Zweite Liga

Wie der HSV nach verpasstem Aufstieg neue Wege gehen will

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Drei Talente für die HSV-Zukunft: Xavier Amaechi (v. l.), Jonas David und Josha Vagnoman. In der vergangenen Saison konnte sich nur Vagnoman bei den Profis durchsetzen.

Drei Talente für die HSV-Zukunft: Xavier Amaechi (v. l.), Jonas David und Josha Vagnoman. In der vergangenen Saison konnte sich nur Vagnoman bei den Profis durchsetzen.

Foto: Witters

Die Spieler sollen sich nicht konstant verschlechtern. Gute Chancen für Talente, in der nächsten Saison auf Spielzeit zu kommen.

Hamburg. Am Sonnabend könnte ein HSV-Profi doch noch den Aufstieg feiern. Ein Punkt zu Hause gegen den Halleschen FC würde Jonas David und seinen Würzburger Kickers schon reichen, um in der kommenden Saison mit den Hamburgern in einer Liga spielen. Nach einer siebenwöchigen Verletzungspause (Sehnenanriss im Oberschenkel) könnte HSV-Leihgabe David wieder in den Kader rücken. Ein Risiko wird der Innenverteidiger allerdings nicht eingehen. Denn zum Trainingsstart Anfang August soll das Eigengewächs wieder beim HSV auf dem Platz stehen. Der 20-Jährige ist einer der Spieler, die für den Neustart fest eingeplant sind.

Das Gleiche gilt für Davids Kumpel Aaron Opoku, der am Sonnabend mit Hansa Rostock zumindest noch die Chance hat, die Aufstiegsrelegation zu erreichen. Dann könnte er unter Umständen in der kommenden Saison mit dem HSV gegen Rostock spielen. Klar ist: Auch der 21 Jahre alte Flügelstürmer wird zum Trainingsauftakt wieder in Hamburg erwartet, nachdem er für ein Jahr an Hansa verliehen wurde. Vor zwei Monaten erst hatte Opoku seinen Vertrag im Volkspark bis 2024 verlängert. Auch David soll bis zum Start der neuen Saison seinen im kommenden Jahr auslaufenden Kontrakt beim HSV langfristig ausgeweitet haben. Die beiden Talente, die schon für die deutsche U-20-Nationalmannschaft zusammengespielt haben, sollen in Hamburg den nächsten Entwicklungsschritt gehen.

Die meisten Spieler haben in der entscheidenden Phase ihre Form verloren

Nach dem verpassten Aufstieg des HSV könnten die Talente auch tatsächlich gute Chancen haben, in der nächsten Saison auf Spielzeit zu kommen. Aufgrund der finanziellen Situation bleibt der sportlichen Führung um Sportvorstand Jonas Boldt auch gar keine Alternative, diesen Weg verstärkt einzuschlagen. Zunächst aber muss der Manager die offene Frage auf der Trainerposition klären. Nach einer internen Analyse könnte bereits Ende dieser Woche klar sein, ob die Zusammenarbeit mit Dieter Hecking fortgesetzt wird. Und dabei wird es auch um die Frage gehen: Ist Hecking der Richtige, um den Entwicklungsprozess zu steuern, den der HSV jetzt braucht? Diese Frage wird vor allem Boldt für sich beantworten müssen.

Betrachtet man allein die vergangene Saison, haben die meisten Spieler in der entscheidenden Phase ihre Form verloren. Das Trainerteam um Hecking die Assistenten Dirk Bremser und Tobias Schweinsteiger muss überzeugend aufarbeiten, in welchem Bereich die Ursachen lagen, um wiederum die richtigen Rückschlüsse zu ziehen. Das können mentale Gründe gewesen sein, sportliche oder auch persönliche. Letztlich aber bleibt die Frage, warum fast alle Spieler in der zweiten Saisonhälfte schlechter geworden sind?

Boldt will die Ausrichtung verändern

Als Konsequenz des zweiten Scheiterns in Folge völlig unterschiedlicher Personalkonstellation will Boldt auch die Ausrichtung verändern. Nachdem die Mannschaft offenkundig erneut unter der Last des Aufstiegsziels zusammenbrach, will der Club einen neuen Ansatz wählen. Der HSV will erst einmal nicht mehr vom Aufstieg reden, sondern darüber, wie man die Entwicklung der Mannschaft und des gesamten Clubs optimieren kann. Intern heißt es hinter vorgehaltener Hand: Was die individuelle Entwicklung der Spieler angeht, sind viele andere Clubs dem HSV weit voraus.

Das HSV-Debakel im Finale um die Relegation in Bildern:

Boldt denkt bei der Entwicklung der Spieler aber gar nicht nur an Talente wie Josha Vagnoman oder Xavier Amaechi. Auch gestandenere Profis wie Julian Pollersbeck oder Sonny Kittel sollen sich in Hamburg wieder verbessern, anstatt stetig nachzulassen. Dafür will Boldt alle Bausteine der täglichen Arbeit hinterfragen. „Als Zweitligist hat man immer Möglichkeiten, sich in verschiedensten Bereichen zu optimieren. Das ist auch wieder eine Frage der Ressourcen“, sagte Boldt bereits vor dem letzten Saisonspiel gegen Sandhausen. „Es gibt viele Themen. Wir können über Leistungsfähigkeit sprechen, über Ernährung, über kognitive Fähigkeiten. Wir sollten aber erst einmal bei der Basis anfangen.“

Viele unausgeschöpfte Potenziale

Insbesondere im Sport gibt es beim HSV viele unausgeschöpfte Potenziale. Individualtraining findet kaum statt, obwohl Hecking mit Schweinsteiger einen Trainer in sein Team holte, der vor allem mit den Talenten arbeiten sollte. Auch im mentalen Bereich wird wenig gemacht. Natürlich hilft ein Sportpsychologe alleine nicht, um den Spielern etwa jegliche Versagensängste zu nehmen. Aber es geht um Optimierungen auf allen Ebenen. Und eine neue Saison ist der beste Zeitpunkt, sich neu aufzustellen. „Wenn wir der Meinung sind, dass wir in dem Bereich Spezialisten brauchen, bin ich da total offen für. Ich persönlich halte da viel von“, sagt Boldt. Der 38-Jährige meint aber auch: „Der erste Psychologe ist immer der Trainer. Um im Detail zu arbeiten, hat er immer die Möglichkeit, sich Spezialisten dazuzuholen.“

Mit einem neuen Mentaltrainer wäre es aber sicher nicht getan. HSV-Insider sagen auch, dass es im Kabinentrakt einer dringenden Veränderung bedarf. Den Räumlichkeiten im Erdgeschoss des Volksparkstadions fehle es etwa an Licht, heißt es. Zudem habe sich die Kabine zu einem Ort entwickelt, an dem sich in den vergangenen Jahren zu viele negative Erlebnisse ereignet haben. Diese Infrastruktur zu verändern ist aber gar nicht so leicht. Und bei allem stellt sich auch die Frage: Wer soll diese Prozesse eigentlich anschieben?

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Jonas Boldt ist als Verantwortlicher für den Sport sicherlich am meisten gefragt, eine Strategie zu entwickeln und neue Strukturen zu planen. Dass das beim HSV grundsätzlich länger dauert, als bei einem Club wie Bayer Leverkusen, hat Boldt in seinem ersten Jahr in Hamburg erfahren müssen. Er alleine wird es auch nicht schaffen, dem HSV eine neue DNA zu verleihen. Aber er muss zusammen mit dem Trainerstab die Voraussetzungen schaffen, damit Spieler beim HSV besser werden. Das wäre zumindest mal ein Anfang.

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