HSV und St. Pauli

Wundertüte Zweite Liga – die Analyse des Sky-Experten

| Lesedauer: 13 Minuten
Kai Schiller und Henrik Jacobs
Yannick Erkenbrecher (37), Sky-Moderator und Zweitliga-Experte analysiert 50 Tage vor dem Start den möglichen Aufstiegskampf (Archivbild).

Yannick Erkenbrecher (37), Sky-Moderator und Zweitliga-Experte analysiert 50 Tage vor dem Start den möglichen Aufstiegskampf (Archivbild).

Foto: Witters

In dieser Woche starten mehrere Clubs in die Vorbereitung zur neuen Saison, deren Ausgang so offen wie selten zuvor ist.

Hamburg.  Yannick Erkenbrecher hat Urlaub. Österreich, ein paar Tage, einfach mal die Seele baumeln lassen. „Noch tut sich ja relativ wenig im Fußballgeschäft“, sagt der Sky-Moderator, der als der Experte der 2. Bundesliga beim Bezahlsender gilt.

Erkenbrecher, dessen Vater Uwe bereits Spieler und Trainer in der Zweiten Liga war, kennt sich wie kaum ein anderer im Unterhaus der Bundesliga aus. Seit drei Jahren moderiert er sämtliche Topspiele am Montagabend – und hat auch sonst einen sehr genauen Blick auf das Geschehen in der 2. Liga.

Aufstiegsfavorit in der 2. Bundesliga? Sky-Experte überfragt

Doch wenn an diesem Freitag der 50-Tage-Countdown bis zum Saisonstart losgeht, ist beim Thema Aufstieg selbst Erkenbrecher überfragt. „Anders als in den vergangenen Jahren gibt es keinen eindeutigen Aufstiegsfavoriten in der Zweiten Liga“, sagt der 37-Jährige.

Da die ersten Clubs in dieser Woche gerade einmal ins Training einsteigen, sei es für detaillierte Prognosen ohnehin noch zu früh, sagt Erkenbrecher, der sich mitten in seinem Urlaub aber doch bereit erklärt, eine erste Einschätzung über „das vermutlich spannendste Aufstiegsrennen seit vielen Jahren“ abzugeben.

HSV zählt zu ersten Anwärtern im Aufstiegsrennen

Die gute Nachricht aus Hamburger Sicht: Trotz der erneuten Enttäuschung des Nicht-Aufstiegs zählt der HSV neben Hannover 96 für Erkenbrecher noch immer als einer der ersten Anwärter im Aufstiegsrennen. „Der HSV-Anspruch muss Platz eins, zwei oder drei sein“, sagt der Fernsehjournalist, der besonders Sportvorstand Jonas Boldt in die Pflicht nimmt. „Erstmals muss sich Boldt an diesem Kader messen lassen, nachdem der Kader der letzten Saison noch in erster Linie von Ralf Becker zusammengestellt war.“

Gespannt sei er auf Neu-Trainer Daniel Thioune. „Ich kenne Thioune schon sehr lange. Als Stürmer vom VfL Osnabrück hat er sich packende Duelle mit meinem Papa als Trainer vom VfB Lübeck geliefert“, sagt er. „Der HSV ist natürlich eine ganz andere Nummer als der VfL Osnabrück.“

Die schlechte Nachricht aus Hamburger Sicht: Den FC St. Pauli, immerhin Neunter der TV-Geld-Tabelle, sieht Erkenbrecher nicht als Aufstiegskandidat. Hier Erkenbrechers Überblick über die TV-Top-Ten:

Hannover 96

„Hannover hat eine ganz schlechte Saison hinter sich – und ist für mich neben dem HSV trotzdem der Topfavorit dieser extrem ausgeglichenen Zweiten Liga“, sagt der Sky-Moderator, der darauf hinweist, dass – anders als die meisten Zweitligaclubs – 96 durchaus in der Lage sei, auch in diesem Corona-Sommer noch zu investieren. „Die größte Aufgabe für die Verantwortlichen ist aber zunächst einmal, die Lücke von Kapitän Waldemar Anton zu schließen, der für vier Millionen Euro zum VfB Stuttgart gewechselt ist“, sagt Erkenbrecher.

