Nordderby

Holstein Kiel ist einer der drei Top-Angstgegner des HSV

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HSV-Profi Tim Leibold (r.) im Disput mit Kiels Stefan Thesker – hitzig könnte es auch am Montagabend wieder werden.

HSV-Profi Tim Leibold (r.) im Disput mit Kiels Stefan Thesker – hitzig könnte es auch am Montagabend wieder werden.

Foto: Witters

Vor dem direkten Duell am Montag erinnert sich Manager Ralf Becker an seine früheren Arbeitgeber HSV und Holstein Kiel.

Hamburg. Man muss ein wenig wühlen, um in der 56 Jahre und 287 Tage andauernden Geschichte des deutschen Profifußballs einen Verein zu finden, gegen den der HSV in einem Ligaspiel noch nie gewinnen konnte. HSV-Historiker werden sich möglicherweise erinnern, wie die Hamburger in all ihren Bundesligajahren auch gegen One-Hit-Wonder wie Tasmania 1900 Berlin, Preußen Münster oder den SSV Ulm 1846 den Haken in der Siegstatistik setzen konnten. Lediglich drei Clubs sind es, die seit 1963 in der Liga gegen den HSV noch ungeschlagen sind.

Ralf Becker ist zwar kein Historiker, aber er muss nicht lange überlegen, um sich an einen dieser gesuchten Vereine zu erinnern. Schließlich ist das auch noch nicht allzu lange her. Der ehemalige Sportvorstand des HSV war gleich zweimal dabei, als die Hamburger an der Aufgabe scheiterten, gegen Holstein Kiel zu gewinnen. In seiner ersten Zweitligasaison der Vereinsgeschichte 2018/19 verlor der HSV gleich beide Nordderbys, die es bis dahin nur in der alten Oberliga Nord und der norddeutschen Meisterschaft gegeben hatte. 0:3 und 1:3.

"Das war eine absolute Volllandung, ein echter Tiefschlag", sagt Becker am Freitag am Telefon. Gemeint war das erste Saisonspiel im Juli 2019, als der HSV am Freitagabend im ausverkauften Volksparkstadion zum Saisonauftakt ein Debakel erlebte. Ein erster Tiefschlag war das Spiel vor allem für Christian Titz. Schon damals konnte man erahnen, dass es für den damaligen HSV-Trainer eine schwere Saison wird.

Ralf Becker bei Dynamo Dresden im Gespräch

Und so war Titz dann gar nicht mehr dabei, als der HSV im Rückspiel in Kiel erneut einen schmerzhaften Dämpfer erlitt. Die verdiente 1:3-Niederlage war auch für den bis dahin noch ungeschlagenen Titz-Nachfolger Hannes Wolf der erste große Rückschlag einer Rückrunde, die ihm am Ende den Job kosten sollte. Und so darf am Montag (20.30 Uhr/Sky und Abendblatt-Liveticker) erneut Dieter Hecking den Versuch unternehmen, als erster Trainer in die Geschichte einzugehen, der ein HSV-Ligaspiel im Profifußball gegen Holstein Kiel gewinnt.

Im Hinspiel war Hecking bereits dabei, als der HSV in der Nachspielzeit in Unterzahl die dritte Kiel-Niederlage in Folge abwenden konnte. Das Rückspiel am Montag dürfte nun nicht nur für Hecking, sondern für den ganzen HSV mal wieder zu einem Schlüsselspiel der Zukunft werden. Vor einem Jahr verspielte der HSV in den letzten fünf Saisonspielen den Aufstieg. Im zweiten Anlauf soll es jetzt besser laufen.

