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Diskussionen um Sven Ulreich: Jetzt spricht Huub Stevens

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Für den HSV machte Sven Ulreich in dieser Saison bislang 21 Spiele. Er kassierte 25 Gegentore und spielte sechs Mal zu Null.

Für den HSV machte Sven Ulreich in dieser Saison bislang 21 Spiele. Er kassierte 25 Gegentore und spielte sechs Mal zu Null.

Foto: Witters

Der HSV-Torhüter wurde als Säule geholt. Nun kämpft er gegen die erneute Krise beim Traditionsclub. Ex-Trainer hält zu Sven Ulreich.

Hamburg. In den kommenden Tagen muss Daniel Thioune gleich mehrere K-Fragen beantworten. Wie kommt der HSV-Trainer nach der zweiten Niederlage in Folge mit seinem Team aus der Krise? Wie gewinnt der Club am kommenden Montag gegen Kiel? Und vor allem: Wer übernimmt nach der Rotsperre für Tim Leibold die Rolle des Kapitäns? Insbesondere die dritte K-Frage ist für den Coach gar nicht so leicht zu beantworten.

Mit Toni Leistner und Klaus Gjasula fallen die beiden Vizekapitäne noch mindestens zwei Wochen aus. Aus dem Mannschaftsrat bliebe noch David Kinsombi, der aber aktuell mit seiner eigenen Form zu kämpfen hat. Aaron Hunt, in den vergangenen zwei Jahren Kapitän, ist Reservist und Rick van Drongelen, im Vorjahr Vizekapitän, ist erneut verletzt.

Ulreich: Vom Säulenspieler zum Unsicherheitsfaktor

Bleiben von den Führungsspielern noch Simon Terodde und Sven Ulreich. Für den Torhüter wäre es das erste Mal in seiner Karriere, dass er eine Mannschaft als Kapitän anführt. Und eigentlich wäre der 32-Jährige auch prädestiniert für diese Aufgabe.

Schließlich wurde Ulreich Anfang Oktober als Säulenspieler für nur 200.000 Euro vom Champions-League-Sieger FC Bayern München verpflichtet. Und noch bevor Ulreich einen Ball für den HSV gehalten hatte, galt er vielerorts bereits als „bester Spieler der Zweiten Liga“, zumindest mal als der beste Torhüter.

Fünf Monate später aber ist aus dem Säulenspieler Ulreich ein Unsicherheitsfaktor geworden. Kaum ein Spieltag vergeht, an dem Sportdirektor Michael Mutzel nicht die Frage beantworten muss, ob Ulreich sich nicht ein paar Wackler zu viel erlaubt. So auch nach dem 0:1 am Montagabend im Stadtderby beim FC St. Pauli.

Ulreich laut "Kicker" zweitschwächster Torhüter

Ulreich sah in mehreren Situationen nicht souverän aus, etwa vor dem zurückgenommenen Elfmeter, als er eine flache Hereingabe nicht festhalten konnte. Hinzu kam eine unglückliche Faustabwehr und mal wieder ein verunglückter Abschlag. Andererseits parierte er auch stark gegen Guido Burgstaller. Deswegen sagte Sportdirektor Mutzel am Tag danach: „Sven Ulreich hat uns ein paar Mal im Spiel gehalten. Er hat eine sehr gute Partie gemacht und da sehe ich auch keine andere Perspektive.“

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Doch es gab auch andere Perspektiven. „Bild“ und „Mopo“ bewerten Ulreichs Leistung mit einem „ausreichend“, im nicht gerade für überdurchschnittlich gute HSV-Noten bekannten „Kicker“ gab es nur eine 4,5. In der Notenschnitt-Rangliste des Fachmagazins für alle Torhüter, die mindestens 50 Prozent der Spiele gemacht haben, wird nur Würzburgs Fabian Giefer (3,83) schlechter bewertet als Ulreich (3,4).

