Nordderby

Knackt der HSV heute Kiel dank Heckings Psychotricks?

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Henrik Jacobs und Kai Schiller
Zu allem bereit: HSV-Trainer Dieter Hecking, hier beim Hinspiel gegen Holstein Kiel.

Zu allem bereit: HSV-Trainer Dieter Hecking, hier beim Hinspiel gegen Holstein Kiel.

Foto: Imago/Eibner

Dem Trainer-Routinier ist vor Angstgegner Holstein nicht bange. Ein Psychogramm vor dem Druck-Duell im Volksparkstadion.

Hamburg. Am Sonntagmittag lieferte Dieter Hecking mal wieder eine Kostprobe seiner Pokerkünste. Der Trainer des HSV wurde in der virtuellen Pressekonferenz vor dem Nordderby am Montagabend im Volksparkstadion gegen Holstein Kiel (20.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) gefragt, ob denn nun Julian Pollersbeck bis zum Saisonende seinen Stammplatz im HSV-Tor sicher habe und ob er einen erneuten Wechsel der Nummer eins ausschließen könne.

Hecking zog mal wieder seine berüchtigte Augenbraue hoch, was laut seines Co-Trainers Dirk Bremser normalerweise so viel bedeutet wie: Gefahr in Verzug. In diesem Fall aber dürfte der 55-Jährige mit seiner Reaktion vor allem ausdrücken wollen: Alles ist möglich. "Wie ich mich morgen entscheide, ist völlig offen", sagte Hecking und formte seine Gesichtszüge erneut zu einem Pokerface.

HSV-Stresstest nach den schwäbischen Patzern

Auch wenn man dem Trainerroutinier in diesem Fall nur schwer abkaufen konnte, dass er tatsächlich erwägt, Daniel Heuer Fernandes anstelle von Pollersbeck wieder ins Tor zu stellen, so zeigte Heckings Auftritt am Sonntag erneut, dass er diese Psychospielchen beherrscht wie nur wenige seiner Kollegen. Nach 738 Spielen als Cheftrainer hat Hecking in seiner 20 Jahre andauernden Trainerkarriere eben auch schon alle Fragen einmal gehört.

Ein Stresstest dürfte ihm daher kein Kopfzerbrechen mehr bereiten, auch wenn nach dem jüngsten 3:2-Zittersieg gegen Wehen Wiesbaden auch sein Nervenkostüm spürbar gelitten hatte. Trotz der schwäbischen Patzer des VfB Stuttgart und des FC Heidenheim am Sonntag weiß natürlich auch Hecking, dass gegen den Tabellen-12. Holstein Kiel nur ein Sieg zählt. Man könnte zwar auch vom psychologischen Vorteil der Verfolgerrolle sprechen. Realistisch betrachtet hat der HSV aber wie schon die ganze Saison vor allem eines: Druck.

Hecking sendet "großes Lob" an Kiels Werner

Ganz anders sieht es beim heutigen Gegner aus. Mit acht Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz 16 und neun Punkten Rückstand auf Relegationsrang drei kann Kiel am Montagabend völlig frei aufspielen. Trainer Ole Werner hat daher auch völlig druckfrei angekündigt: "Wir fahren nach Hamburg, mit dem festen Ziel, dort zu gewinnen", sagte der mit 32 Jahren und 35 Tagen jüngste Trainer im deutschen Profifußball.

Seit September 2019 ist Werner Chefcoach an der Förde, wo er als 20-Jähriger seine aktive Karriere aufgrund einer Hüftproblematik früh beenden musste. Seitdem ist er die Karriereleiter vom Jugendtrainer über die U23 zum Verantwortlichen der Profis hochgeklettert. Und auch wenn er auf dem Posten des Cheftrainers 714 Spiele weniger erlebt hat als Hecking, so hat er sich schon großen Respekt erarbeitet. "Ole hat die anfänglichen Probleme in Kiel in den Griff bekommen. Die Mannschaft spielt attraktiven Fußball. Sie spielt nach vorne. Deshalb ist das ein großes Lob, das ich dem jüngsten Kollegen in der Zweiten Liga machen kann", sagte Hecking vor dem Nordderby.

Hecking stellt den Kopf in den Mittelpunkt

Hecking wäre aber nicht Hecking, wenn er den Störchen nicht gleich auch ein paar Spitzen zuschicken würde. "Sie sind verwundbar. Das sieht man an der Flut der Gegentore, die sie bekommen haben. Da sehe ich Ansätze, wie wir sie packen können."

Stress beim Gegner erzeugen – das ist das rhetorische und möglicherweise auch das taktische Mittel, mit dem Hecking am Montagabend die große Chance nutzen will, wieder Platz zwei zu übernehmen. "Es wird nicht immer die Tagesform entscheiden, sondern das, was im Kopf passiert. Der Kopf spielt jetzt eine ganz große Rolle", sagte der Trainer vor dem ersten von noch fünf Endspielen um den Aufstieg.

Hecking kehrt die Statistik gegen Kiel um

Ein Beispiel für die psychologische Herangehensweise und die positive Denkweise lieferte er dann auch gleich mit. Als er nach Angstgegner Kiel (0:3, 1:3 und 1:1 zuletzt) befragt wurde, machte Hecking aus der negativen kurzerhand eine positive Statistik: "Seit ich hier Trainer bin, habe ich gegen Kiel noch nicht verloren. Da kann ich locker gegenhalten."

Vor allem aber könnte Hecking mit dem HSV gegen Kiel nicht nur weiter ungeschlagen bleiben, sie könnten am Montag auch mit einem Schlag die Stimmung rund um den Club auf eine andere Stufe heben. Eine Chance, die der HSV traditionell gerne mal ungenutzt ließ. Aber auch von solchen Psychosen will sich Hecking lösen. "Es gibt im Fußball immer wieder Möglichkeiten, die man nicht vorhersehen kann", sagte Hecking am Sonntag. Da ahnte der Hobbypsychologe noch nicht, dass Stuttgart und Heidenheim wenig später patzen würden.

Klar scheint vor der Partie daher nur: Die Psychospiele werden in den kommenden Wochen weitergehen.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

HSV: Pollersbeck – Vagnoman, Letschert, van Drongelen, Leibold – Fein – Hunt, Kinsombi – Jatta, Pohjanpalo, Kittel.

Kiel: Gelios – Neumann, Wahl, Thesker, van den Bergh – Meffert – Porath, Mühling, Lee, Reese – Iyoha.

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