Relegation verpasst

Was läuft falsch beim HSV? Eine Spurensuche

| Lesedauer: 11 Minuten
Alexander Laux
HSV-Trainer Dieter Hecking konnte den schwachen Auftritt seiner Mannschaft nicht fassen.

HSV-Trainer Dieter Hecking konnte den schwachen Auftritt seiner Mannschaft nicht fassen.

Foto: Witters

Was der Verein in der jüngeren Vergangenheit auch versuchte, am Ende stand oft der Misserfolg. Liste der Gescheiterten ist lang.

Hamburg. Der Ärger musste raus nach der katastrophalen 1:5-Niederlage des HSV gegen den SV Sandhausen. Und zwar sofort. Ab dem frühen Montagmorgen gingen die wütenden Mails der Leser im Minutentakt beim Abendblatt ein. „Diese Truppe gehört komplett verkauft, das reduziert Schulden für den Restverein“, schrieb uns beispielsweise Raimund Abel, „eine Lizenz für die 2. Liga sollte man nicht mehr beantragen.

Die Profiabteilung gehört aufgelöst. Der Dino ist jetzt endgültig tot. Macht dem Spuk ein Ende. Ich habe endgültig fertig mit dem HSV.“ Und auch Thomas Gollub fand deutliche Worte: „Marius Müller Westernhagen hat in einem Lied gesungen: keine Ahnung, keine Meinung, kein Konzept. So viel zum HSV.“

Harter Tobak, aber zu erwarten nach einer Minus-Leistung am Wochenende, für die es eigentlich keine Worte gibt. In Spanien gibt es ein schönes Sprichwort, das übersetzt ungefähr so lautet: Der Mensch ist das einzige Tier, das zweimal in die gleiche Scheiße tritt. Es scheint, als trifft diese Behauptung nicht nur auf Menschen, sondern auch auf bestimmte Clubs zu.

Was auch immer an Fehlern, Fehltritten und Fettnäpfchen in den vergangenen zehn Jahren möglich war, steuerte der HSV zielsicher an. 1:5 gegen Sandhausen zu verlieren, wenn nur ein Punkt gereicht hätte für die Relegation gegen Werder Bremen, das ist so typisch für den HSV in der vergangenen Dekade.

Konstant waren nur die vielen Personalwechsel beim HSV

Man mag es kaum glauben, aber damals, im Mai 2010, gehörte der HSV noch zu den Topclubs in Europa und verpasste den Einzug ins Europa-League-Finale im heimischen Volksparkstadion nur denkbar knapp gegen den FC Fulham. Rückwirkend war dieses verlorene Halbfinale der Startschuss für eine tragisch-komische Seifenoper mit dem Titel: „Der HSV schafft sie alle.“

Und das waren einige. Dass der HSV seit dem verpassten Europapokal-Endspiel 16 Fußballlehrer in zehn Spielzeiten verbrauchte (inklusive Dieter Hecking und drei Interimslösungen), ist nur ein Beleg dafür, in welchem Wahnsinnstempo sich das Führungspersonal die Klinke in die Hand gab. Dazu kommen noch acht Sportchefs (inklusive Dietmar Beiersdorfer, gleichzeitig Vorstandsvorsitzender) sowie sechs Vorstandschefs und, Achtung, elf Aufsichtsratsvorsitzende (inklusive Kurzzeit-Chef Bernd Hoffmann).

41 Neubesetzungen auf den wichtigsten Posten des Vereins – an dieser Stelle muss man eigentlich nicht mehr weiter forschen, welches die Hauptursachen für den Niedergang des HSV sind. Dass in dieser Zeitspanne 128 (!) neue Profis in Hamburg begrüßt wurden, spricht ebenfalls Bände. Die „Den-Spieler-find-ich-super-ach-nein-doch-nicht-weg-mit-ihm“-Mentalität war die einzige Konstante des HSV.

Viele HSV-Fans sind frustriert

Zu einer mitreißenden Seifenoper gehört aber mehr, als den Protagonisten immer nur das gleiche Drehbuch des Scheiterns zu schreiben. Sondern auch muntere Nebenepisoden einzustreuen wie die des verlorenen Rucksacks von Sportchef Peter Knäbel, in dem sich dummerweise hochsensible Daten wie die Spielergehälter fanden. Oder ein polternder Neben-Hauptdarsteller wie Investor Klaus-Michael Kühne.

