HSV-Machtkampf

Warum ein kollektiver Rücktritt des Präsidiums im Raum stand

| Lesedauer: 6 Minuten
Kai Schiller
HSV-Präsident Marcell Jansen (M.) wird seit Monaten von Vereinsschatzmeister Moritz Schaefer (r.) und Vizepräsident Thomas Schulz links liegen gelassen.

HSV-Präsident Marcell Jansen (M.) wird seit Monaten von Vereinsschatzmeister Moritz Schaefer (r.) und Vizepräsident Thomas Schulz links liegen gelassen.

Foto: Witters

Der Streit zwischen Jansen, Schulz und Schaefer geht in die Verlängerung. Letzterer überrascht mit seiner Aufsichtsrats-Liste.

Hamburg. Das Kommuniqué, an dem beim HSV den gesamten Dienstag über gefeilt wurde, war ab Punkt 17 Uhr auf der Homepage des HSV e. V. zu finden. Doch wer auf den großen Durchbruch beim seit Monaten andauernden Richtungsstreit zwischen Präsident Marcell Jansen auf der einen und seinen Vizepräsidenten Thomas Schulz und Moritz Schaefer auf der anderen Seite gehofft hatte, der wurde enttäuscht.

So hieß es in der über Stunden abgestimmten Bekanntmachung unter der Überschrift „Informationen zur außerordentlichen Mitgliederversammlung“ lediglich: „Eine außerordentliche Mitgliederversammlung in der aktuellen Zeit umzusetzen stellt den Verein vor große Herausforderungen, die innerhalb der Frist von drei Wochen noch nicht in allen Punkten ab-schließend geklärt werden konnten. Es ist daher notwendig, im Interesse des Vereins noch weitere Rücksprachen zu halten. Das Präsidium befindet sich hierzu im konstruktiven und guten Aus-tausch mit den Gremien, insbesondere mit dem Ehrenrat.“

HSV lässt Frist für Einberufung verstreichen

Drei Sätze, 60 Wörter, 368 Buchstaben, die allesamt zwei Dinge gemeinsam hatten: Sie überraschten und enttäuschten gleichermaßen. Denn der „gute Austausch mit den Gremien“ war ja vor allem deswegen notwendig gewesen, weil genau die gleichen Gremien noch vor drei Wochen einen Abwahlantrag gegen Vizepräsident Schulz gestellt hatten.

In diesem hieß es unmissverständlich: „Wir halten das Handeln des HSV-Vizepräsidenten Thomas Schulz für nicht länger tragbar. Er hat durch die Art und Weise seiner Amtsausübung das Vertrauen aller Gremien verloren. Versuche, diese Probleme intern zu klären, haben nicht zu der erhofften Änderung in der Zusammenarbeit geführt.“

Der Antrag sah vor, dass eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden sollte, zu der das Präsidium bis Dienstagabend um 23.59 Uhr hätte einladen müssen.

Hätte, hätte, Fahrradkette. Einerseits wird nun also weiter nach einer Lösung gesucht. Andererseits will der Ehrenrat juristische Schritte rund um eine einstweilige Verfügung beim Amtsgericht zumindest prüfen lassen.

HSV: Rücktritt des Präsidiums stand im Raum

Dabei sah am frühen Dienstagmorgen die Sachlage noch ein wenig anders aus. So wurde nach Abendblatt-Informationen hinter den Kulissen sogar lange und ernsthaft über die Möglichkeit gesprochen, ob nicht alle drei Präsidiumsmitglieder mit sofortiger Wirkung zurücktreten sollten, um sich in einer ordentlichen Mitgliederversammlung im Sommer mit eigenen Teams einer Neuwahl zu stellen.

Der doppelte Vorteil einer solchen Konsenslösung: Man hätte sich die extrem schwierige und kostspielige Organisation einer digitalen Mitgliederversammlung gespart, bei der auch juristische Fragen noch immer ungeklärt sind. Zudem wäre eine Neuwahl der wahrscheinlich demokratischste und beste aller Lösungsversuche.

