Kampf um den Aufstieg

Was beim HSV jetzt besser läuft als in den Vorjahren

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Kai Schiller und Henrik Jacobs
Sonny Kittel (verdeckt) wird von seinen HSV-Kollegen für sein Tor zum 2:0 gegen Paderborn gefeiert.

Sonny Kittel (verdeckt) wird von seinen HSV-Kollegen für sein Tor zum 2:0 gegen Paderborn gefeiert.

Foto: Christian Charisius / dpa

Paderborns Trainer verleiht dem HSV nach dessen 3:1-Sieg das Gütesiegel einer Spitzenmannschaft. Hat er damit recht?

Hamburg. Wie schwer diese Sache mit dem Aufstieg ist, musste Thilo Sonntagvormittag direkt neben dem Trainingsplätzen des HSV erst noch lernen. Der Zweikäsehoch mit der dicken 1887-Mütze stapfte Schritt für Schritt den kleinen Schneehügel am Stadion hinauf, um anschließend auf seinem Schlitten wieder herunterzujagen. Papa Simon, ebenfalls mit einer HSV-Mütze gegen die Kälte ausgestattet, stand daneben und freute sich. Welcome to Winter-Wonderland mitten im Volkspark.

Nur ein paar Meter weiter beobachtete Trainer Daniel Thioune seine Reservisten beim Training und freute sich genauso, während Sportdirektor Michael Mutzel seine eiskalten Hände in den Hosentaschen vergrub und ebenfalls über die Schwierigkeiten von Aufstiegen philosophierte. „Wir haben gegen Paderborn gesehen, dass wir es gegen jede Mannschaft schwer haben, wenn man mal ein wenig nachlässt. Wenn wir zwei Prozent weniger geben, haben wir es schwer“, mäkelte Mutzel am Morgen nach dem insgesamt hochverdienten 3:1-Sieg gegen den SC Paderborn und kam doch zu einem versöhnlichen Fazit: „Wenn wir bei 100 Prozent bleiben, dann sind wir eine richtig gute Mannschaft.“

Youtube: HSV-Check nach Sieg gegen Paderborn

Vielleicht sogar eine „wirkliche Spitzenmannschaft“, wie es Paderborns Trainer Steffen Baumgart am Vortag nach dem Spiel formulierte. „Der HSV ist in diesem Jahr sehr, sehr stabil. Sie haben ein paar gute Jungs in ihren Reihen, die auch mal für Ruhe sorgen, wenn es nötig ist“, lobte Baumgart, der wohl erkannt hatte, dass seine gar nicht mal schlechte Mannschaft mit dem 1:3 noch gut bedient gewesen war.

Nur weil zweimal der eingewechselte Manuel Wintzheimer und je einmal Torjäger Simon Terodde und Nicht-Torjäger Jeremy Dudziak sogenannte hundertprozentige Torchancen ausließen, blieb es trotz der Tore durch Sonny Kittel (2) und Moritz Heyer bis zum Schluss der Partie mehr oder weniger spannend.

HSV-Einzelkritik gegen Paderborn

„Dass der HSV ein Mitfavorit für den Aufstieg ist, das war schon allen vor der Saison klar. Aber was den HSV auszeichnet ist, dass die Jungs über ihre Grenzen gehen“, lobte Baumgart. „Sie spielen nicht nur nach vorne sehr gut, sie verteidigen auch richtig gut.“ Sein Fazit: „So steigt man auf.“

Nun, bis zum beschworenen Aufstieg ist es natürlich noch ein weiter Weg – und mit Sicherheit sogar ein sehr viel beschwerlicherer Weg als der, den HSV-Fan Thilo am Sonntagmorgen zurücklegen musste. Deswegen war es wenig überraschend, dass Coach Thioune ungern den Ball vom Trainerkollegen Baumgart aufnehmen und sein Team zur ultimativen Spitzenmannschaft erklären wollte. Aber ganz negieren konnte er das Geleistete natürlich auch nicht: „Es war eine Spitzenleistung in einem Spitzenspiel.“

HSV gegen Paderborn – die Bilder des Spiels:

Alles spitze, oder was?