Ganz wichtig ist aber auch ein dramatischer sogenannter Cliffhanger, wie der offene Ausgang am Ende einer Episode genannt wird. Beim HSV gelingt dies regelmäßig perfekt: Obwohl viele frus­trierte HSV-Fans im Affekt Schluss machen wollen mit ihrer großen Liebe, so siegt – meistens – mit einigen Tagen Abstand die Neugierde, wie es nun weitergeht in „Der HSV schafft sie alle“. Wird am Ende alles noch schlimmer? Oder gibt es vielleicht nicht doch eine Mini-Hoffnung auf Besserung?

Was läuft falsch beim HSV?

Überlegen Sie, sollten Sie ein Sympathisant des HSV sein, doch einfach mal, wie oft Sie seit 2010 gedacht haben, dass es mit ihrem Verein jetzt wirklich wieder nach oben geht, und Sie werden ganz sicher viele Beispiele finden. Vielleicht freuten Sie sich 2011, als die erste Ära von Bernd Hoffmann zu Ende ging. Oder Sie bauten umgekehrt auf seine Fähigkeiten, als Hoffmann 2018 ein Comeback auf dem Vorstandsposten gelang.

Ganz sicher erinnern Sie sich noch an die euphorische Stimmung, die viele Fans im Rahmen der Ausgliederungs-Kampagne „HSVPlus“ erfasste. Mit neuem Personal und frischem Geld einmal den ganzen kaputten Laden gründlich aufräumen und dann Attacke, gemäß dem Slogan der Initiatoren: „Aufstellen für Europa.“ Das Ergebnis ist bekannt: Statt nach Europa geht die Reise seit 2018 nach Heidenheim, Wehen-Wiesbaden oder Sandhausen. Und von einer Sanierung der Finanzen ist der Club meilenweit entfernt.

Das HSV-Debakel im Finale um die Relegation in Bildern:

Doch selbst nach dem erstmaligen Abstieg aus der Bundesliga durfte dieses sich fast jährlich wiederholende Phänomen bestaunt werden. Die Tränen der Fans waren kaum getrocknet, da erlebte der Club einen Mitglieder-Boom. 7500 Menschen unterschrieben einen Antrag auf Neuaufnahme und sorgten für einen einen Mitgliederrekord (damals 84.200). Die Hoffnungen auf den sofortigen Wiederaufstieg, sie zerplatzten bekanntlich im Frühjahr 2019.

Doch es brauchte im Grunde nur die Verpflichtung von Trainer Dieter Hecking und Manager Jonas Boldt, um sofort wieder eine neue Euphorie zu entfachen. Zwei Top-Leute aus der Bundesliga, was sollte da noch schief gehen? Doch der HSV schafft sie eben alle. Ohne Ausnahme. Gleiches Muster, gleicher Misserfolg – die Frage stellt sich: Was läuft da falsch beim HSV?

Nach der Ausgliederung wurden Millionen verbrannt

Fest steht, dass die Hamburger auch schon zu Bundesliga-Zeiten viele Millionen Euro regelrecht verbrannt haben. In einer Tabelle, die den jeweils erreichten Tabellenplatz mit dem Kapitaleinsatz korreliert, hätte der HSV regelmäßig einen Abstiegsrang belegt. Fußball ist im Grunde ein einfaches Geschäft. Es gilt, möglichst mehr richtige als falsche Entscheidungen auf dem Transfermarkt zu treffen.

In der abgelaufenen Saison setzte der HSV – wie so oft – auf die falschen Fußballer. Für die Verpflichtungen von David Kinsombi (gefloppter Königstransfer), Xavier Amaechi (unreifes Talent) und Ewerton (lange verletzt) investierte der Club 7,5 Millionen Euro.

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Die Liste der Spieler, die der HSV für teures Geld an die Elbe lockte und die den Club ohne Ablöse verließen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. So seien nur beispielhaft Rafael van der Vaart, Pierre-Michel Lasogga, Lewis Holtby, Alen Halilovic oder Heiko Westermann genannt, die den HSV insgesamt 40 Millionen Euro kosteten. Rückblickend geht besonders die Amtszeit von Dietmar Beiersdorfer in die HSV-Geschichte ein als die Ära der verpassten Chancen. Und als Beispiel für misslungene Konstruktionen.

