Absturz auf Rang drei

Dem HSV steckt der Fluch der Vergangenheit in den Köpfen

Zum Wegschauen: Auch Routinier Simon Terodde (M.) scheint nun von der HSV-Vergangenheit eingeholt zu werden.

Zum Wegschauen: Auch Routinier Simon Terodde (M.) scheint nun von der HSV-Vergangenheit eingeholt zu werden.

Foto: Witters

Verspielt der HSV erneut den Aufstieg? Die Profis scheinen Mentalitätsprobleme zu haben, obwohl diese Schwäche im Sommer erkannt wurde.

Hamburg.  Am Tag nach der unnötigen Auswärtsniederlage beim 1. FC Heidenheim (2:3) richtete Michael Mutzel den Blick schon wieder nach vorne. „Wir wollen jetzt nicht rumjammern“, sagte der Sportdirektor des HSV in der turnusmäßigen Frage-Antwort-Runde zum Wochenstart. Er sei enttäuscht, aber nicht geschockt über das, was er keine 24 Stunden zuvor an der schwäbischen Ostalb sehen musste.

Es war ein kämpferischer und souveräner Auftritt des Hamburger Kaderplaners, der somit genau die beiden Eigenschaften verkörperte, in denen die Mannschaft aktuell Defizite vorweist.

Seit dem 2:2 gegen den FC St. Pauli vor ziemlich genau einem Monat wehrt sich der Kaderplaner des neuen Tabellendritten, Greuther Fürth (1.) und Bochum (2.) überholten den HSV an diesem Spieltag, Woche für Woche gegen die wiederkehrenden Fragen, wie schwer der Abwärtstrend diesmal sei.

Mit dem Wort Krise, welches Trainer Daniel Thioune am Sonntag zur Beschreibung der sportlichen Situation benutzt hatte, tut sich Mutzel noch immer schwer. „Die Krise ist noch nicht so groß“, sagte er am Montag. „Wir hatten bis jetzt vier schlechte Ergebnisse.“

HSV: Parallelen zur Vorsaison sind offensichtlich

Ob vier sieglose Spiele bereits ausreichen, um von einer Krise zu sprechen, ist möglicherweise Definitionssache. Unstrittig ist dagegen, dass die Formkurve des HSV nach unten zeigt – und sich die Fehler Woche für Woche wiederholen. Denn die Vergangenheit scheint den Club immer wieder einzuholen.

Nach dem späten Gegentor in Kiel (1:1) und dem schlechten Heimspiel gegen Bochum (1:3) weckt spätestens das hergeschenkte Duell in Heidenheim, bei dem eine 2:0-Führung verspielt wurde, Erinnerungen an die beiden verpassten Aufstiege der Vorjahre.

HSV verliert nach Führung in Heidenheim:

Auch wenn der Verein verbal alles unternimmt, um nach außen einen unbelasteten Eindruck zu vermitteln. Die Parallelen zur vergangenen Saison, als mit nur einem Sieg im November und Dezember die Grundlage für den Nichtaufstieg gelegt worden war, sind offensichtlich. „Das ist uns jetzt erst einmal Wurscht. Wir leben im Hier und Jetzt. Es bringt uns einfach gar nichts, nach hinten zu gucken“, erwidert Mutzel energisch. „Wir gucken nach vorne.“

HSV-Mentalität: Mutzel erinnert an Saisonstart

Die Frage ist nur, ob auch die Spieler diesen Grundsatz tragen. In Heidenheim startete der HSV zunächst aggressiv, nahm das robuste Spiel der Gastgeber an und führte nach 25 Minuten verdient mit 2:0. Dieser Vorsprung hätte der Mannschaft Sicherheit geben müssen, denn der Matchplan von Trainer Thioune schien aufzugehen.

Doch die restlichen 65 Minuten ließen die Hamburger vieles von dem vermissen, was sie in der Anfangsphase noch so stark umgesetzt hatten. Als hätte die gesamte Mannschaft beschlossen, einen Gang runterzuschalten. Der Wille, in Heidenheim nicht nur fußballerisch, sondern auch kämpferisch zu überzeugen, war plötzlich nicht mehr ausreichend vorhanden.