Bevor die Hamburger am Freitagabend mit dem Auswärtsspiel beim FC Erzgebirge Aue in die sechs Wochen der Wahrheit starten und neben dem Derby gegen St. Pauli auf vier Mannschaften der Top sieben (Aue, Fürth, Kiel, Bochum) treffen, scheint die Ausgangslage optimal. Der HSV ist seit neun Spielen ungeschlagen und damit die formstärkste Mannschaft der Zweiten Liga. Der Tabellenführer hat mit 43 Toren die mit Abstand meisten Treffer erzielt – und in den vergangenen drei Spielen eindrucksvoll bewiesen, eben nicht einzig und alleine von Dauerknipser Terodde abhängig zu sein. Von den vergangenen zwölf Treffern hat der Torjäger vom Dienst lediglich einen erzielt.

Und der Lohn für all das: Der HSV ist nach der 1:2-Niederlage der Bochumer in Karlsruhe nun unangefochtener Spitzenreiter mit vier Punkten Vorsprung auf Rang zwei (Bochum) und Rang drei (Kiel) und sogar fünf Punkten Vorsprung auf Rang vier (Fürth).

Was beim HSV besser läuft als in den Vorjahren

Einziger Schönheitsfehler an der Momentaufnahme: der Blick in die Vergangenheit. Auch vor zwei Jahren hatte der HSV nach 19 Spielen 40 Punkte und ein hübsches Polster vor den Verfolgern. Der Unterschied zur Saison 2018/19: Im Hier und Jetzt sieht auch der Fußball sehr ansehnlich aus, den der HSV derzeit anbietet.

Über Tormaschine Terodde (17 Saisontore) wurde schon mehr als genug berichtet. Doch auch Topvorbereiter Jeremy Dudziak (acht Assists), der formstarke Sonny Kittel (sieben Torbeteiligungen in den vergangenen zwei Wochen) und der zuletzt herausragende Bakery Jatta (gegen Paderborn erneut der Beste) sorgen für ordentlich Spielkultur.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. FC Schalke 04 34 / 72:44 / 65
2. Werder Bremen 34 / 65:43 / 63
3. HSV 34 / 67:35 / 60
4. Darmstadt 98 34 / 71:46 / 60
5. FC St. Pauli 34 / 61:46 / 57

Sogar der sonst eher zurückhaltende Thioune verteilte angesichts der starken Leistungen fleißig Sonderlob: Doppeltorschütze Kittel sei nun endlich ein „wichtiger Faktor“, Jatta sei „sensationell marschiert“. Stephan Ambrosius sei in den Zweikämpfen „immer da“ gewesen, und im Tor stand ein Sven Ulreich, der mit den Armen „überall dran war“.

„Wir sind gut dabei“, sagte auch Sportdirektor Mutzel, der aber kein Anzeichen des Abhebens erkannte: „Für mich war es wichtig zu sehen, dass wir jetzt nicht zwei Tage freigeben. Wir dürfen uns jetzt nicht ausruhen und etwas weniger machen. Sondern im Gegenteil: Wir müssen jetzt noch mehr machen.“

Es bleibt dabei: Jeder Aufstieg ist schwer. Das konnten Mutzels Kinder am Sonntagnachmittag beim Rodeln dann auch selbst noch einmal lernen.

Die Statistik:

HSV: Ulreich – Gyamerah, Leistner (16. Onana), Ambrosius, Leibold – Heyer – Kinsombi (87. Narey), Dudziak (87. Gideon Jung) – Jatta (76. Wintzheimer), Terodde (87. Hunt), Kittel.

Paderborn: Zingerle – Ananou, Hünemeier, Schonlau, Collins (59. Okoroji) – Schallenberg, Thalhammer (71. Justvan) – Führich (80. Heller), Srbeny, Antwi-Adjei (80. Terrazzino) – Michel (59. Ingelsson).

Tore: 1:0 Heyer (8.), 2:0 Kittel (22.), 2:1 Michel (41.), 3:1 Kittel (53.).

Schiedsrichter: Daniel Siebert (Berlin).

Gelbe Karte: Okoroji (2), Ingelsson (4).

Statistik: Torschüsse: 21:16, Ecken: 8:8,
Zweikämpfe: 58:42 Prozent, Fouls: 3:9, angekommene Pässe: 313:307, Ballbesitz: 50:50 Prozent, Laufleistung: 121:120 Kilometer.

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