Seine Liebe zum HSV bezahlte Investor Klaus-Michael Kühne teuer. Rund 125 Millionen Euro versanken in den Clubkassen, während der Marktwert der Mannschaft kontinuierlich ins Bodenlose sank. Kein Wunder, dass seine Leidenschaft für Fußball erloschen ist. Auch ihn, den erfolgreichen Unternehmer, hat der HSV geschafft.

Wo der Erfolg ausbleibt, haben Personalwechsel Hochkonjunktur

Wo der Erfolg ausbleibt, haben Personalwechsel Hochkonjunktur. Der Nachteil dabei ist, dass dies selten reibungslos verläuft und bei Machtkämpfen stets viel Energie verloren geht, die an anderer Stelle dringend gebraucht wäre. Als gutes Beispiel dient dabei Bernd Hoffmann, der generalstabsmäßig und intelligent seine Rückkehr zum HSV plante, es dann aber nicht schaffte, ein funktionierendes Team im Vorstand zu entwickeln. Das Ende vom Lied: Der Club trennte sich vorzeitig gegen Zahlung eines „kleinen“ Entgelts.

Auch diese Abfindungen haben beim HSV Tradition. Bruno Labbadia erst für eine Million Euro aus Leverkusen zu verpflichten, ihn dann nach knapp einer Saison zu feuern, eine fette Abfindung zu zahlen und ihn dann einige Jahre später als Retter zu verpflichten und später erneut zu entlassen – ja, das ist der perfekte Stoff für eine Fußball-Seifenoper.

Aber was folgt daraus? Verfolgen wir einmal die These, dass nicht alle der auf dieser Seite abgebildeten Führungspersonen total Blinde auf ihrem Gebiet waren – ist es dann nicht das HSV-System, das die Trainer, Manager und am Ende auch Spieler wiederholt scheitern lässt?

Automatismus des Misserfolgs

Muss nicht gerade jetzt versucht werden, den Automatismus des Misserfolgs zu durchbrechen, indem den wichtigsten Figuren wie Manager Jonas Boldt oder auch Dieter Hecking zugestanden wird, die Fehler in der kommende Saison zu korrigieren? Warum immer wieder dem Wegwerf-Reflex folgen? Wäre es nicht das wichtige Signal des Aufbruchs, intensiv – und anders als früher gemeinsam – nach dem richtigen Personal zu forschen?

Oder das Sportkompetenzteam mit wichtigen Schlüsselfiguren zu ergänzen wie einem Sportpsychologen? Geradezu ein Witz, dass der HSV ausgerechnet diese Rolle in den vergangenen Jahren unbesetzt ließ. Lernt es der Club vielleicht jetzt endlich, dass es wichtig ist, den Spielern in Krisenmomenten Handlungsoptionen an die Hand zu geben, damit sie Widerstand leisten können und nicht vor Angst wie gelähmt auf dem Rasen herumschleichen?

HSV braucht eine neue Story, um die Fans nicht zu verlieren

Wichtig wäre, die Analyse der Ereignisse differenziert vorzunehmen. Auch wenn es einfach ist, die gerade abgelaufene Saison mit der vorherigen gleichzusetzen, so gibt es durchaus Indizien, die darauf hindeuten, dass der HSV eben nicht komplett auseinanderbrechen wird, was sicher viele Experten prognostizieren werden. Beispielsweise den Auftritt von Jonas Boldt am Tag nach der Schmach. Die größten Fehler werden meistens nicht vor, sondern während einer Krise gemacht. Gerade im Fußball aus der Emotion heraus, wenn nicht der Kopf, sondern der Bauch in der Chefetage regiert und jeder darauf bedacht ist, nicht selbst als der Schuldige dazustehen.

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Genau jetzt, in diesen Tagen, steht die Endlosserie „Der HSV schafft sie alle“ an einem Wendepunkt: Es braucht eine neue Story, um nicht das Interesse der Zuschauer zu verlieren. Es braucht Mutmacher, die allerdings mit jedem Jahr des Misserfolgs schwerer zu finden sind. Denn eines sollte jedem bewusst sein: Auch jede Seifenoper, das ist spätestens nach dem Abschied von der „Lindenstraße“ klar, kommt irgendwann zu einem Ende.

Entweder mit einem schönen, nicht mehr erwarteten Happy End. Denn seien wir ehrlich: Selbst die, die den HSV nicht leiden können, vermissen ihn irgendwie doch in der Bundesliga. Oder aber, indem der Hauptdarsteller einen dramatischen Tod stirbt.

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