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Warum Daniel Thioune die Beerdigung seines Vaters verpasste

| Lesedauer: 8 Minuten
Kai Schiller und Alexander Laux
HSV-Cheftrainer Daniel Thioune stellte sich kurz vor dem Jahresende den Fragen im Abendblatt-Podcast HSV – wir müssen reden.

HSV-Cheftrainer Daniel Thioune stellte sich kurz vor dem Jahresende den Fragen im Abendblatt-Podcast HSV – wir müssen reden.

Foto: Andreas Laible / HA

HSV-Trainer Thioune spricht über die Beerdigung seines Vaters im Senegal und den Dank an seine Familie.

Hamburg. Es ist schon ganz schön spät, als Daniel Thioune nach dem Nachmittagstraining vor die Redaktion des Abendblatts vorfährt. Der HSV-Trainer, der seit Sommer in Hamburg ist, hat sich auf dem kurzen Weg vom Stadion zum Abendblatt verfahren. Als er mit wenigen Minuten Verspätung seinen SUV in die Tiefgarage der Redaktion am Großen Burstah parkt, hat er nur eine Bitte: Grundsätzlich habe er für die verabredete Podcast-Aufnahme von einer ganz besonderen Ausgabe von HSV – wir müssen reden alle Zeit der Welt. Nur: Um Punkt 20 Uhr wolle er zu Hause sein, um Darts-Überflieger Gabriel Clemens vor dem TV die Daumen zu drücken.

Thiounes Bitte passt bestens zum Anschlag, den das Abendblatt bei der Silvesterausgabe des HSV-Podcasts auf ihn vorhat: Ein ganz persönliches Gespräch mit dem Fußballtrainer über so ziemlich alles – außer Fußball. „Sehr gerne“, sagt Thioune kurz und knapp – und taucht direkt mit der ersten Frage und Antwort in das Experiment ein.

HSV: Wie sich Thioune wegen Corona einschränkt

Ob es jemanden gibt, dem der 46-Jährige in diesem verrückten Corona-Jahr ganz besonders danken wollen würde? „Meiner Familie“, antwortet Thioune. „Sie musste in den vergangenen Monaten sehr viel zurückstecken und sehr viel auf sich nehmen aufgrund der Tatsache, dass ich Fußballtrainer bin.“

So haben seine Frau Claudia und sein gerade 17 Jahre alt gewordener Sohn Joshua-Elaya auf soziale Kontakte verzichten müssen, um nicht unnötig ihn, seine Mannschaft und den ganzen HSV zu gefährden. Und das alles in einer Zeit, in der die Familie ganz neu in der Stadt war: „Wir waren in unserer Blase gefangen. Wir sind isoliert und nicht wirklich sozialisiert.“

Früher reiste Thioune nach England zum „Boxing-Day“

Thioune ist Familienmensch durch und durch. Tochter Hanna ist zwar in Osnabrück geblieben und studiert Pflegewissenschaften und Religion auf Lehramt. Doch über die Feiertage ist die ganze Familie wieder vereint. Weihnachten in Osnabrück, Silvester mit dem obligatorischen Raclette in Hamburg. „Wir haben eine sehr enge Beziehung“, sagt Thioune, als er über seine Familie erzählt – und von den Reisen berichtet, die die Familie Thioune in den vergangenen Jahren zwischen den Feiertagen gemacht hat.

Das fast schon traditionelle Ziel: England. Mit seinem Sohn habe er das eine oder andere Boxing-Day-Spiel gesehen. London, Manchester, Liverpool. Doch sein bislang schönstes Erlebnis: Crystal Palace gegen Manchester City. Nationalspieler Ilkay Gündogan, den er über den gemeinsamen Kumpel Patrick Owomoyela kenne, habe bei den Karten geholfen. „Das war Fußball im Ursprung. Mit Bierbechern, Gebrüll und Gesängen. Da habe ich mich richtig gehen lassen.“

Dabei ist Thioune keiner, der schnell die Kontrolle verliert. Weder im Gespräch. Noch im Leben. Er trinke zwar Alkohol, aber in Maßen. Lieber Bier als Wein. Und bloß keine Kurzen oder Longdrinks. Das letzte Mal einen über den Durst getrunken? Lange her. Das letzte Mal so richtig abgetanzt? Beim Abschlussball seiner Tochter. „Da habe ich sie beim Wiener Walzer über das Paket geschleudert.“

