Zweite Liga

So aufstiegsreif ist der HSV – und das fehlt dem Team noch

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Henrik Jacobs
Zweikampf- und dribbelstark: Jan Gyamerah hier im Zweikampf mit Paderborns Spieler Christopher Antwi-Adjei.

Zweikampf- und dribbelstark: Jan Gyamerah hier im Zweikampf mit Paderborns Spieler Christopher Antwi-Adjei.

Foto: Tim Groothuis/Witters

HSV-Trainer Daniel Thioune hat das Team in vielen Statistiken nach vorne gebracht. Das will er jetzt noch alles verbessern.

Hamburg. An den 28. September 2020 hat Daniel Thioune noch sehr gute Erinnerungen. Es war der zweite Spieltag der laufenden Zweitligasaison, das Hinspiel des HSV beim SC Paderborn. Allerdings sind es nicht nur gute Erinnerungen an das 4:3-Endergebnis in einem spektakulären Spiel.

Der HSV-Trainer denkt auch an die Phase in der ersten Halbzeit, als Paderborn innerhalb von vier Minuten aus einem 0:2 ein 3:2 machte, weil sich insbesondere Klaus Gjasula zwei böse Ballverluste leistete und die Paderborner durch schnelle Umschaltmomente die Tore machten.

Youtube: HSV-Check nach Sieg gegen paderborn

Vor dem Rückspiel gegen den Bundesligaabsteiger am heutigen Sonnabend im Volksparkstadion (13 Uhr/Sky und im Liveticker auf abendblatt.de) weiß Thioune, dass die Mannschaft von Trainer Steffen Baumgart ihre Stärke auch statistisch nachweisen kann. „Paderborn hat die meisten Tore aus dem Umschaltspiel heraus gemacht in dieser Liga. Die Spieler laufen sehr hoch an und gewinnen dadurch viele Bälle.“

HSV liegt in Statistiken vorne

Dabei sagt der Chefcoach des HSV selbst, dass er eigentlich „kein Freund von Statistiken“ sei. „Über die eine oder andere Statistik kann man sicher streiten, zum Beispiel, was die Passqualität betrifft oder in welcher Reihe die Pässe ankommen.“ Unbestritten ist allerdings, dass der HSV nach der Hinrunde nicht nur die Tabelle der Zweiten Liga anführt, sondern auch in verschiedenen Statistiken vorne liegt. Es sind Daten, die trotz aller Interpretationsmöglichkeiten aufzeigen, in welchen Bereichen die Hamburger schon aufstiegsreif sind – und in welchen sie sich verbessern müssen.

Die wichtigste Wertung, die der HSV anführt, ist neben der besten Punkte- und Torausbeute (40) die Zweikampfstatistik. „Wer die meisten Zweikämpfe gewinnt, gewinnt auch das Spiel“: Dieser Satz ist zwar nicht sportwissenschaftlich nachgewiesen, dürfte aber so alt sein wie das Fußballspiel selbst. Und zumindest die aktuelle Bilanz lässt den Rückschluss zu, dass sich der HSV die elf Saisonsiege nicht nur erspielt hat. Mit einer Quote von 53,2 Prozent gewonnener Zweikämpfe führen die Hamburger das Mann-gegen-Mann-Ranking der Liga an.

Ballbesitz des HSV liegt bei 57 Prozent

Insbesondere die Innenverteidiger Toni Leistner und Stephan Ambrosius haben in den vergangenen Wochen mit ihrer Spielweise dazu beigetragen. „Toni und Stephan zeigen die Bereitschaft, mit viel Herz zu spielen“, sagt Thioune über sein Abwehrzentrum. Anders als in den vergangenen zwei Jahren hat sich der HSV damit an die Gegebenheiten der Zweiten Liga angepasst. „Wir haben vor der Saison für uns definiert, dass wir gieriger sein wollen, mehr Willen auf den Platz bringen und die Bereitschaft haben, leidenschaftlich zu verteidigen.“

Für Thioune erklärt sich durch die gewonnene Zweikampfstärke auch, dass der HSV wie im vergangenen Jahr fast immer die höheren Spielanteile hat. Mit einem durchschnittlichen Wert von 57 Prozent Ballbesitz führen die Hamburger auch diese Ligastatistik an. „Wenn man die beste Zweikampfquote hat, hat man häufiger den Ball. Und deswegen haben wir wahrscheinlich auch einen hohen Ballbesitzanteil“, sagt Thioune.

