Zweite Liga

Streitigkeiten um Neubesetzungen beim HSV bleiben aus – fast

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Kai Schiller und Henrik Jacobs
Die HSV-Vorstände Frank Wettstein und Jonas Boldt, die Aufsichtsräte Markus Frömming und Marcell Jansen, sowie Noch-Supporterschef Tim-Oliver Horn (v. l. n. r.)

Die HSV-Vorstände Frank Wettstein und Jonas Boldt, die Aufsichtsräte Markus Frömming und Marcell Jansen, sowie Noch-Supporterschef Tim-Oliver Horn (v. l. n. r.)

Foto: Witters/Thorsten Ahlf/Montage: HA

Vorstand, Aufsichtsrat, Präsidium, Supporters – in allen Clubgremien des HSV stehen Veränderungen bevor.

Hamburg.  Am vergangenen Mittwoch staunten die Aufsichtsräte des HSV nicht schlecht. Sportvorstand Jonas Boldt und Finanzvorstand Frank Wettstein stießen am Abend zur turnusmäßigen Sitzung des Kontrollgremiums dazu, hielten Bericht und hatten sogar eine Neuigkeit zu verkünden: Innenverteidiger Moritz Heyer war im Anflug. 600.000 Euro plus Bonuszahlungen sollte der HSV an den VfL Osnabrück zahlen. Auf den Einwand eines Aufsichtsrats, dass – anders als früher, als Ex-Chefkontrolleur Bernd Hoffmann die Grenze bei 250.000 Euro gesetzt hatte – diese Summe gar nicht mehr zustimmungspflichtig sei, sollen die Vorstände verblüfft gewesen sein. Man wollte trotzdem gemeinsam entscheiden. Boldt rief noch aus der Sitzung bei VfL-Sportchef Benjamin Schmedes an, finalisierte den Deal und ließ sich anschließend von den Kontrolleuren beglückwünschen.

Schöne neue HSV-Welt. Nach den Turbulenzen im Frühjahr, als Vorstandschef Hoffmann entlassen wurde und die Kontrolleure Max-Arnold Köttgen sowie Thomas Schulz zurücktraten, sei die Stimmung zwischen Aufsichtsrat und Vorstand so gut wie lange nicht mehr, berichten übereinstimmend Mitglieder beider Gremien. Dass beispielsweise auch der Transfer Heyers nach der Sitzung nicht direkt öffentlich wurde, sei ein weiterer Beleg dafür.

Wettstein und Bold als erfolgreiches Duo

Nun denn. Nur fünf Tage später wurde durch den „Kicker“ etwas anderes öffentlich, was eigentlich nie öffentlich werden sollte: Die Aufsichtsräte hatten intensiv um Ex-Sky-Chef Carsten Schmidt (56) als neuen Vorstandschef geworben. Nach Abendblatt-Informationen wurde bereits über Details verhandelt und Vertragsentwürfe hin- und hergeschickt – nur Wettstein und Boldt waren nicht informiert. Was allerdings nicht im „Kicker“ stand: Das Werben um Schmidt, der erst kürzlich als neuer Vorsitzender der Geschäftsführung von Hertha BSC zusagte, liegt bereits mehrere Monate zurück.

Nachdem sich aber Wettstein und Boldt nach Meinung der Kontrolleure mittlerweile erfolgreich als Duo in der Corona-Zeit bewiesen, soll nun vorerst kein dritter Vorstand gesucht werden. Stattdessen wurde versucht, die Hoffmann-Aufgaben (Marketing, Sponsorenakquise, Repräsentanz) mit zu übernehmen und so die Vorstände zu entlasten. Beim 23,5-Millionen-Euro-Deal mit der Stadt soll sich HSV-Präsident Marcell Jansen eingeschaltet und in zwei Gesprächen Bürgermeister Peter Tschen­tscher überzeugt haben. Beim Sponsorendeal mit Orthomol wiederum soll Aufsichtsratskollege Markus Frömming und dessen Netzwerk geholfen haben.

Vom neuen Machtzentrum ist nicht viel zu spüren

Jansen und Frömming also. Ein halbes Jahr ist es erst her, dass nach dem Aus Hoffmanns noch gemutmaßt wurde, dass durch Jansen und Frömming nun besonders Investor Klaus-Michael Kühne seinen Einfluss wieder ausbauen kann. „Mächtig viel Macht gewinnt vor allem der neue Aufsichtsratschef Marcell Jansen (34) – und das könnte wiederum Investor Klaus-Michael Kühne (82) bei seinen Plänen in die Hände spielen“, schrieb seinerzeit die „Bild“-Zeitung.

Sechs Monate später ist von diesem neuen Machtzentrum nicht viel zu spüren – im Gegenteil. Bestes Beispiel hierfür: Simon Terodde. Der Stürmer wird durch den Kühne-Vertrauten Volker Struth beraten. Als dieser sich vor einigen Wochen bei Kühne gemeldet und von der Möglichkeit berichtet haben soll, dass der Stürmerstar sich ein HSV-Engagement vorstellen könnte, war auch Kühne direkt begeistert. Einziger Haken: das Kleingeld. Struth soll von einem Dreijahresvertrag mit einem Gehalt von rund zwei Millionen Euro gesprochen haben.