Mit zwölf Abgängen (darunter der frühere HSV-Profi Matthias Ostrzolek) steht dem Nordrivalen ein großer Umbruch bevor. Immerhin schaffte es Clubchef Martin Kind, den auch vom HSV umworbenen Stürmer Hendrik Weydandt zu halten. „96 wird beim Aufstieg diesmal ein Wörtchen mitreden“, sagt Erkenbrecher.

Fortuna Düsseldorf

Der Bundesliga-Absteiger gehört zu den Frühstartern der Vorbereitung: Bereits am Montag standen Corona- und Laktattests auf dem Programm, seit Mittwoch wird auf dem Platz trainiert. „Weil meine Mutter Düsseldorferin ist, schiele ich immer mit einem Auge zur Fortuna“, sagt Erkenbrecher, der aber nicht nur erfreut darüber ist, was er mit dem einem Auge derzeit sieht. „Der Fortuna steht eine schwierige Saison bevor“, sagt er. „Nach dem Abstieg müssen die Düsseldorfer aufpassen, dass sie sich zunächst einmal in der Zweiten Liga etablieren.“

15 Spieler verließen den Absteiger, darunter sieben Leihprofis und eine ganze Reihe von Leistungsträgern. Geholt wurde bislang nur der zentrale Mittelfeldmann Jakub Piotrowski für 500.000 Euro vom Hannes-Wolf-Club KRC Genk.

SV Darmstadt 98

Dass Darmstadt trotz der bereits im März feststehenden Trennung von Trainer Dimitrios Grammozis nach Arminia Bielefeld die beste Rückrundenmannschaft wurde und am Ende fast noch am HSV vorbeizog, ist bemerkenswert. Mit Markus Anfang haben die Hessen einen passenden Nachfolger gefunden. „Anfang hat in Kiel überragende und in Köln sehr gute Arbeit geleistet. Er ist ein großer Trainername“, sagt Erkenbrecher. Dem neuen Chefcoach droht allerdings der Verlust von zwei Leistungsträgern. Abwehrchef Victor Pálsson und Torjäger Serdar Dursun sind bei entsprechenden Angeboten nicht zu halten.

Einen Coup landete Sportchef Carsten Wehlmann mit dem Transfer von Lars Lukas Mai (20). Der Innenverteidiger wird für ein Jahr vom FC Bayern München ausgeliehen. Mai führte die zweite Mannschaft des FCB in der vergangenen Saison zur Drittligameisterschaft. Probleme macht dem Club nur der Stadionumbau, der sich aufgrund der Corona-Krise verzögert. Für Erkenbrecher könnten die Lilien eine Überraschung werden. „Der Verein hat ein tolle Entwicklung genommen. Für mich ist Darmstadt einer der Geheimfavoriten.“

1. FC Nürnberg

Überraschendes tat sich in der Sommerpause auch beim Club. „Mit der Verpflichtung von Dieter Hecking als Sportvorstand hätte ich nicht gerechnet“, sagt Erkenbrecher. „Noch vor drei Wochen hat er den HSV verlassen, weil er sich als Bundesligatrainer sieht. Nun ist er Sportchef beim Fast-Absteiger in die Dritte Liga. Das muss man auch erst einmal schaffen ...“ Schaffen sei auch das Stichwort für die kommenden Wochen. „Dieter Hecking hat nun ziemlich viel vor sich: Er muss zunächst einmal einen neuen Trainer und einen neuen Sportdirektor suchen und finden. Zudem muss er ja noch eine neue Mannschaft für die neue Saison zusammenstellen.“

Nürnbergs Relegationskrimi im Finale der vergangenen Saison gegen Ingolstadt (2:0/1:3) hat er mit Rostocks Maximilian Ahlschwede von der Couch aus verfolgt. „Nach diesem Spiel muss der Club drei Kreuze machen, dass man noch in der Zweiten Liga dabei sein darf“, sagt Erkenbrecher. „Der Club muss sich nun komplett neu aufstellen.“

