1:2 gegen Darmstadt

Elfmeter, Taktik & Aufstiegsangst: Die Frust-Themen beim HSV

| Lesedauer: 8 Minuten

Mutzel spricht über HSV-Situation als angeschlagener Boxer

HSV-Sportdirektor Mutzel versucht nach der 1:2-Heimniederlage gegen Darmstadt, Optimismus für den Aufstiegskampf zu verbreiten.

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Die Elfmeterszene mit Stürmer Terodde bleibt das Aufregerthema, lenkt aber von den eigentlichen Problemen des HSV ab.

Hamburg. Auch am Tag nach der schmerzhaften 1:2-Heimniederlage gegen Darmstadt 98 saß der Frust beim HSV noch tief. Der Frust über die vielen vergebenen Torchancen, den zurückgenommenen Elfmeter von Simon Terodde und die schlechte Abwehrleistung in einigen Momenten – vor allem bei den Gegentoren. Eigentlich herrscht im Westen Hamburgs nichts Neues: Mal wieder droht der HSV im Frühling trotz einer komfortablen Ausgangssituation, den Aufstieg zu verspielen und ein weiteres Jahr in der 2. Liga zu verweilen.

Die Club-Verantwortlichen brauchten nach dem neuerlichen Rückschlag schon etwas Kreativität, um ein anderes Bild als das düstere aus den vergangenen beiden Spielzeiten zu zeichnen. Und so wählte Trainer Daniel Thioune noch auf dem Spielfeld am Freitagabend gegenüber seinen Spielern die Metapher des angeschlagenen Boxers.

„Es hat etwas Gutes gesagt: Wir haben uns einen gefangen, so wie ein Boxer in die Rippen“, berichtete Sportdirektor Michael Mutzel am Sonnabend über Thiounes Ansprache im Mannschaftskreis. „Wir gehen vielleicht ein bisschen in die Knie, aber jetzt entscheidet sich, ob wir liegen bleiben oder aufstehen.“

HSV bangt um Aufstieg nach Darmstadt-Pleite

Wer Daniel Thioune kennt, der weiß, dass liegen bleiben für ihn keine Option ist. „Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder wir nehmen es jetzt so hin, wehren uns gegen alle Widerstände, arbeiten weiter fleißig und gewinnen wieder Fußballspiele. Oder wir ergeben uns“, sagte der Coach und ließ damit aufhorchen. „Wer die Wahl hat als Fußballer, wird sicherlich Ersteres wählen.“

Nach nur zwei Siegen aus den vergangenen neun Spielen verdichten sich jedoch die Anzeichen, dass es für den HSV am Saisonende zum dritten Mal in Folge nur zu Platz vier reichen könnte. Gegen Darmstadt fehlte es der Mannschaft an der nötigen Gier, die zweiten Bälle zu erobern und an die eigenen Grenzen zu gehen, wie auch Thioune bemängelte. „Wir brauchen wieder mehr Mentalität, was die Balleroberung und das Finishen betrifft“, sagte der Coach und ärgerte sich damit auch über die fehlende Effizienz vor dem Tor.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. FC Schalke 04 34 / 72:44 / 65
2. Werder Bremen 34 / 65:43 / 63
3. HSV 34 / 67:35 / 60
4. Darmstadt 98 34 / 71:46 / 60
5. FC St. Pauli 34 / 61:46 / 57

Thiounes HSV-Ideen gingen nicht auf

Doch auch Thioune ist nicht gänzlich von Fehlern freizusprechen. Seine Idee, mit Klaus Gjasula einen kopfballstarken Spieler gegen Darmstadts Palsson entgegenzustellen, missglückte. Nicht, weil die Hessen auf die zu erwartenden langen Bälle verzichteten, sondern weil der Sechser schon nach fünfeinhalb Minuten und seinem zweiten rüden Foul die Gelbe Karte sah. Früh Gelb-Rot-gefährdet musste sich Gjasula fortan in den Zweikämpfen etwas zurücknehmen und beraubte sich damit seiner größten Stärke, der Robustheit.

Thioune räumte hinterher ein, Gjasula wegen der Gefahr eines Platzverweises schon Anfang der zweiten Halbzeit ausgewechselt zu haben. „Das war unnötig für einen erfahrenen Spieler. Damit hat er sich selber aus dem Spiel genommen“, klagte auch Mutzel.

Hinzu kam, dass mit Dudziak ein weiterer neu in die Startelf gebrachter Spieler weit unter seinen Möglichkeiten blieb. Schon nach neun Minuten hätte er die Weichen für den HSV auf Sieg stellen können, wenn er den im Zentrum frei stehenden Sonny Kittel bedient hätte. Doch sein schlampiger Außenristpass verfehlte das Ziel. Eine folgenschwere Nachlässigkeit, von der sich Dudziak bis zu seinem Tor in der 77. Minute nicht mehr erholen sollte. „Jerry ist erst zum Ende hin richtig aufgedreht. Er hat nicht effektiv gespielt“, räumte auch Mutzel ein.