HSV-Sportchef Michael Mutzel über das 2:3 in Heidenheim

„Vielleicht sind wir uns manchmal zu sicher“, klagt Mutzel, der zwar fehlende Mentalität in einzelnen Spielsituationen einräumt, dieses Problem aber nicht pauschalisieren will. „Mit einem Mentalitätsproblem hätten wir die Siegesserie von fünf Spielen zu Saisonbeginn nicht geschafft, weil wir in der Phase genau diese Qualität gezeigt hatten“, sagt der Sportdirektor und erinnert an den kampfstarken 1:0-Sieg am 4. Spieltag beim neuen Tabellenführer Fürth, als der HSV nach der Roten Karte für Toni Leistner fast eine komplette Halbzeit lang in Unterzahl spielte – und sich geschlossen als Team gegen den drohenden Ausgleich wehrte.

HSV-Routiniers: Jetzt patzt selbst Ulreich

Doch von einer solchen Mentalität ist seit einigen Wochen nur noch wenig zu sehen. Eine verhängnisvolle Lässigkeit, vielleicht sogar eine Prise Arroganz einzelner Spieler nach der vermeintlich komfortablen Führung in Heidenheim, will Mutzel nicht von der Hand weisen. „Unser Problem ist, dass wir vielleicht nachgelassen haben. Ohne diese letzten paar Prozentpunkte wird es aber gegen jeden Gegner in dieser Liga schwer. Deshalb legen wir auch den Finger in die Wunde.“

Debatten über fehlende Mentalität in Hamburg sind keinesfalls neu. Auch der HSV hatte eben jene Schwachstelle im vergangenen Sommer als Hauptgrund für den verpassten Aufstieg analysiert. Mit Simon Terodde (32), Sven Ulreich (32), Toni Leistner (30) und Klaus Gjasula (30) wurden gleich vier Ü-30-Spieler verpflichtet, um Drucksituationen in Zukunft besser standhalten und Rückschläge schneller verarbeiten zu können. In beiden Bereichen sieht sich der Club deshalb auch besser gerüstet als in der Vergangenheit.

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Das Problem ist nur, dass sich bis auf Terodde schon jeder der genannten Routiniers persönliche Aussetzer geleistet hat und teilweise auch den Erwartungen hinterherhinkt. Das jüngste Beispiel lieferte Ulreich, dessen folgenschwerer Stockfehler kurz vor Schluss in Heidenheim das finale Gegentor ermöglichte. Gerade jener Ex-Bayern-Torhüter Ulreich, von dessen Verpflichtung sich der HSV mehr Stabilität erhofft hatte, und der bis zu seinem Patzer in Heidenheim positiv durch seine Ausstrahlung auffiel.

HSV mit Verlierer-DNA? Das sagt Mutzel

Nun mehren sich die Stimmen, dass sich auch die Neuzugänge immer schneller mit dem sogenannten HSV-Virus infizierten, deren Erbmaterial aus einer Verlierer-DNA bestünde. Eine These, der Michael Mutzel entschieden widerspricht. „Das halte ich für Unsinn. Wenn wir fünf Spiele gewinnen, haben wir auch keine Gewinner-DNA. Ich halte nichts von solchen Pauschalaussagen.“

Wie aber will der HSV gegen den Vorwurf ankämpfen, die Mannschaft könnte einmal mehr an der Angst vor der eigenen Courage scheitern? „Wir schauen im Training genau hin, wer einen Schritt mehr macht und wer besteht, wenn es ruppig wird“, sagt Mutzel, der von seinen Spielern fordert, die individuellen Fehler abzustellen. Zudem solle der HSV über Kampf und Mentalität zurück in die Erfolgsspur finden. Zwei Attribute, die in der Vergangenheit nicht gerade zu den Stärken des HSV zählten.