1. FC Heidenheim

Nach dem knapp verpassten Aufstieg in der Relegation gegen Werder Bremen (0:0/2:2) steht Heidenheim mal wieder vor einem Kaderumbruch. Mit Niklas Dorsch (KAA Gent) und Sebastian Griesbeck (Union Berlin) hat der Verein im Mittelfeld bereits das Herzstück der Mannschaft verloren. Am Mittwoch folgte auch noch der Abgang von Torjäger Tim Kleindienst, der ebenfalls in Belgien bei Gent unterschrieb. Für Heidenheim ist das nichts Neues. Immer wieder gelingt es dem Club, neue Leistungsträger zu entwickeln.

Trainer Frank Schmidt geht auf der schwäbischen Ostalb in seine 14. Saison. „Ich weiß, dass Frank Schmidt von der Bundesliga träumt“, sagt Erkenbrecher. „Dass er es in der vergangenen Saison nicht geschafft hat, nervt ihn.“ Um den Verein macht sich der Reporter aber keine Sorgen. Mit dem SSV Reutlingen spielte er einst selbst gegen Heidenheim in der Oberliga Baden-Württemberg. „Der Club ist toll gewachsen und hat ein gutes Fundament.“ Erkenbrecher ist sich sicher: „Heidenheim kann erneut um die Aufstiegsplätze mitspielen.“

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VfL Bochum

Keinem Verein kam die Corona-Pause in der Vorsaison besser gelegen. Nur drei Punkte Vorsprung hatte der VfL auf den Relegationsplatz. Nach zehn Jahren Zugehörigkeit in der Zweiten Liga drohte der Abstieg. Doch am Ende wurde der VfL als inoffizieller Corona-Meister Achter. Kein anderer Club sammelte zwischen Spieltag 26 und 34 mehr Punkte als Bochum (18). „Riesenkompliment an Trainer Thomas Reis. Er hat das überragend hinbekommen“, sagt Erkenbrecher, der mitbekommen hatte, dass es zu Saisonbeginn intern große Probleme in der Mannschaft gegeben hatte.

Aber auch das Leben zwischen Anspruch und Wirklichkeit mache es dem Traditionsclub schwer. „Der Standort zwischen Dortmund und Schalke ist nicht einfacher geworden. Es ist wenig Geld da. Man hat Probleme, das Stadion vollzukriegen“, sagt Erkenbrecher. „Ich sehe für den VfL eine Außenseiterchance. Es kann aber auch in die andere Richtung gehen.“ Wäre Erkenbrecher Sportchef, hätte er eine Idee: „Man könnte versuchen, Lukas Hinterseer vom HSV zurückzuholen. Der hat dort richtig gut funktioniert.“

SC Paderborn

Als Yannick Erkenbrecher in der Saison 2002/03 selbst ein Jahr für Paderborn spielte, war der Verein noch in der Regionalliga Nord. „Das Stadion war eine Bruchbude“, erinnert er sich. Heute hat sich der SCP mit seinem neuen Stadion im Profifußball etabliert. Nicht aber in einer Liga. Seit dem Sensationsaufstieg in die Bundesliga 2014 ist der Club in jedem Jahr auf- oder abgestiegen. 2017 rettete die Ostwestfalen nur die Insolvenz des FSV Frankfurt vor dem Absturz in die Regionalliga. „Ich hoffe für Paderborn, dass man endlich in der Zweiten Liga ankommt“, sagt Erkenbrecher über seinen Ex-Club, dem nach dem Abstieg aus der Bundesliga der Ausverkauf vieler Leistungsträger droht. HSV-Neuzugang Klaus Gjasula (30) wird nicht der einzige Abgang bleiben.

Trainer Steffen Baumgart bleibt in jedem Fall dabei. „Das ist eine mutige Entscheidung“, meint Erkenbrecher. Den Sportchef hatte der Club bereits Anfang Mai ausgetauscht. Fabian Wohlgemuth ersetzte Martin Przondziono. Der ehemalige Kieler Manager hat schon vier Neuzugänge ablösefrei verpflichtet. Zu den Topclubs der Liga zählt Erkenbrecher die Paderborner aber nicht.