Es gab Zeiten beim HSV, als dieses Kleingeld keinen Haken dargestellt und man auf die Karte Kühne gesetzt hätte. Doch diesmal war es anders: Man verzichtete auf Kühne, machte in Köln Druck und konnte Terodde schließlich für ein Jahr zum Nulltarif bekommen. Das Gehalt: 500.000 Euro plus Prämien.

HSV ist angewiesen auf neue Geldquellen

Ist Kühne also mittlerweile für den HSV verzichtbar? Natürlich nicht! Trotz gegenteiliger öffentlicher Aussagen wird hinter den Kulissen weiter eifrig versucht, den Milliardär zu überzeugen, doch noch für das Recht am Stadionnamen zu zahlen. Gegebenenfalls auch in einer Gruppe mit mehreren Hamburgern, wie es unlängst Ex-Präsident Jürgen Hunke vorgeschlagen hatte. Kühnes AG-Anteile von 20,6 Prozent stehen dagegen auch weiter zum Verkauf.

Zum Brüllen: HSV schlägt Fortuna Düsseldorf

Wegen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie ist der HSV so angewiesen wie noch nie auf neue Geldquellen. Obwohl die HSV-Verbindlichkeiten um 17 Millionen Euro reduziert wurden, schlagen die coronabedingt fehlenden Zuschauereinnahmen beim Gesamtumsatz negativ zu Buche. „Im abgelaufenen Geschäftsjahr verzeichnen wir im Vergleich zu 2018/19 einen Rückgang um etwa 30 Millionen Euro“, gab Finanzvorstand Wettstein gerade erst gegenüber dem Fachmagazin „Sponsors“ zu. Allein die fünf Heimspiele ohne Fans hätten insgesamt Verluste von rund acht Millionen Euro ergeben. Im Aufsichtsrat bleibt man trotz der Horrorzahlen entspannt. Auch die Tatsache, dass das Gremium bald wieder auf die satzungskonformen sieben Mitglieder aufgestockt werden muss, sorgt – anders als in der Vergangenheit – nicht für erhöhte Betriebsamkeit. Genauso wenig wie der sich abzeichnende Wechsel in der Supportersführung.

Ein Konflikt schwelt hinter den Kulissen bereits seit Monaten

Am Dienstagabend hat der bisherige Supporterschef Tim-Oliver Horn via Facebook sein Aus als Vorsitzender der mächtigen Fanorganisation zum Ende der aktuellen Legislaturperiode im November bekannt gegeben. „Es war mir eine Ehre“, schrieb Horn. Was früher zu politischen Grabenkämpfen geführt hätte, ist derzeit nur bedingt ein Aufreger. „Über die tiefen Gräben, die unseren HSV über Jahre geprägt haben, wurden Brücken gebaut, und es gibt über alle Bereiche hinweg wieder ein echtes Miteinander“, sagt Horn, der sogar eine Woche zuvor bei der Vorstellungsrunde seiner mutmaßlichen Nachfolger um Sven Freese und Christian Bieberstein am bronzenen Fuß Uwe Seelers anwesend war. Genauso wie die Aufsichtsräte Jansen, Frömming und Andreas Peters.

Also alles Friede, Freude, Eierkuchen in der rosaroten HSV-Welt? Nicht ganz. Ein Konflikt schwelt hinter den Kulissen bereits seit Monaten. So sollen die Aktivitäten von Vizepräsident Thomas Schulz, der nach der Entlassung Hoffmanns im März freiwillig als Aufsichtsrat zurückgetreten ist, innerhalb des HSV weiter sehr kritisch beäugt werden. Nach Abendblatt-Informationen ist Schulz, dessen Verhältnis zu Präsident Jansen genauso zerrüttet wie zum aktuellen AG-Vorstand sein soll, nun sogar ein Thema innerhalb des HSV-Ehrenrats. Dies wollte man auf Nachfrage weder bestätigen noch dementieren.

Klar ist hingegen schon jetzt, dass es bei der kommenden Mitgliederversammlung im neuen Jahr einen Abwahlantrag geben wird. Welche Folgen eine mögliche Abwahl Schulz’ nach sich ziehen würde, ist derzeit noch genauso wenig absehbar wie mögliche Langzeitfolgen einer erneuten Grundsatzdebatte um weitere Anteilsverkäufe über die bisherige 24,9-Prozent-Grenze hinaus.

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Ob Wettstein, Jansen und Co. tatsächlich riskieren wollen, den neuen HSV-Frieden durch potenziell neue Anteilsverkaufsgräben zu gefährden, bleibt abzuwarten. Horns Appell, bevor er sein Amt als Supporterschef aufgibt: „Wir können nur dann gemeinsam nach vorne gehen, wenn wir alle innerhalb des HSV an einem Strang ziehen.“ Gesagt wurde Ähnliches in der HSV-Vergangenheit häufiger. Nur mit dem Getan tat man sich bislang schwierig.

HSV-Verteidiger Josha Vagnoman (19) musste am Mittwoch das Mannschaftstraining mit Knöchelproblemen abbrechen.

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