Corona

HSV vor Gewissensfrage: Wer darf zuerst wieder ins Stadion?

Noch sind die Aufgänge ins HSV-Stadion wegen Corona gesperrt.

Noch sind die Aufgänge ins HSV-Stadion wegen Corona gesperrt.

Foto: Valeria Witters / WITTERS

Bei den teuren Businessseats ließen sich die Abstandsregeln gut durchsetzen. Doch das wäre den Stehplatz-Fans nicht zu erklären.

Hamburg.  In den kommenden Tagen will sich der Hamburger SV an seine Dauerkarteninhaber wenden. Mitte August, so war der Plan, sollten die Fans über das weitere Vorgehen hinsichtlich des Erwerbs der Saisontickets informiert werden. Und nachdem die Deutsche Fußball Liga (DFL) vor einer Woche nach ihrer Mitgliederversammlung das Konzept für die schrittweise Rückkehr der Zuschauer in die Stadien präsentiert hatte, waren nicht nur die Verantwortlichen beim HSV voller Hoffnung, dass zum Saisonstart in einem Monat die ersten Fans wieder auf der Tribüne sitzen können. Doch daraus wird – Stand jetzt – erst einmal nichts.

Am Montag hatten sich die Gesundheitsminister der Länder nach längeren Beratungen dafür ausgesprochen, Fans nicht vor dem 31. Oktober wieder in die Stadien zu lassen. Ende des Monats wollen die Ministerpräsidenten der Länder nun ebenfalls darüber beraten. Dass ihre Entscheidung anders ausfällt als die ihrer Gesundheitsminister, ist angesichts wieder steigender Corona-Infektionen-Zahl an vielen Orten in Deutschland allerdings schwer vorstellbar.

Und so hatte sich auch der HSV zu Wochenbeginn bereits darauf eingestellt, dass zum Saisonauftakt gegen Bundesliga-Absteiger Fortuna Düsseldorf am 18. September (18.30 Uhr) keine Fans dabei sein werden. Zuletzt hatten die Clubchefs des HSV und des FC St. Pauli darauf gehofft, im ersten Schritt zumindest wieder mit einer Größenordnung von 5000 Fans kalkulieren zu können. Doch allein diese Zahl wäre mit den Dauerkartenbesitzern, die ein Vorkaufsrecht für die neue Saison haben, schwer abzustimmen.

Dauerkartenbesitzer stellen HSV vor Herausforderung

„Die Frage, wie wir fair mit all unseren Dauerkartenbesitzern umgehen sollen, ist eine riesige Herausforderung“, sagte Finanzvorstand Frank Wettstein zuletzt im Abendblatt. Das Konzept für bis zu 20.000 Zuschauer hat der Club im Hintergrund vorbereitet. Wettstein sagt aber auch: „20.000 Zuschauer würden uns nicht von den finanziellen Herausforderungen befreien. Und trotzdem kämpfen wir auch für 20.000.“

Insbesondere im Bereich der Businessseats gibt es im Volksparkstadion gute Möglichkeiten, Zuschauer kontrolliert wieder Zugang zu Logen und VIP-Plätzen zu ermöglichen. Damit würde der HSV auch mit dem größten Teil der Zuschauereinnahmen planen können. Kommunikativ wäre das den Fans aus dem Stehplatzbereich aber nicht zu erklären, von daher kommt es für den HSV nicht infrage, zunächst nur die VIP-Kunden ins Stadion zu lassen. Die Abteilung Fankultur steht dazu im Dialog mit der aktiven Fanszene des Vereins.

FC St. Pauli will Fans befragen

Die Stimmung unter den Fans will auch der FC St. Pauli zeitnah abklopfen – in diesem Fall allerdings mithilfe einer Befragung. Unabhängig von dem Ergebnis äußert der Verein aber Verständnis für die aktuelle Position der Politik.

„Die pandemische Situation – auch mit steigenden Infektionszahlen – gebietet, dass der gesundheitliche Schutz aller Mitmenschen einen Vorrang vor Vergnügungen hat“, sagte Präsident Oke Göttlich am Dienstag. „Nichts wäre schöner, als am Millerntor bald wieder Fußballfeste gemeinsam feiern zu dürfen. Aber Gesundheit geht vor, und deshalb: Bitte tragt alle euren Mundschutz!“

Daniel Thioune über sein erstes Training beim HSV:

Daniel Thioune über sein erstes Training beim HSV

Während sich die Dauerkarteninhaber des HSV also noch ein wenig gedulden müssen, machte der FC St. Pauli am gestrigen Dienstag Nägel mit Köpfen: Der Verein verschickte 15.500 Dauerkarten an ihre Besitzer. „Wir vermissen Euch!“, schrieb der Kiezclub in einer Twitter-Nachricht am Vormittag. „Wann wir Euch wieder am Millerntor begrüßen dürfen, wissen wir nicht. Wir freuen uns aber auf diesen Moment.“

Die Deutsche Fußball Liga selbst reagierte besonnen auf die befürchtete Botschaft aus Berlin. Na klar, „höchste Priorität“ habe selbstverständlich weiter die „Eindämmung des Coronavirus“, erklärte die DFL. Allerdings sollte es „in allen Lebensbereichen das Ziel sein, eine Rückkehr in Richtung Normalität anzustreben“ - schrittweise und der jeweiligen Lage angemessen.

Öffnung in kleinen Schritten als Lösungsansatz

Auch Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge brachte eine Öffnung in kleinen Schritten als möglichen Lösungsansatz ins Spiel: „Vielleicht muss man am Anfang auch nicht gleich 25.000 Fans ins Stadion lassen.“ Man könne „ja auch vielleicht langsam einen sogenannten Re-Start mit Zuschauern“ garantieren.

Immerhin: Für die Perfektion ihrer Pläne haben die Vereine und die DFL nun viel Zeit. Zwar sprach Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Montag von einer möglichen Ministerpräsidenten-Konferenz Ende August, bei der das Thema Bundesliga und Fans auf der Agenda stehen könnte. Grünes Licht für eine Rückkehr der Fans in die Stadien wird – wenn überhaupt – aber wohl erst deutlich später erteilt. „Analog zu den bis Ende Oktober untersagten Großveranstaltungen“ vertritt die Gesundheitsministerkonferenz gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsminister die Auffassung, „für den möglichen Besuch der Fußballstadien erst im Herbst zu einer erneuten Bewertung kommen zu können“. Dann sei besser absehbar, wie sich die Corona-Pandemie bei sinkenden Außentemperaturen entwickelt.

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Sollten tatsächlich bis zum 31. Oktober Geisterspiele stattfinden, wären davon nicht nur die ersten sechs Spieltage in der Bundesliga und 2. Liga betroffen. Auch die erste Runde im DFB-Pokal sowie drei Partien der Nationalelf gegen Spanien (3. September), die Türkei (7. Oktober) und die Schweiz (13. Oktober) fänden vor leeren Rängen statt – sowie die ersten beiden Spieltage der Champions und Europa League. mit sid und dpa