FC St. Pauli

Glaubt man dem Trend der vergangenen Jahre, müsste der FC St. Pauli im kommenden Jahr eigentlich wieder eine gute Saison spielen. So sah die Fieberkurve in der Zweiten Liga seit 2011 am Millerntor immer aus. Dass der Kiezclub nach Platz 14 in der abgelaufenen Saison im nächsten Jahr um die oberen Ränge mitspielt, glaubt Erkenbrecher aber nicht. „Die beiden Stadtmeisterschaften haben überdeckt, dass St. Pauli eine richtig schlechte Saison gespielt hat. Ich sehe die Gefahr, dass es eine noch schlechtere wird. Um Platz 13 oder 14 zu spielen, kann aber nicht der Anspruch sein.“

Mit Daniel-Kofi Kyereh verpflichtete St. Paulis Sportchef An­dreas Bornemann am Mittwoch seinen ersten Neuzugang (siehe rechts). Erkenbrecher vermisst bei St. Pauli ein paar Typen. „Die Mannschaft hat wenige Gesichter“, sagt der Sky-Moderator, dem die Entscheidung für Timo Schultz als Trainer gefallen hat. „Er hat noch unter meinem Vater beim VfB Lübeck gespielt. Ich finde es spannend, dass St. Pauli auf ein Eigengewächs setzt.“ ​ ​

Holstein Kiel

Als Holstein Kiel vor drei Jahren in die Zweite Liga zurückkehrte, war nicht absehbar, dass die Schleswig-Holsteiner auch im dritten Zweitligajahr in Folge eine gute Rolle spielen würden. Nachdem der Club das Trainermissverständnis um André Schubert zu Saisonbeginn nach wenigen Wochen korrigiert hatte, führte Ole Werner (32) die Störche als jüngster Trainer im deutschen Profifußball auf einen sicheren elften Platz. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Werner nebenbei seinen Fußballlehrer-Lehrgang in Hennef besuchte und dort am Wochenende seine Abschlussprüfung macht. „Ich bin froh, wenn das Leben auf der A 1 vorbei ist“, sagte Werner.

Kiel hat sich zum Fußballstandort Nummer 1 nördlich von Hamburg entwickelt. Und nicht wenige trauen dem Club zu, in der kommenden Saison den nächsten Schritt zu gehen. „In Kiel wurde Hervorragendes geschaffen, auch mit dem Ausbau des Stadions“, sagt Erkenbrecher. Vor 20 Jahren war das noch anders. „Als mein Vater noch als Trainer beim VfB Lübeck gearbeitet hat, war Kiel immer zwei Nummern kleiner als der VfB.“ Mit fünf Neuzugängen, darunter der ehemalige HSV-Profi Ahmet Arslan, hat sich Kiel in der Breite schon zahlreich verstärkt. Nun sucht Sportchef Uwe Stöver nach Spitzenspielern. Erkenbrechers Fazit: „Es wird definitiv spannend in der kommenden Saison.“

2. Bundesliga, TV-Geld

1  Hannover 96 22,46 Mio.
2  Fortuna Düsseldorf 95 22,33 Mio.
3  HSV 20,15 Mio.
4  SV Darmstadt 98 15,94 Mio.
5  1. FC Nürnberg 15,53 Mio.
6  1. FC Heidenheim 1846 14,68 Mio.
7  VfL Bochum 1848 13,14 Mio.
8  SC Paderborn 07 12,99 Mio.
9  Holstein Kiel 12,02 Mio.
10  FC St. Pauli 11,51 Mio.
11  SpVgg Greuther Fürth 11,30 Mio.
12  SSV Jahn Regensburg 10,62 Mio.
13  FC Erzgebirge Aue 9,74 Mio.
14  SV Sandhausen 9,50 Mio.
15  Eintracht Braunschweig 8,74 Mio.
16  VfL Osnabrück 8,52 Mio.
17  Karlsruher SC 8,13 Mio.
18  FC Würzburger Kickers 7,49 Mio.

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