3:0 gegen Erzgebirge Aue

Der HSV stürmt mit Anarchietaktik an die Spitze

Thioune setzt auf totale Variabilität und wird mit einem souveränen Sieg belohnt. Boldt macht Aufstiegswitz, St. Pauli spioniert.

Hamburg. HSV-Trainer Daniel Thioune stand am frühen Mittwochabend auch Minuten nach dem Abpfiff noch im längst verwaisten Mittelkreis, die Hände in den Taschen seiner ausgeleierten Jogginghose und zuckte immer wieder ungläubig mit den Schultern. 3:0 (1:0) hatte seine Mannschaft gerade die zuvor zum Spitzenspielchen deklarierte Partie gegen den FC Erzgebirge Aue gewonnen. Und so richtig schien der Coach noch gar nicht realisiert zu haben, was da gerade in den vorangegangenen 90 Minuten passiert war.

Durch den verdienten Sieg schaffte es der HSV, erstmals seit Bestehen der Bundesligen mit vier Siegen in Folge in die Saison zu starten. Doch viel wichtiger: Der 3:0-Erfolg war eine in den vergangenen Jahren selten gesehene Demonstration der Stärke, mit der auch kühnste HSV-Optimisten nicht rechnen konnten.

„Wir hatten uns ein paar Gedanken gemacht“, gab eine halbe Stunde später ein glücklicher Thioune zu. „Die Mannschaft hat sich auf den Matchplan eingelassen. Wir haben versucht, viele Positionswechsel zu forcieren. Und wir haben dann 90 Minuten sehr dominant Fußball gespielt.“

HSV-Aufstellung sorgt für Fragezeichen

Bereits drei Stunden zuvor hatte Trainer Thioune die Aufstellungskatze aus dem Sack gelassen – und damit für mehr Fragezeichen als zuvor gesorgt. Auf dem Aufstellungsbogen, der auf der Pressetribüne vor den Spielen wie die Heilige Schrift entgegengenommen wird, fanden sich mit Amadou Onana und Klaus Gjasula überraschend zwei Mittelfeld-Sechser auf der Bank wieder. Dafür standen die Offensivkräfte Bakery Jatta und Sonny Kittel in der Startelf, in der man einen etatmäßigen Mittelfeldstaubsauger vergeblich suchte.

Die endgültige Auflösung, auf welche Formation Thioune denn nun setzte, folgte aber erst mit dem Anpfiff um 18.30 Uhr. Die 1000 Zuschauer, darunter die St.-Pauli-Connection Andreas Bornemann (Sportchef), Helmut Schulte (Ex-Sportchef) und Stefan Studer (Ex-Chefscout), rieben sich in den ersten Minuten verwundert die Augen. Statt auf Voetbal total setzte der HSV auf eine totale Variabilität, die man in dieser Form wohl nur selten im Volkspark gesehen hatte.

Vor der Dreierkette (Gideon Jung, Stephan Ambrosius, Jan Gyamerah) bot Thioune Moritz Heyer als einzigen Mittelfeldabräumer auf, davor wirbelten Aaron Hunt und Manuel Wintzheimer als sogenannte Achter. Über die Flügel rotierten Jatta und Khaled Narey. Und Kittel? Hatte neben Simon Terodde alle Freiheiten, durfte hinten, vorne, rechts und links spielen. Oder anders zusammengefasst: Zwischen den einzig beiden festen Polen Sven Ulreich (ganz hinten) und Terodde (ganz vorne) herrschte eine orchestrierte Anarchie, die sogar aufging.

HSV-Führung ein Ausmaß an Herrlichkeit

Das mutige Experiment „Jeder macht was er will“ sorgte bereits nach einer guten Viertelstunde für das erste Bonbon. Jung bediente mit einem herrlichen Diagonalball Sonny Kittel, der noch herrlicher mit der Hacke auf Narey ablegte. Seine scharfe Reingabe (am herrlichsten) verwandelte Wintzheimer im Fallen. Mehr herrlich geht nicht.

Doch mit dem Führungstreffer zum 1:0 sollte das organisierte HSV-Chaos erst so richtig beginnen. Sämtliche Positionen wurden fleißig durchgetauscht – was am Ende der ersten Halbzeit aus Hamburger Sicht nur einen Haken hatte: Der HSV hätte nach weiteren Großchancen durch Wintzheimer (40.) und Narey (42.) höher führen müssen. Der gesperrte Toni Leistner war nach 45 Minuten trotzdem begeistert von der „taktischen Meisterleistung“, die er den Kollegen bei Sky attestierte.

HSV dominiert Aue nach Belieben

Das Rasenschach für Fortgeschrittene ging auch in der zweiten Halbzeit ungebremst weiter. Nachdem der herausragende Wintzheimer zunächst noch die Vorentscheidung vergab (55.), war es nur zwei Minuten später Kittel, der nach Vorarbeit Wintzheimers auf 2:0 erhöhte. „Dass Sonny eine brutale Technik hat, weiß jeder in der Liga“, lobte Leistner, der auch im zweiten Durchgang die totale Dominanz seiner Kollegen bewundern durfte.

Lesen Sie auch:

Längst wirkte die Partie des Tabellenzweiten gegen den Tabellendritten wie ein Trainingsspiel, bei dem die ganz in orange auftretenden Gäste ihr blaues Wunder erlebten. Nächstes Beispiel in der 72. Minute: Freistoß Hunt an den Außenpfosten, Nachschuss Narey an den Innenpfosten – 3:0!

HSV-Aufstieg? Boldt antwortet mit Treppenwitz

Als die begeisterten Fans den HSV bereits mit stehenden Ovationen beklatschten, verpasste es zehn Minuten vor Schluss der eingewechselte Bobby Wood, noch eine Kirsche auf die Sahnetorte zu setzen. Den 1000 Zuschauern war es egal: Am Ende wurde der vierte Sieg in Folge, die Tabellenführung und der zweite Erfolg in Folge ohne Gegentor gefeiert. Ob man denn so aufsteigt, fragte ein Sky-Reporter Sportvorstand Jonas Boldt nach der Partie. Seine Antwort: „Ich steige jetzt gleich die Treppe hier auf und trinke mit meinen Kollegen ein Bier.“ Prost!​