Volkspark

Der HSV ist die Dramaqueen der Zweiten Liga

| Lesedauer: 7 Minuten
Kai Schiller und Henrik Jacobs
„No More Drama“ sang einst die US-Amerikanerin Mary J. Blige. Der HSV scheint ohne Drama aber einfach nicht auszukommen.

„No More Drama“ sang einst die US-Amerikanerin Mary J. Blige. Der HSV scheint ohne Drama aber einfach nicht auszukommen.

Foto: IStockphoto

Nach dem 3:3 gegen Kiel und dem dritten Last-Minute-K.-o. stellt sich wieder die Frage: Ist dieser Club reif für die Couch?

Hamburg.  Rund zwölf Stunden nach dem Drama im Volkspark war es am Dienstagmorgen wieder einmal so weit: Die Stunde der Psychologen hatte geschlagen. 3:3 hatte der HSV am Vorabend gegen Holstein Kiel gespielt. Dabei hatten die Hamburger das entscheidende Gegentor wieder einmal in der Nachspielzeit kassiert. Die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking hatte wichtige Punkte im Aufstiegskampf in buchstäblich letzter Sekunde verloren. Wieder einmal. Und wieder einmal fragt sich am Morgen danach ganz Fußball-Deutschland: Ist dieser Club reif für die Couch?

Den ersten Versuch einer Antwort wagte Ilias Moschos. Gerade als das abgeschirmte Regenerationstraining im Volkspark begann, gab der Krefelder Sportpsychologe beim Radiosender NDR 2 seine Sicht der Dinge preis. Die Häufung der Gegentore in der Nachspielzeit sei seiner Meinung nach für den HSV ein großes Problem. „Unser Körper hat ein Gedächtnis“, sagte der Mentaltrainer, der am Dienstag nur den Anfang machte. Wenig später folgte die Psychologin Frauke Wilhelm bei den NDR-Kollegen vom Fernsehen. Auch der Mentalcoach Matthias Herzog hat bereits mehrfach in den vergangenen Wochen versucht, aus der Ferne für die „Mopo“ in die Köpfe der HSV-Spieler zu schauen. Ähnlich wie Jürgen Lohr und Olaf Kortmann, die bereits beide den HSV im Abendblatt-Podcast verarztet hatten.

Auch Dieter Hecking hat offenbar keine Lösung für die HSV-Probleme

Die Dramaqueen HSV hat Hochkonjunktur unter Deutschlands führenden Sportpsychologen – eine Lösung für die offensichtlichen Probleme ist allerdings nicht in Sicht. Auch nicht für Dieter Hecking. „Darauf eine Antwort zu finden, das wäre wahrscheinlich etwas für Psychologen“, sagte der HSV-Trainer in der Nacht zum Dienstag, ehe er dann doch noch mal als Hobby-Psychologe tätig wurde. Kurz vor der Geisterstunde hielt Hecking nach dem 3:3 gegen Kiel eine kurze Ansprache in der Kabine, am Morgen danach folgten eine zweite Rede und die Videoanalyse. „Wir haben von hinten heraus keinen Fußball mehr gespielt“, analysierte der Fußballlehrer, der seine ganze Fassungslosigkeit am späten Montagabend in drei „leider“ ausdrückte: „Leider. Leider, leider erwischt es uns schon wieder in der Nachspielzeit.“

Ein „leider“ für den ärgerlichen Gegentreffer in der 94. Minute bei Greuther Fürth, der zum 2:2-Endstand führte. Ein „leider“ für den Last-Minute-Knock-out beim VfB Stuttgart, als Heckings Mannschaft erneut in der Nachspielzeit ein Tor kassierte – diesmal zum 2:3. Und das dritte „leider“ für Montagabend gegen Holstein Kiel. Wieder die 94. Minute. Wieder der letzte Angriff. Und wieder das böse Erwachen danach.

HSV-Präsident Marcell Jansen ist dennoch optimistisch

Gut geschlafen hatte auch HSV-Präsident Marcell Jansen nicht. Doch nach einer sehr unruhigen Nacht präsentierte sich Jansen am Dienstagmorgen schon wieder analytisch-optimistisch. „Ich sehe einen großen Unterschied zur vergangenen Saison. Da hatten wir in vielen Phasen keine Antworten und haben häufig verdient verloren. Jetzt reden wir über die ärgerlichen Gegentore in der Nachspielzeit. Das ist inhaltlich ein riesiger Unterschied, deswegen bin ich weiterhin guter Dinge“, sagte Jansen am frühen Dienstag zum Abendblatt.