Ambrosius-Statistik: 93,2 Ballkontakte pro Spiel

Gleichzeitig zeigt der HSV im Ballbesitz, wo er sich verbessern muss. Insbesondere in der Ambrosius-Statistik wird das deutlich. Der 22-Jährige hat so viele Ballkontakte wie kein anderer Spieler der Liga (93,2 pro Spiel). Mit 1114 Pässen liegt er ebenso ganz weit vorne. Dass er fast jeden Pass zur Seite oder nach hinten spielt, ist statistisch nicht berücksichtigt.

Auch deswegen sagt Thioune: „Wichtig ist mir, dass wir schneller in die Tiefe spielen und nicht so häufig den Ball ohne Balltempo laufen lassen. Das ist etwas, wo wir uns verbessern können.“ Thiounes Eindruck wird gestützt durch die Statistik der sogenannten „wichtigen Pässe“. Damit sind Pässe gemeint, bei denen mehrere Spieler überspielt werden – oder die eine Offensivaktion einleiten. Sonny Kittel liegt in dieser Wertung als bester HSV-Spieler nur auf Platz 31 der Zweiten Liga.

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Durchnittlich benötigt HSV 5,4 Schüsse für ein Tor

Ähnlich sieht es bei den Dribblings aus. Thiounes Elf hat im Ligavergleich nur wenige Spieler, die regelmäßig ein Eins-gegen-eins auflösen. Bester HSV-Profi ist in dieser Wertung Rechtsverteidiger Jan Gyamerah auf Rang 26 mit 21 erfolgreichen Dribblings. Zum Vergleich: Der Führende, St. Paulis Rodrigo Zalazar, brachte es bereits auf 43.

Hier ist der HSV spitze:

Den höchsten Ballbesitzanteil: 57,0 Prozent
Die meisten Tore der Liga: 40
Die meisten verschiedenen Torschützen: 12
Die wenigsten Schüsse pro Tor: 5,4
Die meisten Eckbälle herausgeholt: 113
Die beste Zweikampfquote: 53,2 Prozent

Dafür braucht der HSV im Vergleich zu St. Pauli und allen anderen Clubs der Liga nicht viele Chancen, um ein Tor zu erzielen. Nur 5,4 Torschüsse benötigen die Hamburger im Schnitt, um zu jubeln. Diese Bilanz haben sie vor allem Simon Terodde zu verdanken. Der 17-fache Torschütze braucht in dieser Saison durchschnittlich nur knapp zwei Versuche, um zu treffen. 44 Prozent seiner Torschüsse gehen rein – eine herausragende Quote.

HSV-Verantwortliche verzichten auf Winterzugang

Was die HSV-Verantwortlichen dazu gebracht hat, auf einen Winterzugang in der noch bis Montag laufenden Transferperiode zu verzichten: Es geht auch ohne Terodde. Zwölf verschiedene Spieler haben beim HSV in dieser Saison bereits getroffen. Das ist Ligaspitze.

Die einzig wichtige Wertung, das wiederholt Thioune fast wöchentlich, gibt es allerdings erst in 16 Wochen: die Tabelle nach dem 34. Spieltag.

HSV: Ulreich – Gyamerah, Leistner, Ambrosius, Leibold – Heyer – Narey, Kinsombi, Dudziak, Kittel – Terodde.

Paderborn: Zingerle – Dörfler, Hünemeier, Schonlau, Collins – Schallenberg, Thalhammer – Srbeny – Führich, Michel, Antwi-Adjei.

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