spricht dem HSV-Vorstand das Vertrauen aus und zögert mit einer erneuten Kandidatur als Präsident.

| Lesedauer: 8 Minuten

Der frühere Nationalspieler Marcell Jansen ist seit einem Jahr Aufsichtsratsvorsitzender der HSV Fußball AG.

Foto: Witters

Hamburg. Mehr als drei Monate ist es her, dass Marcell Jansen als Präsident des HSV gemeinsam mit den Vizepräsidenten Thomas Schulz und Moritz Schaefer zurückgetreten ist. Seitdem hat sich der 35-Jährige öffentlich zurückgehalten. Bis jetzt. Fünf Tage nach dem Saisonende empfängt der Aufsichtsratsvorsitzende der HSV Fußball AG das Abendblatt in seinem Büro am Stephansplatz und spricht über den verpassten Aufstieg, den neuen Trainer Tim Walter und die Rückkehr der Fans.

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Hamburger Abendblatt: Herr Jansen, am Dienstag wurde mit Tim Walter HSV-Zweitligatrainer Nummer sechs vorgestellt. Was macht Sie zuversichtlich, dass Walter mehr Erfolg hat als seine fünf Vorgänger?

Marcell Jansen: Mir ist es ein bisschen zu einfach, bei Trainerwechseln immer nur auf den HSV zu zeigen. In der Bundesliga tauschen beispielsweise die ersten sechs Clubs der Tabelle alle in diesem Sommer ihre Trainer durch. Doch bleiben wir beim HSV: So sehr ich von Daniel Thioune vor einem Jahr überzeugt war, so sehr habe ich auch die Entscheidung unserer sportlichen Verantwortlichen, einen Wechsel vorzunehmen, verstanden. Wir hatten sehr viele gute Ansätze, aber leider auch ein paar weniger gute Themen. Die interne Saisonanalyse hat beispielsweise ergeben, dass unsere Mannschaft in der Zweiten Liga das schlechteste Team bei Ballgewinnen im vordersten Angriffsdrittel ist. Mit klaren Worten: Unser Pressing gegen den Ball darf sich deutlich verbessern. Und in dieser Hinsicht bin ich sehr zuversichtlich, dass Tim Walter für einen Fußball steht, bei dem ich in diesem Bereich eine deutliche Verbesserung erwarte.

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Inwiefern musste der Aufsichtsrat die Vorstands-Entscheidung für den Nachfolger Daniel Thiounes absegnen?

Jansen: Ein neuer Cheftrainer bewegt sich schon in einem finanziellen Bereich, bei dem der Aufsichtsrat zustimmen muss. Persönlich kann ich nur sagen, dass ich das Trainerprofil von Tim Walter sehr, sehr spannend finde. Ich freue mich darauf, ihn auch bald persönlich kennenzulernen.

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Am kommenden Dienstag werden Boldt und sein Vorstandskollege Frank Wettstein die abgelaufene Saison auf der Hauptversammlung Revue passieren lassen. Wurde die Spielzeit innerhalb des Kontrollgremiums schon aufgearbeitet?

Jansen: Wir hatten bereits intensive Runden kurz nach der Freistellung Daniel Thi­ounes und werden jetzt in weiteren Terminen die Saison gemeinsam weiteraufarbeiten. Es wird ein intensiver HSV-Sommer, und wir wissen um unsere Aufgaben.

Können Sie das konkretisieren?

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Jansen: In dieser Saison haben wir einen Transferüberschuss generiert, und unser teuerster Transfer kam aus Osnabrück für deutlich unter eine Millionen Euro. Trotz des verfehlten Aufstiegs, über den wir uns alle sehr ärgern, wurden Werte unter anderem im Nachwuchs und den Infrastrukturen geschaffen. Auch das sollte man nicht vergessen. Aber es muss eben auch die Frage nach der Leistungskultur gestellt werden. Ich erwarte von Top-Verdienern in unserem HSV Top-Leistungen. Da sollte sich jeder Einzelne hinterfragen.

Nach dem ersten Nicht-Aufstieg hatte der damalige HSV-Chef Bernd Hoffmann angekündigt, jeden Stein umzudrehen. Müssen erneut viele Steine umgedreht werden?

Jansen: Von mir als Aufsichtsratsvorsitzenden wird man nie den Satz hören, dass unser Sportsystem kollabiert sei. Unser Vorstand trifft die operativen Entscheidungen, aber wir stehen alle gemeinsam hinter diesen Entscheidungen und ich betone noch mal, dass wir ein Haus bauen müssen mit festem Fundament. Dazu bedarf es klarer Strukturen.