HSV: Ulreich strahlt keine Souveränität aus

Ob die Leistung des Schwaben im Hamburg-Derby nun eine gute oder weniger gute war – Fakt ist: Der Torhüter strahlt nicht die Souveränität aus, die sich der HSV von ihm erhofft hat. Nach einem guten Start patzte Ulreich erstmals am achten Spieltag beim 1:3 gegen den VfL Bochum, als er den Elfmeter zum 0:1 verursachte.

Den schlimmsten Bock schoss er aber eine Woche später, als er beim 2:3 in Heidenheim in der Schlussminute Christian Kühlwetter nach einem Annahmefehler das Siegtor schenkte. Ein Fehler, der ihm in den Wochen danach deutlich anzumerken war.

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Der verunsicherte Ulreich hatte immer wieder Probleme, wenn ihm seine Mitspieler Rückpässe in den Fuß spielten. Zu Beginn des Jahres schien sich der Routinier dann allmählich besser zurechtzufinden. Doch seit dem Spiel beim Tabellenletzten Würzburger Kickers erlebt der Torwart seine zweite allgemeine Verunsicherung.

Ulreich geht mit Fehlern gelassen um

Äußerlich geht Ulreich mit Fehlern gelassen um. „Niederlagen und Fehler gehören dazu, damit man wachsen kann. Ich bin heute erfahrener, aber man macht natürlich trotzdem noch Fehler und kann wachsen“, sagte Ulreich Ende November im großen Interview mit dem Abendblatt. Seine Bewertungen in der Öffentlichkeit würde er ohnehin nicht mehr lesen.

„In den Zeitungen wird es zum Teil übertrieben dargestellt. Das muss vermutlich auch so sein, damit sie gelesen werden.“ Nach seinen Fehlern beim 2:3 in Würzburg, als er sich zunächst den Ball beinahe ins eigene Tor legte und dann den haltbaren Schuss zum 0:1 passieren ließ, kanzelte ihn die „Bild“ sogar als „Flutschfinger“ ab.

Rückendeckung vom HSV – und von Huub Stevens

Von den Verantwortlichen erfährt der Torwart bislang aber die volle Rückendeckung. Für Huub Stevens ist das genau der richtige Umgang. Der Niederländer, zwischen 2007 und 2008 Trainer des HSV, war gleich zweimal Ulreichs Coach beim VfB Stuttgart. 2014 und 2015 rettete Stevens den VfB jeweils vor dem Abstieg – und konnte sich in beiden Jahren auf den Torwart verlassen.

„Es ist wichtig, dass der Trainer ihm jetzt das Vertrauen gibt“, sagt der 68-Jährige, bei dem die Null immer stehen sollte. Und mit Ulreich tat sie das in seiner Stuttgarter Zeit häufig. „Sven hat sich immer der Verantwortung gestellt und ist mit dem Druck gut klargekommen“, erinnert sich Stevens am Mittwoch im Gespräch mit dem Abendblatt.

„Es war nicht einfach, weil im Abstiegskampf ein negativer Druck herrscht. Jeder Fehler kann bedeuten, dass du es nicht mehr schaffst. Aber Sven hat eine Ausstrahlung, die einer Mannschaft Ruhe gibt. Schwache Phasen gehören bei Torhütern dazu.“

Ulreich patzte schon bei den Bayern schwer

Schwere Phasen und Krisen hat Ulreich in seiner Karriere schon viele erlebt. Als er sich im Alter von 19 Jahren beim VfB Stuttgart einen Stammplatz erspielte, nahm ihn Trainer Armin Veh nach zehn Spielen wieder raus und schickte ihn zur zweiten Mannschaft. Bei den Bayern patzte er vor drei Jahren im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid schwer. Bayern schied aus.

Nun erlebt Ulreich beim HSV eine neue K-Phase. Doch in jeder Krise steckt auch immer eine neue Chance. „Sven hat den Rhythmus der Spiele lange nicht gehabt“, sagt Stevens. „Da kommst du nur wieder raus über Spielminuten. Der HSV muss geduldig bleiben. Man weiß doch, welche Qualitäten Sven hat.“

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