Trainerwechsel

Aus von Daniel Thioune: Die Macht der Spieler beim HSV

| Lesedauer: 7 Minuten
Henrik Jacobs und Kai Schiller
Boldt über die Entlassung von Thioune: "Alternativlos"

Boldt über die Entlassung von Thioune: "Alternativlos"

In einer außerordentlichen Pressekonferenz legt Sportvorstand Jonas Boldt die Gründe für das Aus von HSV-Trainer Daniel Thioune dar.

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Stimmt es, dass Thioune gehen musste, weil sein Verhältnis zur Mannschaft gestört war? Es wäre nicht das erste Mal beim HSV ...

Hamburg.  Es war ein Abschied mit Emotionen. Als Daniel Thioune am Montagmittag noch einmal vor die Mannschaft trat, hätte wohl niemand den Eindruck gewinnen können, dass es zwischen den Spielern und dem kurz zuvor freigestellten Trainer einen Bruch gegeben habe. Wie das Abendblatt erfuhr, verabschiedete sich Thioune von jedem einzelnen Spieler persönlich mit einem coronakonformen Faustgruß.

So wie es der 46-Jährige in dieser Saison nach jedem Spiel im Mannschaftskreis gemacht hatte. „Ihr seid eine geile Mannschaft“, sagte Thioune zum Team. Und alle Profis applaudierten. Dann war die 301-tägige Geschichte des Fußballlehrers aus Osnabrück in Hamburg beendet.

Beziehung zwischen Trainer und Spielern habe immer mehr gewackelt

Ebenfalls am Montagmittag saß Sportvorstand Jonas Boldt im ersten Stock des Volksparkstadions und erklärte auf dem Podium des Presseraums, warum Thioune seine Arbeit vorzeitig beenden muss und Horst Hrubesch das Kommando für die letzten drei Spiele der Saison übernimmt. „Die Beziehung zwischen Trainer und Spielern hat immer mehr gewackelt“, sagte Boldt und versuchte zu begründen, warum seine Worte innerhalb von nur zwei Tagen ihre Bedeutung verloren hatten.

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„Mit zwei Tagen Abstand kam die Feststellung, dass die Distanz zwischen Trainer und Spielern zu groß geworden ist. Und dass wir Gefahr laufen, dass diese Saison austrudelt“, sagte Boldt, nachdem er Thioune am Freitag noch gestärkt hatte.

Gespräche von Boldt mit Führungsspielern

Was zwischen diesem Freitag und jenem Montag passierte, waren vor allem Gespräche, die Boldt mit Führungsspielern, aber auch mit Sportdirektor Michael Mutzel geführt hatte. Herausgekommen ist ein Bild, das Boldt zu einem Kurswechsel veranlasste. Der Trainer, so war es zu hören, hatte seine Mannschaft verloren. Doch wie passt das zusammen?

Gerade einmal acht Wochen ist es her, dass der HSV im eigenen Stadion den FC Heidenheim mit 2:0 besiegte. Es war das vermutlich beste Saisonspiel des HSV, weil es die Mannschaft schaffte, auch ohne Torjäger Simon Terodde oder Spielmacher Jeremy Dudziak über 90 Minuten gemeinschaftlich und leidenschaftlich zu verteidigen und nebenbei noch richtig guten Fußball zu spielen.

Die Mannschaft wurde hinterher für ihren neuen Teamgeist gefeiert und Thioune für seine Offenheit, die Führungsspieler bei der Frage mitzunehmen, ob der viel kritisierte und glücklose Stürmer Bobby Wood von Beginn an spielen sollte oder nicht.

Fünf Spiele ohne Sieg

Was folgte, waren fünf Spiele ohne Sieg, ein Kabinenstreit um eben jenen Wood und schließlich eine Atmosphäre in der Mannschaft, die Boldt und Mutzel zum Handeln zwang. Man könnte auch sagen: Die Mannschaft hat ihren Trainer im Stich gelassen.

