Nach Remis gegen Hannover

Sven Schipplock: „Beim HSV herrscht ein enormer Druck“

| Lesedauer: 7 Minuten
Kai Schiller und Henrik Jacobs
HSV-Trainer Daniel
Thioune (l.) im
Gespräch mit Reflexionscoach
Martin Daxl, der
seit Sommer beim
HSV ist.

HSV-Trainer Daniel Thioune (l.) im Gespräch mit Reflexionscoach Martin Daxl, der seit Sommer beim HSV ist.

Foto: Witters

Wie kann man erklären, dass die Hamburger immer wieder einbrechen? Ex-HSV-Profi Schipplock sucht nach Antworten.

Hamburg.  Am Ostersonntag hatte Sven Schipplock die Qual der Wahl. Der Stürmer von Arminia Bielefeld saß nach dem Vormittagstraining zu Hause auf der Couch und musste sich entscheiden, welchen seiner beiden Ex-Clubs er pünktlich zur Mittagszeit verfolgen würde. Seine Darmstädter gegen Düsseldorf? Oder seinen HSV in Hannover?

Wenige Tage vor dem direkten Duell seiner früheren Vereine entschied sich Schipplock zunächst für die salomonische Lösung: die Konferenzschaltung. „Als in Hannover aber das 1:3 fiel, konnte ich nicht anders: Da musste ich die letzten Minuten beim HSV bleiben“, sagt Schipplock.

„Der HSV kommt nie mit einem blauen Auge davon“

Einen Tag später sitzt der 32-Jährige wieder auf seiner Couch, schaut diesmal aber nicht zum Fernseher, sondern in den aufgeklappten Laptop seiner Frau. Über Zoom ist Schipplock mit dem Abendblatt verbunden und soll im Podcast „HSV – wir müssen reden“ ein wenig über seine HSV-Vergangenheit sprechen. Doch zunächst ist es die Gegenwart, die dem Schwaben zu schaffen macht. „Das Spiel in Hannover hat schon wehgetan. Der HSV kommt nie mit einem blauen Auge davon“, sagt er. „Es ist bitter zu sehen, wie der HSV in den letzten Minuten immer die Spiele aus der Hand gibt.“

Warum? Wieso? Weshalb? Diesen Fragen gingen nicht erst seit dem Abpfiff in Hannover auch die Verantwortlichen des HSV nach. Das 3:3 nach 3:0-Führung in Hannover ist ja nur eines von vielen Beispielen in dieser Saison.

Ist der Druck beim HSV zu groß?

Und diese Saison ist nur eine von vielen Spielzeiten in den vergangenen Jahren, in denen der HSV im schipplockschen Sinne eben nicht mit einem blauen Auge davongekommen ist. „Es trifft leider immer den HSV“, sagt Schipplock, der zumindest einen Erklärungsansatz für dieses HSV-Phänomen hat: Druck.

„Beim HSV herrscht ein anderer Druck als bei anderen Clubs“, sagt Schipplock, der diesen „extremen Druck“ nicht als Ausrede, aber als Erklärung für manche Leistung verstehen will. Beispiel Bobby Wood: Als der US-Amerikaner am Sonntag die erste von zwei Großchancen vergab, schrieb ein gewisser „Langnese Block Ultra“ bei Twitter: „Wäre Bobby Wood ein Pferd, würde man es erschießen.“

HSV setzt seit Sommer auf die Hilfe von Reflexionscoach Martin Daxl

Eine schlimme Entgleisung, die sich laut Schipplock in den Köpfen der Spieler festsetzen kann. „Der Bobby macht sich schon viele Gedanken um seine Situation“, sagt der Stürmer, der selbst mal eine lange Durststrecke in Hamburg erlebte. „Mir ist beim HSV die Leichtigkeit, Tore zu schießen, abhandengekommen. Ich konnte mit diesem Druck nicht richtig umgehen.“

Dass der Druck in Hamburg größer als woanders ist, haben natürlich auch die HSV-Verantwortlichen erkannt – und reagiert. Nachdem man zum Ende der vergangenen Saison Patrick Esume als eine Art zusätzlichen Motivationscoach in den Trainerstab mit aufnahm, setzt der HSV seit Sommer auf die Hilfe von Reflexionscoach Martin Daxl.

