2. Bundesliga

Ist der HSV unaufsteigbar? Was jetzt noch Hoffnung macht

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Knock-out in der Nachspielzeit: Stuttgarts Gonzalo Castro jubelt über seinen Siegtreffer gegen den HSV.

Knock-out in der Nachspielzeit: Stuttgarts Gonzalo Castro jubelt über seinen Siegtreffer gegen den HSV.

Foto: Hans-Jürgen Britsch / Baumann/Pool/Witters

Nach dem 2:3 in Stuttgart droht der HSV erneut sein großes Ziel zu verspielen. Dabei sind die Probleme anders gelagert als im Vorjahr.

Stuttgart/Hamburg.  Es war ein echtes Déjà-vu-Erlebnis für den HSV am 28. Spieltag. Wieder ein Tor in der Nachspielzeit kassiert. Wieder eine große Chance verpasst. Und der Trainer ärgerte sich nach dem dritten Spiel ohne Sieg: „Am Ende musst du den Punkt mitnehmen und darfst nicht noch so ein Gegentor kriegen.“ Das Abendblatt titelte auf der ersten Sportseite: „HSV zu blöd für den Aufstieg.“

Und am Ende kam es dann auch so, im Mai 2019, als die Hamburger mit Trainer Hannes Wolf die Rückkehr in die Bundesliga auf beeindruckend dämliche Weise verspielten.

Man müsste den Namen Wolf nur durch den Namen Dieter Hecking ersetzen, und schon hätte man die Stimmungslage beim HSV nach dem 28. Spieltag ein Jahr später ziemlich treffend zusammengefasst. Was sich am Donnerstagabend in der Nachspielzeit der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena und anschließend in der HSV-Kabine abgespielt hatte, dürfte alle Beteiligten mit der Zeitmaschine in das vergangene Jahr versetzt haben. Nach dem 2:3 beim VfB Stuttgart, dem zweiten Last-Minute-Schock innerhalb von zwei Wochen, könnte man erneut die berechtigte Frage stellen: Ist der HSV einfach zu blöd?

HSV – einst unabsteigbar, jetzt unaufsteigbar?

„HSV gucken ist wie wiederholt einen Stromzaun anzufassen und darauf zu hoffen, dass es irgendwann mal Spaß macht“, schrieb ein Twitter-User, nachdem die Hamburger eine 2:0-Halbzeitführung gegen völlig verunsicherte Stuttgarter aus der Hand gegeben hatten. Ein anderer postete das Bild eines Radfahrers im HSV-Kostüm, der sich selbst einen Stock in die Speichen steckt und stürzt.

Zwei Beispiele, die auf ironische Weise das ausdrückten, was andere Fans nur in Resignations- und Wutkommentaren formulieren konnten.

Es sieht ganz danach aus, dass die ehemals Unabsteigbaren gezielt an einem neuen Bild der Unaufsteigbaren arbeiten. Sieben Monate nachdem die HSV-Fans im Volkspark mit „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen“-Sprechchören das 6:2 gegen Stuttgart feierten, herrschte bei den Anhängern nach dem Rückspiel gegen den VfB mal wieder nur Frust. „So was hat man häufig schon gesehen“, hätten die Fans singen können, wenn sie denn im Stadion gewesen wären.

HSV vergab auswärts 13 Punkte nach Führung

Dieter Hecking war im Stadion hautnah dabei, als sein HSV nach der Halbzeit innerhalb von nur 15 Minuten die Führung verspielte. Er stand an der Linie, als Aaron Hunt in der Nachspielzeit den Ball verlor und Timo Letschert Nicolás González nicht mehr halten konnte. Und er war dabei, als in der Kabine kein Spieler auch nur irgendwas sagen konnte. Die richtigen Worte zu finden fiel ihm daher gar nicht so leicht. „Das war ein Rückschlag. Den können wir nicht so eben rausschütteln. Das muss auch ich erst einmal verarbeiten und dann der Mannschaft wieder Halt geben“, hatte Hecking direkt nach dem Spiel gesagt.

