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"Honigkuchenpferd" Terodde und seine Hommage an Olaf Thon

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Jakob Drechsler
Ein Salut vom Phantom: In der Schlussphase ließ Karlsruhes Abwehr HSV-Torjäger Simon Terodde (l.) entscheidend gewähren.

Ein Salut vom Phantom: In der Schlussphase ließ Karlsruhes Abwehr HSV-Torjäger Simon Terodde (l.) entscheidend gewähren.

Foto: Imago/Pressefoto Baumann

Beim 2:1 gegen den KSC bewies Simon Terodde nicht nur seinen Torriecher, sondern auch komisches Talent. Kumpel wagt Trefferprognose.

Hamburg/Karlsruhe. "Am Ende zählt im Fußball immer das Ergebnis, und da war die Maschine heute wieder da", resümierte Karlsruhes Trainer Christian Eichner nach der aus seiner Sicht unglücklichen 1:2 (1:1)-Niederlage im Montagabendspiel gegen den HSV.

Gemeint war natürlich Simon Terodde, der nun auch die Badener kurz vor Geisterstunde das Fürchten lehrte. In der 82. Minute avancierte der 32-Jährige in typischer Torjägermanier einmal mehr zum Matchwinner für den Aufstiegsfavoriten.

Terodde stellte Forderung an HSV-Kollegen

Trotz größtmöglicher Bedrängnis schraubte sich Hamburgs Angreifer im Fünfmeterraum um Gegenspieler Robin Bormuth und fuhr blitzschnell die Fußspitze aus, um die Hereingabe des eingewechselten Sonny Kittel (HSV-Sportvorstand Jonas Boldt: "Exzellent!") unhaltbar in die Maschen zu wuchten.

"Wenn die Gegenspieler nah am Mann sind, kann auch immer ein Ball in den Rückraum fallen. Darauf warte ich", sagte der entscheidende Torschütze, der von seinen Mitspielern zuvor "mehr Bälle in die Box" gefordert hatte.

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Terodde hat weniger Ballkontakte als Hofmann

"Das war schon ein ganz geiler Ball von Sonny", sagte HSV-Trainer Daniel Thioune. "Da darf man als Abnehmer in der Box das Ding auch gerne reinmachen", fuhr er in Richtung des "unersetzlichen" Terodde fort. "Es sieht immer ein bisschen aus, als ob ich abtauche", so Terodde ganz selbstreflektiert.

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Gegen den KSC hatte der Stürmer mit 23 tatsächlich die mit Abstand wenigstens Ballkontakte aller 22 Startelfspieler. Zum Vergleich: HSV-Wunschstürmer Philipp Hofmann berührte auf der Gegenseite 38-mal das Spielgerät. Aber im entscheidenden Moment war Terodde eben auch dieses Mal zur Stelle.

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"Honigkuchenpferd" Terodde trifft und trifft

"Das ist halt Simon, das kannst du nicht lernen", analysierte Sky-Experte Torsten Mattuschka, der seinem "Honigkuchenpferd" und ehemaligen Mitspieler bei Union Berlin auf seine Art zum 14. Saisontreffer gratulierte: "Jetzt grinst er sich wieder eins ins Fäustchen, fährt nachhause, macht sich ein Bierchen auf. Aber so ist er halt."

Dabei nimmt sich Teroddes Torquote gegen den KSC mit nunmehr drei Treffern in acht Duellen sogar noch vergleichsweise bescheiden aus. Doch auch so eilt die "Maschine" mit jetzt 132 Treffern unbeirrt und mit großen Schritten in Richtung Spitze der ewigen Zweitliga-Torjägerliste.

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Terodde-Kumpel wagt eine Torprognose

14 Treffer in 13 Spielen – macht eine Quote von 1,08 Toren pro Einsatz. Bestätigt Terodde seinen Trend, alle 79 Minuten salutieren zu dürfen, könnte er noch in dieser Spielzeit die Zweitliga-Besten Karl-Heinz Mödrath (150 Treffer) und Dieter Schatzschneider (154) überflügeln.

"25 plus sind schon drin", nannte Mattuschka als Hausnummer für Teroddes abschließende Saisonbilanz. "Wenn er denn fit bleibt und ordentlich gefüttert wird von seinen Kollegen. Simon kann sich auch mal verletzen oder eine Sperre bekommen." Ein längerer Ausfall Teroddes wirkt beim Blick auf die Karrieredaten allerdings eher unwahrscheinlich.