Große mediale Aufmerksamkeit ist ein Faktor

„Druck ist im Leistungs- und Profisport ein relevanter Aspekt, dessen sich alle Akteure bei Vertragsunterschrift bewusst sein sollten. Aufgrund der großen medialen Aufmerksamkeit kann der Druck im Fußball und speziell bei Traditionsclubs noch größer sein“, erklärt Sportdirektor Michael Mutzel.

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„Differenziert betrachtet bin ich aber der Meinung, dass das Empfinden und Wahrnehmen von Druck in erster Linie typ- und nicht standortabhängig ist. Wir bieten unseren Jungs mit Martin Daxl als Reflexionscoach ein freiwilliges Angebot, das sie bei Bedarf unterstützen soll.“

Viel entscheidet sich im Kopf

Und Daxl, der zweimal in der Woche beim HSV zur Verfügung steht, wird angenommen. „Ich habe gemerkt, dass es mir einfach hilft, mich mit ihm zu unterhalten“, sagte Jan Gyamerah in einem Abendblatt-Interview. „Es ist ja ein freiwilliges Angebot des Vereins. Ab einem gewissen Level kann ja jeder Fußball spielen. Ich denke aber schon, dass sich auch ganz viel im Kopf entscheidet.“

Sven Schipplock hätte es kaum besser formulieren können. Der Stürmer arbeitet bereits seit Jahren mit Mentalcoach David Kadel zusammen, hat sich zudem in seiner HSV-Zeit mit dem damaligen Sportpsychologen Christian Spreckels immer wieder ausgetauscht. Beide hätten ihm geholfen, mit „den Ex-tremen beim HSV“ zurechtzukommen. „Entweder bist du völlig der Flop oder der beste Stürmer Deutschlands.“

Psychologisch schwere Zeit beim HSV

Schipplock wurde beim VfB Stuttgart, dem man ein ähnliches Umfeld wie dem HSV nachsagt, ausgebildet. Er spielte aber auch bei eher beschaulicheren Clubs wie Hoffenheim, Darmstadt und jetzt Bielefeld. „In Hoffenheim hat es niemanden interessiert, ob ich mal fünf, sechs oder sogar sieben Spiele nicht treffe“, sagt Schipplock. „Das war in Hamburg anders. Da wurden nach zwei oder drei Spielen ohne Treffer die Minuten gezählt. Und dann macht man sich als Stürmer immer mehr einen Kopf.“

Der eine könne diese negativen Gedanken abschütteln, den anderen machten sie fertig. Schipplock gehört zu den anderen. „Ich dachte, dass ich damals beim HSV weiter als Profi bin. Aber es hat mich völlig aus der Spur gebracht. Psychologisch war die HSV-Zeit eine meiner schwersten.“ Um wieder in die Spur zu finden, reichte kein Mentaltrainer. Denn nicht nur der Kopf war betroffen, auch die Seele.

Thioune muss den Spielern den Glauben an sich selbst zurückgeben

„Mir persönlich hat der liebe Gott sehr geholfen“, sagt Schipp­lock heute. „Ohne meinen Glauben wäre ich im Fußball kaputtgegangen.“ Ähnliches soll im Hier und Jetzt auch ohne die Hilfe des lieben Gottes beim HSV verhindert werden.

Die große Kunst für Trainer Daniel Thioune wird es sein, den Spielern trotz des Rückschlags in Hannover ihren Glauben an sich selbst zurückzugeben, dieses Selbstbewusstsein aber nicht zur Arroganz werden zu lassen. Mutzel sieht in dem wachsenden Druck sogar eine Chance: „Den Begriff Druck pauschal negativ zu sehen ist auch nicht immer richtig, denn an Druck kann man auch wachsen, sich und seine Persönlichkeit entwickeln. In bestimmen Phasen positiven Druck aufzubauen kann für den einen oder anderen sogar ein Motivationsmittel sein.“

Schipplock glaubt an den Aufstieg des HSV

Das sieht Schipplock ähnlich. Der Bielefelder Profi glaubt trotz der vielen Tiefschläge an den Aufstieg des HSV. „Ich hoffe sehr, dass der HSV in diesem Jahr in die Spur kommt und das große Ziel Aufstieg realisieren kann“, sagt der Angreifer, der die Partie seiner beiden Ex-Clubs am Freitagabend aber aus guten Gründen nicht verfolgen können wird: Schipplock muss mit Arminia Bielefeld selbst gegen den SC Freiburg spielen. „Man sieht sich dann im nächsten Jahr in der Bundesliga wieder“, sagt er.

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