Becker: Hecking gut für das nervöse Umfeld

"Dieter Hecking kann in diesem Jahr den Unterschied ausmachen", sagt Ralf Becker. Der Manager, der bei Dynamo Dresden als Nachfolger von Ralf Minge gehandelt wird, hatte vor einem Jahr nach dem verpassten Aufstieg die ersten Gespräche mit Hecking geführt, ehe er kurz darauf entlassen wurde. Becker glaubt, dass der 55-Jährige in den kommenden vier Wochen das schaffen kann, was er mit Titz und Wolf im vergangenen Jahr versäumte: erst einen Sieg gegen Kiel, dann den Aufstieg. "Heckings Erfahrung kann der entscheidende Faktor sein, um in diesem nervösen Umfeld die Ruhe zu bewahren", sagt Becker.

Der Schwabe weiß allerdings aus eigener Erfahrung, wie schwer Holstein Kiel zu schlagen ist. Bevor er zum HSV kam, arbeitete er selbst zwei Jahre bei den Störchen und schaffte dabei gemeinsam mit Trainer Markus Anfang innerhalb von zwei Jahren beinahe den Durchmarsch von der Dritten Liga in die Bundesliga. Ehe er zum HSV ging und Markus Anfang nach Köln, holte er noch Trainer Tim Walter nach Kiel, gegen den er mit dem HSV dann zweimal verlor. Auch den jetzigen Trainer Ole Werner kennt Becker noch aus seiner Kieler Zeit. Damals betreute Werner die U 23. "Ole konnte sich bei seinen Vorgängern einiges abgucken. Mit ihm ist Kiel wieder stabil", sagt Becker.

Becker hält noch viele Kontakte zum HSV

Bis zuletzt war der frühere Stuttgarter Chefscout auch noch selbst häufig bei seinem Ex-Club zu Besuch. Schließlich spielte sein jüngerer Sohn Finn in der U 17. Nun hat sich die Familie Becker aber entschieden, zurück nach Stuttgart zu ziehen und dort wieder den Lebensmittelpunkt aufzubauen. Seine Ex-Clubs Kiel und Hamburg wird der 49-Jährige aber auch in seiner schwäbischen Heimat weiter verfolgen.

Vor allem zum HSV hält Becker noch viele Kontakte. Im Kader stehen einige Spieler, die er vor einem Jahr selbst verpflichtet hatte. So wie David Kinsombi, den er für drei Millionen Euro aus Kiel holte und über dessen jüngsten Doppelpack gegen Wiesbaden er sich freute. "Manchmal muss man auf den Augenblick warten. Das war jetzt ein guter Anfang für eine hoffentlich positive Entwicklung", sagt Becker.

Becker hofft auf Zeit für Hecking und Boldt

Diese erhofft er sich auch für den HSV insgesamt. Selbst wenn es mit dem Aufstieg auch in diesem Jahr nicht klappt, sollte der HSV seiner Ansicht nach weiter auf das Duo Hecking/Jonas Boldt setzen. "Ich hoffe, dass sie dabei bleiben und die Zeit kriegen, Dinge zu verändern, die sie nicht selbst zu verantworten haben", sagt Becker, der diese Zeit beim HSV selbst nicht bekam. "Wenn die sportliche Leitung immer wieder wechselt, schaffst du ein Kaderkonstrukt aus verschiedenen Ideen und Entscheidungsträgern. So kann sich eine Mannschaft nicht entwickeln."

Es liegt aber eben auch an den sportlichen Verantwortlichen um Trainer Hecking, in den kommenden fünf Spielen bessere Entscheidungen zu treffen, als die Entscheidungsträger das in der vergangenen Saison zum Ende gemacht hatten. Ganz nebenbei könnte Chefcoach Hecking dann auch dafür sorgen, dass in der Historie nur noch ein Gegner übrig bleibt, gegen den der HSV in einem Ligaspiel noch nie gewinnen konnte: Union Berlin.

Der dritte Verein ist übrigens der VfL Osnabrück, gegen den es aber auch erst ein Spiel gab, und auf den der HSV in zehn Tagen trifft. Sollte Hecking dann nacheinander die Heimspiele gegen Kiel und Osnabrück gewinnen, steigt die Chance, dass der HSV in der kommenden Saison gemeinsam mit Union Berlin in der Bundesliga spielt – und dann auch den letzten Haken in der Historie setzt. ​

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