Zuschauer ins Stadion?

„Unabdingbar“: HSV-Supporters-Chef wegen Fan-Regel skeptisch

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Kai Schiller und Alexander Berthold
Ein ausverkauftes Volksparkstadion wird es zeitnah nicht geben.

Ein ausverkauftes Volksparkstadion wird es zeitnah nicht geben.

Foto: picture alliance

DFL-Clubs einigen sich auf Punkte für eine Teilrückkehr von Fans in die Stadien. DFL-Chef Seifert appelliert an Ultras.

Hamburg.  Pünktlich zur Mittagszeit konnte Jonas Boldt seinen Laptop zuklappen, als die mit Spannung erwartete DFL-Vollversammlung um kurz nach 14 Uhr beendet wurde. Anders als zu Beginn der Corona-Krise, als der HSV-Sportvorstand noch nach Frankfurt reisen musste, um über Corona und die Folgen mit den anderen Vertretern der 36 Proficlubs zu sprechen, konnte Boldt am Dienstag die Sitzung bequem von Hamburg aus per Videokonferenz verfolgen.

Die dreistündige Debatte über eine mögliche Rückkehr von Stadionbesuchern, die Gründung einer Taskforce Zukunft und die Verteilung der TV-Gelder ließ sich anschließend in drei Wörtern zusammenfassen: nicht viel Neues.

DFL: keine Gästefans, kein Alkohol

Eine gute halbe Stunde ließ sich DFL-Chef Christian Seifert Zeit, ehe er sich dann doch ein paar mehr Wörter über die Ergebnisse der virtuellen Sitzung entlocken ließ.

„Priorität haben in Deutschland im Moment nicht volle Stadien, sondern hat die Gesundheit der Menschen“, sagte der DFL-Geschäftsführer eingangs, ehe er vier Eckpunkte für eine mögliche Teilrückkehr der Zuschauer vorstellte: keine Gästefans, keine Stehplätze, kein Alkohol und die zeitweise Einführung personalisierter Onlinetickets, mit denen die Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten möglich sein soll.

Ob und wie viele Fans in die Stadien dürften, sei aber Sache der Politik und der lokalen Behörden. Seifert wollte da der Gesundheitsministerkonferenz am kommenden Montag, bei der es auch um das Thema Großveranstaltungen gehen soll, nicht vorgreifen.

HSV hofft auf bis zu 25.000 Fans

Während man im Falle von positiven Signalen aus der Politik beim HSV auf 20.000 bis 25.000 Zuschauer hofft, sollen es beim FC St. Pauli aufgrund der Vielzahl von Stehplätzen am Millerntor nur knapp 9000 Fans werden.

Unabhängig davon versprach Seifert der aktiven Fanszene, die dem DFL-Konzept weiterhin kritisch gegenübersteht: „Ich möchte ausdrücklich betonen, dass alle Diskussionen, die wir derzeit führen, ausschließlich unter dem Aspekt einer immer noch bestehenden Corona-Pandemie geführt werden. Es geht hierbei nicht um sportpolitische oder strategische Weichenstellungen für die nächsten Jahre.“

An dieser Stelle wurde Cornelius Göbel hellhörig. Der leitende Fanbeauftragte des HSV, der sich Seiferts Pressekonferenz mit HSV-Finanzvorstand Frank Wettstein in dessen Büro anschaute, will verhindern, dass durch die Ausnahmesituation Fakten geschaffen werden, die man danach nur schwer wieder zurückändern könne.

Göbels wichtigstes Anliegen ist es, dass sich die Fankultur durch die coronabedingte Situation nicht grundsätzlich verändern dürfe.

HSV-Supporters-Chef ordnet DFL-Sitzung ein

Eine Meinung, der sich Tim-Oliver Horn knapp 1000 Kilometer weiter südlich anschloss. Der Vorsitzende der HSV-Supporters, der derzeit im Salzburger Land urlaubt, zeigte Verständnis für Seifert – blieb aber skeptisch: „Ich kann gut nachvollziehen, dass die Verantwortlichen nur sehr langsam in Richtung Normalität gehen und zunächst nur Teile der Zuschauer ins Stadion lassen wollen. Es bleibt aber ein Kompromiss, der aus Fansicht schwierig ist. Ich persönlich kann mir einfach nicht vorstellen, im Volkspark Fußball ohne die aktive Fanszene und Gästefans genießen zu können.“

Besonders der Verzicht auf Gästefans sei unverständlich: „Ich hätte mir gewünscht, dass man auch Gästefans anteilig zulässt, da diese unabdingbar für die Stimmung im Stadion sind. Der Fußball verliert für mich dadurch seinen Reiz.“

Fan-Organisationen kritisieren DFL-Pläne

Mehrere Fan-Organisationen wählten noch drastischere Worte als Horn und erteilten den Plänen der DFL und der Clubs eine Absage. Eine Haltung, die Seifert nicht nachvollziehen konnte: „Alle oder keiner ist nicht zielführend“, sagte der DFL-Geschäftsführer.

Er erfuhr Unterstützung von St. Paulis Präsident Oke Göttlich: „Wir wissen sehr genau, wie schwer dies auch vor unserem Verständnis von einem begeisternden Stadionerlebnis wiegt, weswegen für den FC St. Pauli die zeitliche Begrenzung der Maßnahmen bis zum 31. Oktober beziehungsweise bis zum 31. Dezember von großer Bedeutung ist, um auch dem Eindruck zu widersprechen, dass es sich um die schleichende Einführung dieser Maßnahmen für einen längerfristigen Zeitraum handelt“, sagte Göttlich, der auch Mitglied im DFL-Präsidium ist. „Im Sinne der Gesundheit aller und mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen halten wir diese Maßnahmen für angemessen.“

Keine wirkliche Rolle auf der DFL-Sitzung spielte dagegen St. Paulis am Vortag vorgestelltes 16-Seiten-Positionspapier für eine gerechtere Zukunft im Profifußball. Immerhin stellte Seifert in Aussicht, dass bereits im August auf drei Regionalkonferenzen die 36 Proficlubs über eine gerechtere Verteilung der TV-Gelder debattieren wollen.

Bis Anfang Dezember möchte die DFL einen Beschluss zur Verteilung der Gelder erzielen. Drei Arbeitsgruppen sollen auch im September ihre Arbeit aufnehmen, um die lange versprochene Taskforce Zukunft auf den Weg zu bringen.

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Diese soll unter anderem die Möglichkeit einer Gehaltsobergrenze ausloten. Zwei Rechtsgutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages waren zuletzt zu dem Schluss gekommen, dass diese durchaus möglich sei. Beide Gutachten, gab der am Ende des Sitzungstages erschöpfte Seifert zu, habe er bislang allerdings lediglich überfliegen können.

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