Und das nicht zum ersten Mal. Keine zwölf Monate ist es her, dass Dieter Hecking in der Schlussphase der Saison Woche für Woche tiefer in die Krise rutschte und am Ende an seiner Mannschaft verzweifelte. Auch hier hieß es schließlich nach dem 1:5 gegen Sandhausen, dem Endpunkt einer missratenen Rückrunde: Der Trainer habe die Kabine verloren.

Glauben Sie, dass Horst Hrubesch als neuer Trainer beim HSV die Wende schafft?

Es wurden bisher 4831 Stimmen abgegeben.

„Viele fühlten sich links liegen gelassen vom Trainer. Und manche wurden am Ende als Hoffnungsträger gebraucht. Dass das nicht so funktioniert wie gewünscht, war abzusehen. Dafür war die Stimmung zu dem Zeitpunkt in der Kabine einfach schon zu schlecht“, sagte etwa Christoph Moritz nach der Saison im HSV-Blog „Rautenperle“.

Hannes Wolf litt unter atmosphärischen Störungen in der Kabine

Der Mittelfeldmann, der zu Jahn Regensburg wechseln sollte, war einer der Spieler, die unter Hecking keine Berücksichtigung mehr fanden. Hecking hatte auf den letzten Metern der Saison viel probiert mit verschiedenen Aufstellungen – und am Ende alles verloren.

Wiederum ein Jahr zuvor war es Hannes Wolf, der nach einem Superstart im zweiten Teil der Saison zunehmend unter atmosphärischen Störungen in der Kabine litt. Und wiederum war Moritz einer der Spieler, bei denen der Trainer den Rückhalt verlor. Dass Moritz später sagen sollte, er habe sich bei Siegen nicht so freuen können, wenn er selbst keinen Teil dazu beigetragen habe, stieß Wolf übel auf.

Am Ende brach Wolf die gesamte Führungsachse weg

„Wenn du erfolgreich sein willst, brauchst du eine Bank, die sich richtig mitfreut. Aber es haben Spieler öffentlich gesagt, dass sie das nicht können. Ich hätte mir diese Einheit gewünscht“, sagte Wolf vor Kurzem im Abendblatt-Podcast „HSV – wir müssen reden“ in Richtung Moritz.

Horst Hrubeschs erstes HSV-Training:

Am Ende brach Wolf die gesamte Führungsachse weg, weil etwa Lewis Holtby in einem Moment der Frustration die Kadernominierung für das Topspiel bei Union Berlin verweigern wollte, als er im Training merkte, dass er nicht von Anfang an spielen werde. Mit Stürmer Pierre-Michel Lasogga brach ein weiterer Leistungsträger weg, weil dieser in Gedanken schon bei seinem neuen Verein in Katar war.

Thioune verlor gegenüber seinen Spielern die Überzeugung

Anders als unter Wolf deutete sich in den vergangenen Wochen unter Thioune aber nicht an, dass der Trainer die Verbindung zu seinen Spielern verlieren würde. Doch die vielen Rückschläge seit dem Spiel gegen Heidenheim, angefangen mit dem 3:3 gegen Hannover, führten fast schon automatisch dazu, dass Thioune gegenüber seinen Spielern die Überzeugung verlor.

Nach dem Kabinenstreit mit dem im Team beliebten Bobby Wood versuchte die sportliche Führung den Trainer noch zu stärken, indem sie Woods Vertrag vorzeitig auflöste. Doch die Macht der Spieler war letztlich mal wieder größer als die Mittel des Trainers.

Gute Nachricht für Hrubesch

Nun darf sich also Horst Hrubesch vor allem darin versuchen, die Mannschaft des HSV für sich zu gewinnen. Am Dienstagnachmittag versuchte der 70-Jährige das wieder auf seine ganz eigene Art. Am Ende der Trainingseinheit gab es im Mannschaftskreis das, was es auch am Montag für Thioune gab: Applaus.

Die gute Nachricht für Hrubesch: Schon jetzt ist klar, dass ihm durch seine kurze Amtszeit ein Ende wie jenes seiner drei Vorgänger erspart bleibt. ​

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