Demütigung statt Hoffnung

Wie HSV-Fans nun leiden: „Ich weine in meine Bettdecke“

HSV-Fans beim Public Viewing in der Kneipe „Unabsteigbar“.

HSV-Fans beim Public Viewing in der Kneipe „Unabsteigbar“.

Foto: Alexander Berthold

Viele HSV-Fans leiden in der Fan-Kneipe „Unabsteigbar“. Was der Wirt über eine diskutierte Namensänderung sagt.

Hamburg. Der ohrenbetäubende Knall eines Böllers vor dem Volksparkstadion ließ unmittelbar nach dem Abpfiff Böses erahnen. Vorsorglich hatte sich ein Polizeifahrzeug auf der Schnackenburgallee positioniert, doch zum Einsatz kamen die Beamten nicht. Lediglich zwei Dutzend HSV-Fans hatten sich vor den Ort des Geschehens gestellt, wo sich eine der peinlichesten Niederlagen der Vereinsgeschichte zutrug.

Unfreiwillige musikalische Untermalung lieferte ein Dudelsack spielendes Quartett, das voller Leidenschaft musizierte. Als Aziz Bouhaddouz, Stürmer des SV Sandhausen, das Stadiongelände verließ, gratulierten die anwesenden HSV-Anhänger höflich und machten ein Foto mit dem ehemaligen Profi des FC St. Pauli.

HSV-Fans klagen: Arbeitsverweigerung

Wenige Minuten zuvor entlud sich in der Fan-Kneipe „Unabsteigbar“, anderthalb Kilometer vom Stadion entfernt, der ganze Frust über eine mal wieder enttäuschende Saison. Als Ex-HSV-Spieler Dennis Diekmeier das 5:1 für Sandhausen erzielte, feierten die HSV-Anhänger ihren ehemaligen Publikumsliebling. „Das setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Das war Arbeitsverweigerung vom HSV. Ohne Worte, einfach nur peinlich“, sagte Wirt Mario Drifte.

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Die Anspannung vor dem Spiel war sowohl in der Fankneipe als auch auf dem großen Vorplatz fast greifbar. Drifte ging rund eine Stunde vor dem Anpfiff mit einem Zollstock herum, um so sicherzustellen, dass in Corona-Zeiten die Sitzbänke weit genug auseinanderstehen.

„Das gehört dazu. Wir wollen hier ja nicht negativ auffallen“, sagte der Kneipenwirt. Regelmäßig fuhr ein Polizeifahrzeug vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. Für erste Probleme sorgte früh die Tatsache, dass das Fassbier ausging und nur noch Flaschen verkauft werden konnten. Es sollte nicht die einzige Panne aus HSV-Sicht an diesem Nachmittag bleiben.

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„Unabsteigbar“-Wirt empfindet Galgenhumor

Die anfängliche Nervosität wich schnell einer Fassungslosigkeit. Die beiden ersten Gegentore wurden ähnlich emotionslos zur Kenntnis genommen, wie sich die Spieler auf dem Platz präsentierten. „Jetzt macht doch mal was!“, brüllte ein Fan fast schon flehend in Richtung Bildschirm. Als Aaron Hunt per Foulelfmeter den HSV wieder bis auf einen Treffer an die Relegation brachte, war die Depri-Stimmung plötzlich weg.

„Jetzt holen wir uns das Derby gegen Bremen“, hallte es über den Vorplatz der Kneipe. Oder eben auch nicht. Mit dem 1:3 war auch der letzte Optimist in seinem Glauben erschüttert. Die ersten HSVer machten sich ruhig auf den Heimweg. „Das ist nur noch mit Galgenhumor zu ertragen“, sagte Wirt Drifte und gab dann doch zu: „Heute Abend weine ich in meine Bettdecke.“

An eine Namensänderung der Kneipe in „Unaufsteigbar“ denkt er trotz aller Enttäuschung nicht. „Das klingt mir zu negativ. Wir sind nicht unaufsteigbar. Irgendwann spielen wir wieder in der Bundesliga. Die Hoffnung stirbt doch zuletzt“, sagte Drifte.