Volksparkstadion

HSV-Rasenchef trotzt Tief Tristan und Uli Hoeneß

| Lesedauer: 6 Minuten
Henrik Jacobs und Kai Schiller
Immer im Einsatz für den perfekten Rasen: Christoph Strachwitz (39)       kümmert sich seit 2007 um das Grün im Volksparkstadion.

Immer im Einsatz für den perfekten Rasen: Christoph Strachwitz (39) kümmert sich seit 2007 um das Grün im Volksparkstadion.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Greenkeeper Christoph Strachwitz steht vor einer der härtesten Wochen seiner Amtszeit. Ein Gespräch über Gras.

Hamburg.  Wenn Christoph Strachwitz in dieser Woche abends im Bett liegt, geht sein letzter Blick vor dem Einschlafen immer wieder auf sein Handy. Über eine Fernsteuerung kann der Abteilungsleiter des HSV-Greenkeepings die Rasenheizung im Volksparkstadion bedienen. Und beim Blick auf die Temperaturen in den kommenden Tagen steht Strachwitz vor einer großen Herausforderung. „Die Steuerung erfordert im Moment viel Grips.“

Der 39-Jährige sitzt am Montagmittag in der Redaktion des Abendblatts und spricht im Podcast HSV – wir müssen reden über seinen Job als Rasenchef, den er nun schon seit 14 Jahren im Volkspark betreibt. 2007 holte Hermann Schulz, der frühere Chef-Greenkeeper und der heutige Leiter Infrastruktur beim HSV e.V., den Bayer in den Norden, 2012 wurde Strachwitz Chef-Greenkeeper.

Wie der HSV-Rasenchef Tief Tristan trotzt

Und natürlich hatte der frühere Nachwuchsspieler von 1860 München schon mehrfach mit extremen Witterungsbedingungen zu kämpfen. Doch Tief Tristan stellt auch den Rasenprofi in diesen Tagen vor echte Probleme, die es zu lösen gilt. „Irgendwann gibt es den Moment, wo man nichts mehr machen kann“, sagt Strachwitz. „Am Ende gewinnt die Natur.“

In Paderborn und Bielefeld hat die Natur den Profibetrieb am vergangenen Wochenende bereits zweimal in die Knie gezwungen. Die Partien gegen Heidenheim und Werder Bremen mussten aufgrund des heftigen Schneefalls abgesagt und verschoben werden. Ähnliches befürchtet Strachwitz für das Wochenende in Hamburg allerdings nicht. „Im Hinblick auf das Fürth-Spiel würde ich gerne Entwarnung geben wollen. Ich denke, dass wir diese Partie ganz gut über die Runden bekommen. Aber klar: Die Kälte ist nicht schön für den Rasen.“

HSV vertraut einem Hybridrasen

Beim HSV setzen Strachwitz und sein siebenköpfiges Greenkeeper-Team auf einen Hybridrasen (durch Kunststofffasern verstärkter Naturrasenbelag) mit einer Mischung aus Weidelgras und Wiesenrispe. Die Länge des Rasen dürfte am Sonnabend zum Anstoßzeitpunkt um 13 Uhr bei rund 27 Millimeter liegen. Dass die Länge des Rasens für den Ausgang eines Spiels sogar mitentscheidend sein kann, beweist eine Anekdote von 2014, als Greenkeeper Strachwitz vor Joe Zinnbauers Trainerbüro gegen den FC Bayern München das Gespräch mit dem Coach gesucht hat.

„Ich hab Joe im Trainerbüro gesagt, dass er – wenn er eine Chance gegen die Bayern haben will – den Platz so hoch wie möglich wachsen lassen sollte und wir ihn nicht wässern. Und genau so haben wir es gemacht. Der Rasen war dann 33 Millimeter lang.“ Wenig überraschend waren die spielstarken Pep-Guardiola-Bayern mit diesem extrem stumpfen Grün alles andere als glücklich.

„Die Teammanagerin der Bayern ist 90 Minuten lang hinter mir hergelaufen und wollte die ganze Zeit, dass ich den Platz wässere“, erinnert sich Strachwitz. Das Ende der Geschichte: Die Bayern verzweifelten an dem Untergrund – und mussten nach einem unbefriedigenden 0:0 die Heimreise antreten.

Ein schlechtes Gewissen hat Strachwitz aber auch sieben Jahre später nicht: „Am Ende müssen eh beide Mannschaften auf dem gleichen Rasen spielen.“ Das galt damals in der Bundesliga gegen die großen Bayern – und das gilt auch am Sonnabend im Zweitliga-Spitzenspiel gegen die kleinen Bayern aus Fürth.

HSV-Rasenchef verärgert über Uli Hoeneß

Mit einem der größten Bayern hatte es zu tun, dass der Job der Greenkeeper früher noch belächelt wurde. Der damalige Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß, hatte 2002 im „Doppelpass“ über Lothar Matthäus geschimpft, dass der nicht mal Greenkeeper im neuen Stadion werde, solange er beim Rekordmeister noch etwas zu sagen hätte. „Das hat mich geärgert, weil unser Job dadurch abgewertet wurde“, sagt Strachwitz, der damals noch als staatlich geprüfter Greenkeeper auf einem Golfclub in Bayern arbeitete und Hoeneß schon selbst auf der Golfanlage begegnet war.

Dass der Job des Greenkeepers eine Wissenschaft für sich ist, die im Profisport auch nur von Profis ausgeübt werden kann, lassen Strachwitz’ Ausführungen erahnen, wenn er über die wetterbedingte Vorbereitung auf das Fürth-Spiel spricht. Ein Beispiel: „Ich entscheide in dieser Woche jeden Tag, wie viel Vorlauftemperatur ich in den Rasen reinschicke. Je mehr Wärme, desto geringer ist die Gefahr, dass der Boden friert, aber je mehr Dampf produziert wird, desto größer ist die Gefahr, dass die Halme Wasser ansetzen und der Rasen friert.“

Wird der HSV-Rasen gar nicht mehr getauscht?

Auf das Sonnenlicht kann sich der Greenkeeper dabei nicht verlassen. Weil das Spielfeld seit dem Umbau des Volksparkstadions durch die Dachkonstruktion zu wenig Licht bekommt und zunächst mehrfach pro Saison ausgetauscht wurde, kaufte der Club 2012 eine Kunstlichtanlage. Seitdem kann beim HSV auch eine Saison ohne Rasenwechsel durchgespielt werden. Sollte das geplante Rammstein-Konzert im Sommer wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden, spielt Strachwitz aus Kostengründen mit dem Gedanken, das Grün zur neuen Saison gar nicht zu tauschen.

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Dass der HSV mal den jährlichen Preis für den besten Rasen im deutschen Fußball erhält, ist angesichts der schwierigen Lichtverhältnisse in der Arena ohnehin kein Thema für Strachwitz. Grasige Schlagzeilen machten die Hamburger dagegen schon mehrfach, etwa im Sommer 2018, als Trainer Christian Titz mit seinem Team vorzeitig aus Glücksburg abreiste, weil der Platz nicht den Ansprüchen genügte. Oder ein Jahr zuvor, als die Ärzte-WM das Trainingslager im österreichischen Leogang verhinderte.

Einen Spielausfall im HSV-Stadion gab es zuletzt 2011 vor dem Derby gegen St. Pauli, als es zuvor tagelang regnete. Für den tagelangen Frost fühlt sich Strachwitz nun aber gut gewappnet. „Stand jetzt bekommen wir das alles hin.“ Zur Not muss er über sein Handy noch ein bisschen Dampf machen.

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