Doch beim HSV ist eben nicht zwangsläufig die beste auch die praktikabelste Lösung. Dem Vernehmen nach waren die beiden Vizepräsidenten Schulz und Schaefer von diesem konsensualen Vorschlag nicht zu überzeugen. Auf Nachfrage des Abendblatts verneinte Schulz die Option eines kollektiven Rücktritts, Schaefer und Jansen waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

HSV-Aufsichtsrat: Stichtag 30. Juni

Der Dauerstreit geht also in die Verlängerung – genauso wie das Bemühen, den Aufsichtsrat neu zu besetzen. Zur Erinnerung: Bis spätestens zum 30. Juni muss der HSV-Vorstand eine Hauptversammlung der Anteilseigner einberufen haben, auf der satzungskonform das momentan fünfköpfige Kontrollgremium um zwei weitere Räte auf sieben erweitert wird.

Notwendig ist diese Aufstockung, weil im vergangenen März Schulz und Ex-Aufsichtsratschef Max-Arnold Köttgen nach der Beurlaubung Bernd Hoffmanns zurückgetreten waren.

So weit, so schlecht. Denn besonders die Zusammenstellung des Aufsichtsrats, der wiederum für die Bestellung des Vorstands zuständig ist, bleibt das große Streitthema des Präsidiums.

Hoffmann-Intimus Köttgen auf Schaefers Liste

So hatte Schaefer vor knapp zwei Wochen eine Liste mit neuen Aufsichtsratskandidaten vorgelegt. Die fünf Namen auf dieser Liste: der frühere Aufsichtsratschef Max-Arnold Köttgen. Katrin Sattelmair, die bereits zwischen 2013 und 2014 für anderthalb Jahre im Kontrollgremium dabei gewesen war und 2018 als Nachfolgekandidatin Hoffmanns als HSV-Präsidentin gehandelt wurde. Beide Kandidaten gelten noch immer als enge Hoffmann-Vertraute.

Außerdem: Henrik Köncke, der frühere Vorsänger der mittlerweile aufgelösten Ultragruppierung Poptown. Und erneut: Henkel-Vorständin Kathrin Menges (56), die auch im Adidas-Aufsichtsrat sitzt, sowie die 48 Jahre alte Franziska von Lewinski, Vorstandschefin der Syzygy AG, einer Serviceagentur für digitales Marketing.

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Die Namen auf dieser Liste überraschten auch deswegen, weil Menges und von Lewinski bereits im Dezember vom Beirat geprüft wurden. Weil sich das Präsidium schon damals nicht auf gemeinsame Kandidaten einigen konnte, wurden seinerzeit dem Beirat sogar sechs Kandidaten (Menges, von Lewinski, Hans-Walter Peters, Moritz Schaefer selbst, Sven Kröger und Marc-Roland Bienhold) vorgeschlagen.

Kandidat Peters: Zu große Nähe zu Kühne?

Doch während von Lewinski (wie auch Schaefer, Kröger und Bienhold) vom Beirat keine notwendige Mehrheit erhielten, gab es neben Menges auch für den Berenberg-Bank-Sprecher Hans-Walter Peters (65) grünes Licht. Auf Schaefers neuer Liste fehlte der Finanzexperte nun allerdings.

Dem Vernehmen nach sollen sich besonders Schulz und Schaefer gegen Peters ausgesprochen haben, weil sie ihm eine zu große Nähe zum Anteilseigner Klaus-Michael Kühne vorwerfen. Innerhalb der HSV-Gremien glaubt man dagegen, dass diese Gründe vorgeschoben werden, um den gesamten Aufsichtsrat auf links zu drehen.

Im Ringen um die Macht beim HSV steht also seit Dienstag nur eines fest: Nichts steht fest.

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