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Jatta kam zu spät beim HSV gegen Darmstadt

Zu guter Letzt missglückte Thiounes Maßnahme, Manuel Wintzheimer als besten Vorbereiter der vergangenen Wochen in der Mannschaft zu lassen und trotzdem das System auf ein 4-1-3-1 mit nur einem Stürmer umzustellen. Dies hatte zur Folge, dass Wintzheimer, der sich als hängende Spitze wohler fühlt, seine neue Position als rechter Flügelspieler häufig verließ, wodurch Terodde die Anspiele im Strafraum fehlten. Dass Wintzheimer zum wiederholten Male Schwächen im Abschluss offenbarte und Bakery Jatta gleich mit seiner ersten Aktion nach seiner späten Einwechslung den Anschlusstreffer vorbereitete, rundete das Bild ab.

Eine Einschätzung, der Mutzel allerdings nicht folgte. „Der Trainer will ja, dass der Außenspieler zentral einrückt und torgefährlich wird. Manu hatte gestern gefühlt fünf Tormöglichkeiten, von denen er einfach eine oder zwei hätte nutzen müssen“, sagte der Manager. „Hinterher zu sagen, Jatta wäre besser gewesen, finde ich schwierig. Die Idee, was der Trainer vorhatte, konnte ich total nachvollziehen. Es hat vom Ergebnis her nicht funktioniert, das ist so.“

HSV-Frust über Terodde-Elfmeter

Das Ergebnis stimmte auch nicht in der Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichter Robert Kampka und seinem Videoassistenten Arne Aarnink. Als sich Kampka an der Seitenlinie die Elfmeterszene von Terodde am Monitor ansah, wurde ihm die entscheidende Perspektive der Hintertorkamera nicht eingespielt. Dadurch sah Kampka nur, dass man nichts sah – weder einen Kontakt von Darmstadts Serdar Dursun gegen Terodde noch, dass es keinen Kontakt gab. Trotzdem nahm der Unparteiische den Strafstoß zurück – zum Ärger des HSV.

„Ich ärgere mich, dass im Kölner Videokeller nicht alle Bilder gezeigt und bewertet wurden, und hätte mir gewünscht, dass der Schiedsrichter auch die Hintertorperspektive sieht. Dann hätte er auf den Punkt gezeigt“, klagte Thioune. „Dem Schiedsrichter sollten alle Perspektiven zur Verfügung stehen. Hier ist ein Fehler entstanden, wo keiner entstehen sollte.“ Deutliche Worte, die Mutzel in ähnlicher Form am Sonnabend wiederholte. „Für mich war es ein Elfmeter“, ergänzte der Sportdirektor.

Wie schon beim 3:3 in Hannover, als Teroddes reguläres Tor fälschlicherweise wegen Abseits aberkannt worden war, wurde dem HSV die Chance auf ein Tor genommen. Dennoch stellte Thioune klar: „Die Niederlage liegt aber nicht am Schiedsrichter, sie liegt an uns.“

Erholt sich der HSV vom Aufstiegs-Schock?

Am HSV liegt es nun auch, wie die Saison ausgeht. Ob der Club erneut Nerven zeigt und noch weitere Spiele herschenkt oder ob er noch einmal die Kurve kriegt. „Wir glauben an uns und werden wieder aufstehen“, stellt Mutzel klar. „Wir haben Nehmerqualitäten, das haben wir in dieser Saison schon mehrfach bewiesen, und versuchen alles, um mental stark zu sein.“

Mit anderen Worten, um bei der Metapher des angeschlagenen Boxers zu bleiben: Der HSV will nun mit dem Stil des früheren Boxweltmeisters Henry Maske agieren und die kommenden Gegner mürbe machen. „Henry Maske boxte immer ausdauernd und gewann am Ende meistens. Das wäre doch für uns ganz gut.“

Die Statistik des HSV-Spiels gegen Darmstadt:

  • HSV: Ulreich – Vagnoman (61. Gyamerah), Heyer, Ambrosius, Leibold (89. Narey) – Gjasula (61. Kinsombi) – Wintzheimer (74. Meißner), Hunt, Kittel (74. Jatta), Dudziak – Terodde.
  • Darmstadt: Schuhen – Bader, Pfeiffer (46. Mai), Höhn, Holland – Palsson, Rapp – Skarke (33. Honsak), Tobias Kempe, Berko (75. Mehlem) – Dursun (75. Platte).
  • Tore: 0:1 Berko (51.), 0:2 Dursun (60.), 1:2 Dudziak (77.).
  • Gelbe Karten: Gjasula, Dudziak, Ambrosius, Hunt – Rapp, Berko, Palsson.
  • Schiedsrichter: Kampka (Görlitz).

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