Terodde verpasst kaum ein Spiel

Seit seinem Profidebüt im Oktober 2008 verpasste der Rheinländer verletzungsbedingt nur 14 Spiele. Gelbsperren saß er seither auch erst zwei ab. Sechsmal gelang Terodde gar das Kunststück, bei vier Verwarnungen stehen zu bleiben, zuletzt gleich in vier Jahren hintereinander. In Karlsruhe holte sich Terodde, der noch nie vom Platz flog, allerdings bereits seine zweite Gelbe Karte ab.

Ein Indiz dafür, dass der Stoßstürmer auch keinem Zweikampf aus dem Weg geht. "Ich habe die Aufgabe, vorne die Innenverteidiger zu binden", sagte Terodde am Montagabend über sich selbst. "Ich lasse mich auch nicht verunsichern, wenn ich mal fünf Minuten keinen Ball sehe, sondern versuche mich auf die Situationen zu konzentrieren, in denen der Ball dann in den Strafraum geht."

Simon Terodde macht den Olaf Thon

Nur bei einer Frage wollte sich "Phantom" Terodde am liebsten unsichtbar machen. Als sich der Sky-Reporter nach einer möglichen Verlängerung seines Ein-Jahres-Vertrags und einer Konkurrenzsituation mit Karlsruhes Hofmann erkundigen wollte, bewies Terodde sein komödiantisches Talent.

"Ja, jetzt wird's langsam kalt hier, du ey", fröstelte der HSV-Profi vor laufender Kamera in bester Olaf-Thon-Manier, der im Trikot von Schalke 04 einen Fragesteller einst legendär ins Leere laufen ließ ("Mensch, mir ist kalt jetzt! Ehr­lich! Boah!"). "Ich glaube, bevor ich mich erkälte, muss ich in den Bus, die Jungs warten schon und rufen mich von da hinten", sprach Terodde und brach das Interview ab.

Olaf Thon ist kalt

HSV steigt wegen Terodde auf – sagt Eichner

Dafür erhob Mattuschka noch einmal das Wort für seinen Kumpel: "Ich glaube, dass es für Simon beim HSV weitergeht, da bin ich mir relativ sicher."

Zunächst aber ging es für Terodde nach einem weiteren Interview tatsächlich in den warmen Bus, um sich dort "sicher ein, zwei Bierchen" aufzumachen. Ein 2:1-Sieg in der 82. Minute sei schließlich "dreimal schöner als ein 4:0-Sieg".

Es könnte in dieser Runde nicht das letzte "Kaltgetränk" (Thioune) im Kreise der HSV-Profis gewesen sein. Dafür soll schließlich Aufstiegsgarant Terodde selbst sorgen. Er habe "einen richtig guten Stürmer, der noch ein bisschen was vorhat", sagte Thioune über Terodde, der schon jetzt den Blick auf das erste Spiel des neuen Jahres gegen Regensburg am 3. Januar richtet: "Ich freue mich unglaublich auf den Start und habe Mega-Bock, hier Anfang Januar wieder Gas zu geben."

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Mit dieser Einstellung rennt Terodde auch bei Jonas Boldt offene Türen ein. "Bei ihm sieht man immer wieder diese unglaubliche Gier auf Erfolg", sagte der HSV-Sportvorstand am Tag nach dem Sieg in Karlsruhe über Vorbild Terodde. KSC-Trainer Eichner jedenfalls legte sich angesichts der eiskalten Hamburger Tormaschine bereits fest: "Deswegen wird der HSV aufsteigen."

Die Statistik:

  • HSV: Ulreich – Vagnoman, Leistner (C), Heyer, Gyamerah – Gjasula (74. Onana) – Narey (74. Kittel), Kinsombi (88. Jung), Dudziak (90.+1 Wood), Jatta – Terodde. Trainer: Daniel Thioune.
  • KSC: Gersbeck – Thiede, Bormuth (86. Gueye), Kobald, Heise – Wanitzek, Gondorf – Goller, Lorenz (79. Carlson) – Hofmann, Batmaz (76. Fröde). Trainer: Christian Eichner.
  • Schiedsrichter: Christof Günsch (Marburg)
  • Tor: 0:1 Jatta (3.), 1:1 Hofmann (14.), 1:2 Terodde (82.)
  • Gelb-Rot: Heise wegen Foulspiels (77.)
  • Gelbe Karten: Wanitzek (4) – Terodde (2), Kinsombi
  • Torschüsse: 12:17
  • Ecken: 5:7
  • Ballbesitz: 46:54 Prozent

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