Warum Thioune die Beerdigung seines Vaters verpasste

Aus seinem eigenen Alltag geschleudert wurde Thioune vor zwei Jahren, als er als Osnabrück-Coach nach dem Training einen Anruf erhielt. Sein Vater, der gerade auf Familienbesuch in der Heimat Senegal war, war gestorben. Und weil Moslems relativ schnell beigesetzt werden, idealerweise innerhalb der ersten 24 Stunden, hatte er nicht mal die Chance, bei der Beerdigung dabei zu sein. „Ich konnte keinen Abschied nehmen, aber ich wusste, dass ich das für mich nachholen wollte.“

Gesagt, getan. Thioune flog in den Senegal. Erst nach Dhakar, dann nach Kaolack, in die Heimatstadt seines Vaters. Zum ersten Mal in seinem Leben. 200.000 Einwohner, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Umweltprobleme sind groß. Und trotzdem: „Ich habe es bereut, vorher nie dagewesen zu sein“, sagt Thioune. „Ich hatte nie so richtig verstanden, dass mein Vater aus einer ganz anderen Welt kommt. Auch als Kind habe ich das erst sehr spät mitbekommen.“

Die Reise wurde eine ganz besondere, viele Tränen seien geflossen. Und als Thioune zurück im Flieger nach Hause saß, wusste er, dass er wieder kommen würde – dann aber mit seiner ganzen Familie. „Meine Kinder wollen das Land ihres Großvaters kennenlernen.“

HSV-Coach Thioune ist ein Serienjunkie

Er selbst habe immer eine Ausrede gehabt: seine Fußballkarriere, sein Studium, sein Trainerdasein. Thioune wurde nichts geschenkt, er musste sich alles hart erarbeiten. „Ich lasse mir von keinem sagen, dass ich etwas nicht kann“, sagt er. Sein Studium wollte er durchziehen, als er schon den Vertrag als Trainer in der Tasche hatte. Also lernte er noch mit Mitte 30 die Kür beim Trampolinsprüngen und saß am frühen Sonnabend auf dem Pferd. „Es wäre schwachsinnig gewesen, das Studium abzubrechen. Ich muss Dinge zu Ende bringen.“

Das passende Lebensmotto hat er aus dem Film „Das Streben nach Glück“ von Hauptdarsteller Will Smith geklaut. Der sagt in dem Hollywood-Streifen: „Hey, lass dir von niemanden je einreden, dass du was nicht kannst. Wenn du einen Traum hast, musst du ihn beschützen. Wenn du was willst, dann mache es. Basta!“

Thioune ist ein Cineast. Weinen würde er bei romantischen Filmen zwar nicht, aber laut schlucken schon. Zuletzt beim „Polarexpress“ mit Tom Hanks, der jedes Jahr zu Weihnachten im Hause Thioune läuft. An Heiligabend gab es für seine Kinder einen Netflix-Zugang, den aber natürlich auch er selbst gerne nutzt. Seine Lieblingsserien: Jerks, King of Queens, Big Bang Theory. Gerade angefangen hat er die Sport-Doku-Serien „The Playbook“ und „The Last Dance“ mit Michael Jordan.

Thioune nennt sich einen Kulturbanausen

Beim Thema Kultur ist Thioune ansonsten eher zurückhaltend. Man könne ihn durchaus als „Kulturbanausen“ bezeichnen, gibt er zu. Für Theater, Konzerte und Musicals habe er einfach zu wenig Zeit. Nur auf Musik würde er nicht verzichten. Ein Instrument spielt er selbst zwar nicht, hört aber die ganze Bandbreite, die es so gibt. Bei Apple Music sei in seiner Playlist genauso der Torjingle von Scooter dabei wie „No Love“ von Eminem oder „Moin Moin Hamburg“ von den Goldkehlchen. Mehr Mix geht wohl nicht.

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Welche Lieder zu Silvester gespielt werden, wisse er noch nicht. „Es wird nicht ausufern“, sagt Thioune, der sich durchaus den einen oder anderen guten Vorsatz für das neue Jahr vorgenommen hat. Zum Beispiel, seiner Mannschaft ein guter Trainer zu sein. „Ich habe elf Spieler, die am Wochenende spielen. Und 18, die mich hassen.“ Das alles in Einklang zu bringen, sei die größte Kunst: „Ich will weiter wachsen. Ich will den HSV so nach vorne bringen, dass sich alle wieder mehr über den Club freuen.“ Sein Ziel 2021?

„Meine Ziele sind grenzenlos.“

Sein Zeitbudget allerdings nicht. Nach rund 90 Minuten im Podcaststudio macht sich Daniel Thioune auf den Heimweg. „Hat Spaß gemacht“, sagt er noch. Nun würden aber Ehefrau Claudia, mit der am Mittwoch den 17. Hochzeitstag feierte, Sohn Joshua-Elaya und Tochter Hanna warten. Und natürlich Dart-Überflieger Gabriel Clemens.​

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