Am Tag danach klang das schon wieder etwas anders. Der HSV-Trainer hatte seinen Spielern nach dem Rückflug aus Stuttgart für den Rest des Tages freigegeben. Nicht aber, ohne vorher noch den Versuch der mentalen Wiederaufbauarbeit zu unternehmen. „Es ist noch nicht vorbei. Wir haben nach wie vor die Chance, unser Ziel zu erreichen. Unsere Mannschaft hat in dieser Saison schon alles durchlebt und immer wieder Rückschläge weggesteckt“, sagte Hecking und gab sich kämpferisch. „Wir müssen mutig bleiben und schnell wieder Energie entwickeln.“

Doch irgendwie klingen diese Worte nach dem neuerlichen Rückschlag von Stuttgart ein wenig nach Durchhalteparolen. Zu oft schon in dieser Saison hat der HSV Punkte leichtfertig hergeschenkt. Genauer gesagt sind es jetzt schon 13 Punkte, die Heckings Team nach einer Führung alleine auswärts noch verspielt hat. Der Trainer findet nach wie vor kein Mittel gegen dieses wiederkehrende Problem. „Wir kriegen einfach zu viele Gegentore. So bringst du dich immer wieder um den Lohn. Das stößt uns dann auch als Trainerteam sauer auf“, sagte Hecking am Tag danach noch spürbar angefressen.

Hecking: Abräumer im Mittelfeld fehlen

Die Problematik, die den HSV auch in Stuttgart um die Punkte brachte, ist nicht neu. „Wir sind im zentralen Mittelfeld sehr spielerisch unterwegs. Das ist auch unser Ansatz“, sagt Hecking. Aber: „Wir haben im Kader nicht diese klassischen Abräumertypen. Wir müssen und wollen das mit unseren spielerischen Mitteln lösen.“ Ein Problem, das der Cheftrainer schon in der Hinrunde ansprach. Dabei hatten die sportlichen Verantwortlichen um Hecking und Sportvorstand Jonas Boldt den Kader vor der Saison ganz bewusst so zusammengestellt, wie er eben jetzt beisammen ist.

Nach dem „überflüssigsten Nichtaufstieg der Fußballgeschichte“ (Bernd Hoffmann) hatte es der HSV mit einer Runderneuerung versucht. Ein neuer Trainer kam, ein neuer Sportchef kam, 15 neue Spieler kamen. Ein Hoffnungsträger nach dem nächsten. 15 Profis verließen den Club. Auch Vorstandschef Hoffmann ist mittlerweile Geschichte. Die Geschichte vom HSV, der sich auf dem Weg zum Aufstieg mal wieder selbst einen Stock in die Speichen steckt, scheint sich allerdings verdächtig zu wiederholen.

Dabei waren am Donnerstagabend mit Rick van Drongelen und Bakery Jatta nur zwei Spieler dabei, die auch beim 2:3 gegen Darmstadt und beim 1:2 gegen Magdeburg vor einem Jahr auf den Rasen standen. Die Mannschaft spielt zwar einen deutlich besseren Fußball als in der Vorsaison, aber sie punktet einfach nicht mehr so, wie sie angesichts der Spielanteile tun müsste.

Verbleibende Gegner weniger stark

Während in der Vorsaison die fehlende Reife sowohl in der Mannschaft als auch im Trainerstab in der Schuldanalyse als Gründe ausgemacht wurden, kann davon in dieser Saison keine Rede sein. Noch ist es aber eben auch zu früh für eine erneute Schuldanalyse. In der vergangenen Saison verspielte der HSV den Aufstieg nicht nur gegen Darmstadt und Magdeburg, sondern vor allem auch an den Spieltagen 29–33.

Nun haben die Hamburger erneut die Möglichkeit, in den verbleibenden sechs Partien gegen die vermeintlich schwächeren Mannschaften Wehen Wiesbaden, Holstein Kiel, Dynamo Dresden, VfL Osnabrück und Sandhausen doch noch das große Ziel zu erreichen. Oder aber es gibt erneut ein Déjà-vu und der HSV verspielt am vorletzten Spieltag in Heidenheim wie vor einem Jahr in Paderborn sogar noch den Relegationsplatz.

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Bis dahin bleibt den HSV-Fans wohl nur die Möglichkeit, das Fanleben mit Humor zu nehmen. So wie etwa die Satire-Seite „Fums“, die nach dem VfB-Spiel in ihrer Analyse schrieb: „Dem HSV fehlt jemand, der das wichtige Tor schießen kann. Man sollte über eine Rückkehr von Dennis Diekmeier nachdenken.“

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