Der Aufsichtsrat ist allerdings für die Besetzung des Vorstands verantwortlich. Haben Sportvorstand Jonas Boldt und Finanzvorstand Frank Wettstein trotz der enttäuschenden Saison das uneingeschränkte Vertrauen des Kontrollgremiums?

Jansen: Wir alle gemeinsam haben den Gesamtorganismus HSV in den vergangenen Monaten stabilisiert – trotz der andauernden Corona-Krise. Daran hat der Vorstand einen großen Anteil. Jedes Mal bekomme ich die Frage nach einzelnen Personalien. Gegenfrage: Wann fangen wir an, den HSV als Einheit zu verstehen?

Der Sky-Reporter Jurek Rohrberg hat im Abendblatt-Podcast am Montag gesagt, dass er sich sicher sei, dass Wettstein schon sehr bald kein Vorstand mehr sei. Was weiß er, was wir nicht wissen?

Jansen: Das müssen Sie Herrn Rohrberg fragen.

Frank Wettstein ist ja vor allem für die Finanzen zuständig. Kritiker sagen, dass der HSV seit sieben Jahren nie schwarze Zahlen geschrieben hat. Andere entgegnen, dass Wettstein den HSV finanziell sehr gut durch die extrem schwierige Corona-Zeit manövriert hat. Wie sehen Sie es?

Jansen: Ich habe Vertrauen in Franks Arbeit und seine Expertise im Bereich der Finanzen. Ich bin seit einem Jahr Aufsichtsratsvorsitzender – und in dieser Zeit konnten wir mit Frank Wettstein trotz schwierigster Rahmenbedingungen eine große Stabilität erreichen.

Unabhängig von Wettstein und Boldt: Sollte der Vorstand in der kommenden Saison um eine Person ergänzt werden?

Jansen: Das ist ein Zukunftsthema, welches wir ebenfalls in unserer Analyse intern behandeln werden.

Haben Sie sich denn schon entschieden, ob Sie erneut als HSV-Präsidentschaftskandidat bei der Mitgliederversammlung antreten werden?

Jansen: Nein. Wir brauchen vorab eine ehrliche Aufarbeitung des vergangenen Jahres. Es ist viel passiert, auch bei uns im Verein. Jetzt gilt es erst einmal diese Dinge zu besprechen und den HSV zu stärken.

Glauben Sie, dass die Mitgliederversammlung wieder eine Präsenzveranstaltung wird und dass der HSV schon zum Saisonstart wieder vor Fans spielen kann?

Jansen: Das hoffe ich sehr. Die Fans und Mitglieder sind das Herz des Fußballs. Wenn wir es trotz der immer geringer werdenden Inzidenzzahlen und der immer besser werdenden Tests bei einer Freiluftveranstaltung nicht schaffen, wieder Menschen ins Stadion zuzulassen, dann möchte ich über andere Bereiche der Gesellschaft gar nicht nachdenken.

Wie kritisch sehen Sie denn den Fußball in der aktuellen Situation?

Jansen: Ich mache mir ernsthafte Sorgen um den Fußball. All die Gelder, die sich jetzt irgendwo bei irgendwelchen Banken geliehen werden, die müssen ja auch irgendwann zurückgezahlt werden. Ein paar Vereine werden damit keine großen Probleme haben. Vielen anderen droht Ungemach, wenn die Corona-Lage noch viel länger andauert. Für den Fußball gilt das Gleiche wie für den Rest der Gesellschaft: Wir brauchen Mut und eine echte Perspektive.

Sind wir zu mutlos in Deutschland?

Jansen: Das will ich so gar nicht sagen. Aber wir können uns auch nicht nur auf das Impfen verlassen. Wir brauchen ganz neue Strategien, die unabhängig von der Impfquote greifen sollten.

Wie könnte die Strategie aussehen, damit auch der HSV zum ersten Heimspiel der neuen Saison wieder vor Zuschauern spielt?

Jansen: Wir haben mit dem PCR-Schnelltest der sanaGroup gezeigt, wie es gehen kann, wenn man eine eigene Teststrategie für die Spieler entwickelt. Da waren wir zusammen mit den Hamburg Towers und den HSV-Handballern ein Vorbild für andere Clubs und haben gezeigt, dass wir in Hamburg auch mal die Ersten sein können. Nach diesem Vorbild können wir auch dafür sorgen, dass wir die Stadien wieder mit vielen Zuschauern füllen. Wir brauchen unsere Fans. Eine gute Teststrategie kann das garantieren.

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