HSV verpasst ersten Zweitligasieg gegen Holstein Kiel:

Jansen hat keine operative Rolle beim HSV – allerdings gelten sein Wort und seine Meinung als wichtiger Indikator über das Befinden in der Chefetage im Volkspark. Jansen war es, der frühzeitig in der vergangenen Saison den Daumen bei Christian Titz gesenkt hatte. Genauso wie bei Nachfolger Hannes Wolf. Auf Dieter Hecking aber lässt der Aufsichtsratschef und Präsident in Personalunion trotz gegenteiliger Berichte nichts kommen. „Die Mannschaft lebt. Sie schießt viele Tore, kann Rückschläge wegstecken, jeden Gegner schlagen. Dieses Gefühl hatte ich im letzten Jahr ab März häufiger nicht mehr“, sagt Jansen. Und weiter: „Ich habe einiges miterlebt beim HSV, aber im Moment erlebe ich einen Aufstiegskampf, bei dem Leben in der Bude ist. Das ist für mich ein anderer HSV als im vergangenen Jahr.“ ​

Bei erneuten Punktverlusten droht ein Verlust von Relegationsplatz drei

Sieben Jahre hat Jansen beim HSV gespielt, seit anderthalb Jahren ist er Präsident. Er war bei den Werder-Wochen 2009 auf dem Platz, in den Relegationen 2014 und 2015, er erlebte den Abstieg 2018 als Aufsichtsrat von der Tribüne aus. Kaum einer kennt die zahlreichen Dramen der jüngeren Vergangenheit besser. „Die Dramatik wird uns begleiten mit Höhen und Tiefen, das war eh klar“, sagt Jansen, der natürlich auch am Montagabend im verwaisten Volksparkstadion auf der Tribüne dabei war. „Es bleiben vier Endspiele. Und wir hoffen alle, dass unser HSV den Schritt gehen wird.“

Der HSV gegen Kiel in der Einzelkritik

Den ersten Schritt, den Jansen leidenschaftlich einfordert, muss der HSV bereits am Freitagabend bei Schlusslicht Dynamo Dresden gehen. Bei erneuten Punktverlusten droht ein Verlust von Relegationsplatz drei. „Es geht Schlag auf Schlag“, sagt Jansen. Drama bleibt also garantiert. Zum Beispiel am 33. Spieltag im Duell beim direkten Konkurrenten Heidenheim. Oder gegebenenfalls bei den Relegationsspielen Anfang Juli. Man bleibe positiv, sagte Sportvorstand Jonas Boldt etwas kurz angebunden am Dienstag. Und man würde hart arbeiten.

Unzulänglichkeiten in der Nachspielzeit

Diese harte Arbeit darf man sich dann allerdings nicht durch Unzulänglichkeiten in der Nachspielzeit kaputtmachen lassen. Gegen Kiel kassierte der HSV vier Ecken und einen Freistoß gegen sich, als die reguläre Spielzeit bereits längst abgelaufen war. „Die Spieler spüren natürlich auch, dass die Uhr jetzt runterläuft“, erklärte Hecking. Zum siebten Mal in dieser Saison verspielten die Hamburger nach Führungen noch die drei Punkte (sechs Remis, eine Niederlage). Zum Vergleich: Verfolger Heidenheim passierte das noch gar nicht, Stuttgart nur dreimal und Bielefeld viermal.

Also doch ein Fall für den Psychologen? Vor einem Jahr lehnte Hannes Wolf noch vor dem entscheidenden Spiel gegen Paderborn die Hilfe des Mentaltrainers Jörg Löhr, der jetzt bei Werder Bremen arbeitet, ab. In dieser Saison hat man sich beim HSV intern mit dem Gedanken beschäftigt, einen Mentalcoach dazuzunehmen. Nach Rücksprache mit den Experten waren sich aber alle einig, dass so eine Maßnahme nur als langfristig angelegtes Projekt Sinn ergibt.

Die Verantwortlichen sind überzeugt, dass es im Team im Vergleich zur vergangenen Saison charakterlich stimmt. Die nächste Chance, das zu beweisen, gibt es am Freitag in Dresden. 18.30 Uhr. Drama ist programmiert.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV