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Wie lange die Ermittler Jattas Handy behalten dürfen

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Kai Schiller und Stefan Walther
Bakery Jatta (22) hält sich derzeit in Bremen auf. Ein Ende des laufenden Verfahrens ist nicht absehbar.

Bakery Jatta (22) hält sich derzeit in Bremen auf. Ein Ende des laufenden Verfahrens ist nicht absehbar.

Foto: Witters

HSV-Fans unterstützen weiterhin den Fußballer, der vor einer ungewissen Zukunft steht. Kritik an den laufenden Ermittlungen wächst.

Hamburg. Mit der Liebe ist es so eine Sache. Mal entwickelt sich etwas, braucht Zeit, reift. Und mal trifft es einen aus heiterem Himmel. Simon Philipps hat der Blitz am 11. September 1999 getroffen. Der damals Zehnjährige war erstmals mit seinem Papa im gerade umgebauten Volkspark. Ein Dach gab es noch nicht, dafür jede Menge Schmähgesang aus der Gästekurve. „Präger, du Arschloch“, sangen die Hertha-Fans vor dem Spiel. 90 Minuten später hatte Roy Präger dreifach getroffen, der HSV 5:1 gewonnen und war Tabellenführer. Und Simon Philipps? War schwer verliebt.

Seit jenem denkwürdigen Spätsommertag kann für den heute 31-Jährigen kommen, was wolle. Dem HSV bleibt der Mitarbeiter einer Kommunikationsfirma treu. Im Abendblatt-Podcast „HSV – wir müssen reden“ sprach Philipps am Montag vor allem darüber, wie er dank des HSV seine beiden großen Leidenschaften verknüpft: den Fußball und sein Engagement gegen Ausgrenzung jeder Art.

Philipps ist Mitglied im Netzwerk Erinnerungsarbeit, einem Zusammenschluss von HSV-Fans, Mitarbeitern aus dem Verein, dem Fanprojekt und dem Supporters Club. Seit der Gründung 2016 ist das Ziel, wichtige Erinnerungsarbeit zu forcieren und Projekte gegen Diskriminierung voranzubringen. „Fußball ist mehr als das Stadionerlebnis“, sagt Philipps, der seinen Sport als Spiegelbild der Gesellschaft empfindet – mit allen Chancen und Risiken.

Fall Jatta: Simon Philipps kritisiert "Bild"

Wie aktuell das Engagement gegen Ausgrenzung noch ist, wurde laut Philipps einmal mehr in den vergangenen Wochen deutlich, als die schon abgehakt geglaubte Debatte um die Identität Bakery Jattas wieder an Fahrt aufgenommen hatte. „Es lässt mich ratlos zurück, wie da ermittelt wird“, sagt Philipps, der mit Unverständnis die quasi live übertragene Hausdurchsuchung von Jattas Wohnung bei „Bild TV“ und die anschließende Enthüllung im Abendblatt über den Beginn des Ermittlungsverfahrens verfolgt hatte.

„Es hat einen Beigeschmack, wenn eine ,Gemeinschaft besorgter Bürger‘ einen anonymen Brief schreibt – und eine große Boulevardzeitung das Thema wieder ganz oben auf der Agenda hat. Gefühlt werden die Ermittlungen nicht durch juristische, neutrale Gründe getrieben, sondern von Vorurteilen und einer Kampagne.“

Philipps ist nicht der einzige HSV-Fan, der den kompletten Fall Jatta mit großem Unbehagen verfolgt. „Zwischen dem Boulevardmedium und der Staatsanwaltschaft scheint alles Hand in Hand zu gehen. Das verwundert doch sehr“, sagt er – und erinnert daran, was so ein Verfahren mit einem jungen Menschen machen kann: „Für Bakery Jatta ist es eine schlimme Situation.“

Bakery Jatta geht es momentan schlecht

Nach Abendblatt-Informationen geht es dem HSV-Profi momentan tatsächlich sehr schlecht. Nach der Hausdurchsuchung am 2. Juli flüchtete der Gambier zunächst zu seinem Berater Efe Aktas nach Bremen. Als er zurück in seine Uhlenhorster Wohnung wollte, sollen binnen weniger Minuten erneut Reporter vor seinem Haus gewesen sein, weswegen er ein zweites Mal das Weite suchte. Doch mehr als Fotografen vor seiner Wohnung macht dem Flügelstürmer des HSV die Ungewissheit zu schaffen.

Ermittler dürfen Jattas Handy weiter behalten

Es bleibt weiterhin fraglich, ob die ganze Angelegenheit noch vor dem Trainingsstart am 3. August erledigt sein kann. Noch immer versuchen Ermittler des LKA, auf den mitgenommenen Elektronikgeräten an seine Daten zu gelangen. Dabei darf das LKA die Beweismittel so lange einbehalten, wie es aus seiner Sicht nötig ist. Jatta könnte zwar einen Antrag stellen, seine Geräte zurückzubekommen. Über diesen Antrag müsste aber zunächst ein Gericht entscheiden.

Während es nur eine Frage der Zeit sein soll, bis die Ermittler an die Daten herankommen, ist es für Philipps völlig unerheblich, was da letztendlich gefunden werden könnte. „Mir persönlich ist völlig egal, ob Jatta 17, 18 oder 35 Jahre alt war, als er eingereist ist. Er hat eine schwierige Flucht hinter sich und hat wahrscheinlich ziemlich viele schlimme Dinge erlebt. Er ist dann hier angekommen – und hat hier in Hamburg eine neue Heimat gefunden.“

HSV will Jatta weiter den Rücken stärken

Eine Meinung, die noch immer von den meisten beim HSV geteilt wird. Sportvorstand Jonas Boldt will dem Gambier trotz des laufenden Ermittlungsverfahrens und des offenen Ausgangs weiter den Rücken stärken. Auch Ex-Coach Dieter Hecking hat sich nach seinem Abschied vom HSV mehrfach bei seinem einstigen Schützling erkundigt – und ihm vollste Unterstützung zugesichert. Zur Erinnerung: Bei der Staatsanwaltschaft gingen auch anonyme Anzeigen gegen Hecking, den HSV und sogar gegen den DFB von der „Gemeinschaft besorgter Bürger“ ein, die für Philipps das eigentliche Problem an der ganzen Debatte sind: „Jeder Kleingartenrassist hat zu Jatta eine Meinung und äußert die auch.“

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Dabei ist der Fall Jatta aus Sicht von Simon Philipps nur eine Blaupause für den aktuellen Zeitgeist. Im Abendblatt-Podcast spricht der engagierte Fan, der als Jugendlicher seinen Zivildienst in Nürnberg auf dem Gelände des ehemaligen Reichsparteitags absolvierte, über Rassismus in der Kurve, im Fußball und natürlich auch in der Gesellschaft allgemein. So fiel nicht nur ihm nach der Verpflichtung Daniel Thiounes als neuem HSV-Trainer erneut auf, dass es trotz zahlreicher dunkelhäutiger Fußballer mit Thioune nur einen dunkelhäutigen Trainer im deutschen Profifußball gibt – und keinen einzigen Clubfunktionär.

Überrascht wurde Philipps dann im Podcast auch noch durch ein eingespieltes Grußwort Jattas. Der Gambier bedankte sich für die große Unterstützung der HSV-Anhänger: „Es ist ein sehr wichtiges Gefühl für mich, dass die Fans und die HSV-Familie zusammenstehen.“ Spätestens als Philipps diese Worte hörte, wusste er, dass neben Roy Präger auch er selbst am 11. September 1999 alles richtig gemacht hat.

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