HSV-Sieg

Sogar Boldt schaltete sich bei Videobeweis-Festspielen ein

Foto: Christian Charisius/dpa

Der HSV stürmt mit einem verdienten 3:1-Sieg gegen Regensburg an die Spitze – darf sich aber auch beim Kölner Keller bedanken.

Hamburg. Von Daniel Thioune ist nicht erst seit dem Wochenende bekannt, dass er guten Filmen durchaus etwas abgewinnen kann. Kürzlich erst hat der HSV-Trainer im Abendblatt-Podcast verraten, dass es für ihn kaum etwas Schöneres als einen gemütlichen Videoabend mit der Familie gibt. Weinen würde er vor dem Fernseher zwar nicht, aber bei dem einen oder anderen Film könne es sogar vorkommen, dass er mal etwas lauter schlucken müsste.

Wie laut genau Daniel Thioune bei dem Streifen, der ihm am Sonntagnachmittag im Volkspark geboten wurde, schlucken musste, konnte man im Stadion trotz modernster Richtmikrofone nicht hören. Doch den unterhaltsamen Videonachmittag rund um den 3:1-Sieg des HSV gegen den SSV Jahn Regensburg konnte man auch so als durch und durch gelungen bezeichnen.

HSV profitiert vom Videobeweis

Das lag natürlich zum einen an dem ausgezeichneten Auftritt seiner Mannschaft, die im ersten Spiel 2021 genau da anknüpfte, wo sie beim 2:1-Sieg in Karlsruhe bei der letzten Partie 2020 aufgehört hatte. Es lag aber zum anderen auch am fleißigen Video-Assistenten Martin Thomsen, der im sogenannten Kölner Keller einen sehr arbeitsreichen Nachmittag hatte – und dem HSV einen spannenden, aber vor allem erfolgreichen Videogenuss bescherte.

„Das macht schon etwas mit einem, wenn so viele Entscheidungen überprüft werden müssen“, sagte Trainer Thioune direkt nach dem Spiel. „Aber natürlich war ich vor allem glücklich, dass am Ende alle Entscheidungen zu unseren Gunsten getroffen wurden.“

Tatsächlich hatte es eine derartige Häufung von Unterbrechungen durch den VAR, den Video Assistent Referee, wohl noch nie im Volkspark seit Einführung des Videobeweises 2017 gegeben. Und während man sich hüben beim HSV freute (Toni Leistner: „Genau für solche Szenen haben wir den Videokeller“), hielt sich die Freude drüben beim SSV Jahn Regensburg in Grenzen: „Natürlich war es nicht optimal, dass es so viele Unterbrechungen gab. Aber wir können das nicht beeinflussen“, sagte Regensburg-Trainer Mersad Selimbegovic, der zugab: „Als Trainer sind solche Momente nicht einfach.“

Während die Tore zum 1:0 durch David Kinsombi (21.) und zum 1:1 durch Max Besuschkow (33.) durch den VAR nur routinemäßig überprüft wurden, musste ab der 40. Minute eine Standleitung nach Köln gelegt werden.

HSV: Boldt schaltet sich in den Videobeweis ein

Zunächst war es Simon Terodde – wer sonst? –, der den Ball aus der Hand von Alexander Meyer ins Tor zum 2:1 spitzelte. Die entscheidende Frage, ob Meyer den Ball mit der flachen Hand lang genug auf den Boden gedrückt hatte, beantwortete Martin Thomsen in Köln nach minutenlangem Hin- und Herspulen mit „Nein“. Eine knifflige Entscheidung, bei der sich selbst Regensburgs Meyer nicht ganz sicher war. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mit der Hand am Ball dran war, muss die Szene aber noch einmal sehen“, sagte der Keeper bei Sky. „Wenn das nicht der Fall war, dann geht das Gegentor auf meine Kappe.“

Das mehrfache Ansehen von Szenen wurde auch in der Zweiten Halbzeit nötig. Zunächst beim herrlich herausgespielten Treffer zum 3:1, bei dem die Frage im Raum stand, ob sich nach traumhafter Vorarbeit von Tim Leibold das Knie von Vollsprinter Bakery Jatta im Abseits befand oder nicht (61.). Eine schnelle Antwort hatte Sportvorstand Jonas Boldt parat, der lautstark von der Tribüne „klares Tor“ und „gleiche Höhe“ auf den Platz rief. Schiedsrichter Lasse Koslowski und Video-Assistent Thomsen verließen sich doch lieber auf ihre kalibrierte Linie – und stimmten dann Boldt doch zu.

Regensburg-Tor beim HSV aberkannt

Wer nun aber dachte, dass es das nun gewesen sein musste, der sollte sich irren. Denn offenbar ist nicht nur HSV-Trainer Thioune ein Anhänger des Will-Smith-Films „Das Streben nach Glück“, sondern auch dessen Regensburger Kollege Selimbegovic. Der dachte trotz des 1:3 gar nicht daran aufzugeben – und schien umgehend belohnt zu werden. Doch nachdem Jan-Niklas Beste vermeintlich auf 2:3 verkürzt hatte, meldete sich ein weiteres Mal Herr Thomsen.

Der Unparteiische aus Kleve in Nordrhein-Westfalen gab Schiedsrichter Koslowski den Hinweis, sich die Szene vor dem Tor noch einmal ganz in Ruhe auf einem Flachbildschirm am Seitenrand anzuschauen. Ein paar Vor- und Zurückspuler später stand fest: Foul an Sonny Kittel, kein Tor.

Noch einmal vier Minuten später zappelte der Ball erneut im Tornetz des HSV. Wieder ein Anruf aus Köln, wieder ein Einwand – und wieder die Entscheidung zugunsten des HSV. Die (nachvollziehbare) Begründung diesmal: Abseits.

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HSV-Coach Thioune voll des Lobes

Und so endete der Videonachmittag im Volkspark nach 95 spannenden Minuten mit einem echten Happy End für den Cineasten Thioune: mit der Tabellenführung. „Ich freue mich, dass wir an unsere Leistung aus dem Spiel gegen Karlsruhe anknüpfen konnten. Ich glaube schon, dass es am Ende ein verdienter Sieg war“, fasste Film-Fan Thioune das leinwandreife Geschehen vom Sonntag zusammen.

Eine knappe Woche lang dürfen er und seine Protagonisten sich nun über die Rückkehr an die Tabellenspitze freuen, ehe es am Sonnabend in Nürnberg erneut heißt: Film ab.

Die Statistik:

  • HSV: Ulreich – Vagnoman, Ambrosius, Leistner, Leibold – Heyer – Jatta (90. Wintzheimer), Kinsombi (76. Jung), Dudziak (84. Hunt), Kittel (90. Heil) – Terodde (84. Wood). – Trainer: Thioune
  • Regensburg: Meyer – Hein, Nachreiner, Elvedi, Wekesser – Moritz (79. Schneider), Besuschkow – Vrenezi (66. George), Beste (88. Makridis) – Caliskaner (79. Becker), Albers (79. Kennedy). – Trainer: Selimbegovic
  • Tor: 1:0 Kinsombi (21.), 1:1 Besuschkow (33.), 2:1 Terodde (39.), 3:1 Jatta (61.)
  • Schiedsrichter: Lasse Koslowski (Berlin)
  • Gelbe Karten: Dudziak, Heyer (2) - Albers, Vrenezi (5), Besuschkow (4), Wekesser (7)
  • Torschüsse: 22:13
  • Ecken: 6:7
  • Ballbesitz: 54:46 Prozent

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