Aufstiegskampf

Warum der Höhenflug des HSV diesmal von Dauer sein könnte

HSV-Trainer Daniel Thioune (l.) gibt die Richtung vor. Und die Mannschaft (hier Khaled Narey) folgt seinen Ideen.

HSV-Trainer Daniel Thioune (l.) gibt die Richtung vor. Und die Mannschaft (hier Khaled Narey) folgt seinen Ideen.

Foto: Witters

Wie Trainer Thioune den HSV mit seinen taktischen Ideen variabler aufstellt. Es ist nicht das Einzige, was neu ist.

Hamburg. Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Stimmung beim HSV noch vor dem Saisonstart der 2. Bundesliga am Tiefpunkt. Zu langsam seien die zentralen Spieler im Mittelfeld sowie in der Abwehr und überhaupt hebe sich die Qualität des Kaders nicht von der Konkurrenz um den Aufstieg ab, lautete die allgemeine Kritik nach dem Pokal-Aus in Dresden (1:4). „Hochverdient und hochnotpeinlich. Jetzt schon keinen Bock mehr auf die Saison", twitterte HSV-Supporters-Chef Tim-Oliver Horn – und erntete dafür ebenfalls viel Kritik.

Fünf Wochen später hat sich die Stimmungslage im Volkspark komplett verändert. Nach dem auch in der Höhe verdienten 3:0-Heimerfolg gegen Erzgebirge Aue, dem bereits vierten Sieg im vierten Spiel, löste der HSV Holstein Kiel als Tabellenführer ab. Auch wenn die Tabelle nach vier Spieltagen nur eine geringe Aussagekraft hat, sind sechs Punkte Vorsprung auf den ersten Nichtaufstiegsplatz (Hannover) und fünf Punkte auf den Relegationsplatz (Aue) durchaus beachtlich.

Aufstieg? Was diesmal anders ist beim HSV

Zweifellos war der Saisonstart in den zurückliegenden beiden Spielzeiten nicht der Grund, warum der Aufstieg am Ende verpasst wurde. Auch in der vergangenen Saison startete der HSV ähnlich furios mit zehn Punkten aus vier Spielen, brach jedoch mindestens genauso furios auf der Zielgeraden ein.

Dennoch gibt es diesmal Anzeichen dafür, dass der momentane Höhenflug auch von Dauer sein könnte. Es ist vor allem die taktische Finesse von Trainer Daniel Thioune, der großen Wert auf eine variable Spielweise legt, wodurch der HSV für die Gegner schwerer ausrechenbar ist als vergleichsweise unter Ex-Coach Dieter Hecking, für den das 4-3-3-System unantastbar schien.

Thioune stellt den HSV taktisch variabler auf

So wählte Thioune in allen vier Saisonspielen eine unterschiedliche Formation. Als Paradebeispiel für seine Variabilität, die er auch von seinen Spielern fordert, gilt Defensiv-Allrounder Moritz Heyer. In Fürth (1:0) spielte der Neuzugang aus Osnabrück auf drei verschiedenen Positionen. Er begann als Linksverteidiger, rückte dann eine Position nach vorn auf den Flügel und beendete die Partie im Abwehrzentrum. Damit ihm nicht langweilig wird, verteidigte Heyer gegen Aue im defensiven Mittelfeld.

Heyer ist keine Ausnahme. Gegen Aue agierte Stürmer Manuel Wintzheimer erstmals auf der sogenannten Acht im offensiven Mittelfeld und Rechtsverteidiger Jan Gyamerah verteidigte auf der linken Seite der Dreierkette. Thioune lobte hinterher den Stress, den seine Mannschaft durch das Positionsspiel vor allem in der Offensive ausgelöst habe. Keine Frage: sein Matchplan ging auf.

Der HSV-Coach passt seine Aufstellung stets an den Gegner an. Damit hatte auch der HSV in der vergangenen Saison Probleme, als Thioune noch den Gegner aus Osnabrück coachte. Man muss kein Prophet sein, um auch beim kommenden Heimspiel am Sonnabend gegen Würzburg (13 Uhr/Sky) mit einer abermals neu formierten Elf zu rechnen. „Gehen Sie nicht davon aus, dass dieselben Spieler wieder spielen werden", antwortete Thioune auf die entsprechende Frage eines Reporters nach dem Sieg gegen Aue.

Mehr Selbstkritik beim HSV unter Thioune

Und noch etwas ist anders im Vergleich zur vergangenen Saison: Beim HSV gibt es nun einen anderen Umgang mit Niederlagen oder glücklich gewonnenen Spielen. Kritik wird im Volkspark angenommen – und auch selber öffentlich ausgesprochen. Nach dem Dusel-Sieg in Fürth machte Thioune kein Geheimnis daraus, mit dem Auftritt seiner Mannschaft nicht zufrieden gewesen zu sein. Die dominante Spielweise gegen Aue sei nun „eine gute Reaktion auf das Spiel gegen Fürth" gewesen, als die Hamburger „nicht so eine hohe Ballkontrolle" hatten, sagte der Coach.

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Darüber hinaus ist der Fußball, den der HSV momentan praktizieren lässt, auch noch attraktiv. Doch Thioune wäre nicht Thioune, wenn er nicht auch nach einem vermeintlich optimalen Spiel wie dem 3:0 gegen Aue „Luft nach oben" sehen würde. „Ich hätte mir ein höheres Balltempo gewünscht“, sagte er.

Thiounes Ideen kommen beim HSV an

Und was sagt eigentlich Supporters-Chef Horn? „Hochverdient und richtig stark. Hab wieder richtig Bock", twitterte er unmittelbar nach dem Abpfiff, garniert mit einem Zunge herausstreckenden Emoji – eine Anspielung an die Reaktionen auf seinen Tweet nach der Dresden-Pleite.

Es ist nicht nur an Horn festzumachen, dass sich die Stimmung rund um den HSV ins Positive gedreht hat. Ein Stimmungswandel, an dem auch die taktischen Entscheidungen von Thioune ihren Anteil haben.

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