Topspiel

HSV und VfB: Spitze nur in der Trainertabelle

| Lesedauer: 6 Minuten
HSV-Trainer Dieter Hecking würde am Donnerstagabend gerne drei "Big Points" notieren.

HSV-Trainer Dieter Hecking würde am Donnerstagabend gerne drei "Big Points" notieren.

Foto: Imago/Poolfoto

Keiner feuert so oft den Coach wie Stuttgart und Hamburg. Jobgarantie für Matarazzo, Jubiläum für Hecking. Ex-Coach Stevens ordnet ein.

Hamburg.  365 Tage sind für Dieter Hecking eigentlich keine besondere Zahl, wenn es um die Dauer seiner Trainertätigkeiten geht. Der Chefcoach des HSV ist in seiner Karriere im Schnitt rund drei Jahre bei all seinen Clubs geblieben. Und doch dürfte der Donnerstag auch für Hecking ein kleiner Grund sein, zumindest einmal kurz zurückzublicken. Hecking ist an diesem Tag genau ein Jahr lang beim HSV im Amt. Eine Zeit, die in den vergangenen zehn Jahren nur ganz wenige seiner Vorgänger nachweisen können. Und Vorgänger hatte Hecking einige: 14 Cheftrainer haben seit Sommer 2010 im Volkspark gearbeitet.

Da passt es, dass der kommende Gegner des HSV dieselbe Statistik aufweist. Kein anderer Club im deutschen Profifußball hat im vergangenen Jahrzehnt so viele Trainer verschlissen wie der VfB Stuttgart und der HSV, die am Donnerstag (20.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) im Spitzenspiel der Zweiten Liga aufeinandertreffen. Es ist das Duell des Tabellendritten (VfB/45 Punkte) gegen den Tabellenzweiten (HSV/46 Punkte). Spitze sind die Traditionsclubs seit vielen Jahren aber vor allem in der Trainerwechsel-Tabelle.

Dieter Hecking schwärmt von Mario Gomez und "Rino" Matarazzo
Dieter Hecking schwärmt von Mario Gomez und "Rino" Matarazzo

Und auch an diesem Donnerstag stehen die beiden Trainer wieder im Blickpunkt. Der Druck könnte auf beiden Seiten kaum höher sein. Stuttgarts Chefcoach Pellegrino Matarazzo ist nach nur zwei Punkten aus den vergangenen vier Spielen in die Kritik geraten. Sportvorstand Thomas Hitzlsperger und Sportdirektor Sven Mislintat haben dem US-Coach mit italienischen Wurzeln, der im Januar den freigestellten Tim Walter ersetzte, trotzdem eine Jobgarantie über die Saison hinaus ausgesprochen. „Hier ist intern ganz klar, dass Rino in jedem Fall unser Trainer ist nächstes Jahr“, sagte Mislintat am Montag.

Heckings Vertrag verlängert sich nur, wenn er den Aufstieg schafft

Dieses Ziel verfolgt auch Dieter Hecking. Der Vertrag des 55-Jährigen verlängert sich beim HSV nur, wenn er den Aufstieg schafft. Ein Sieg in Stuttgart könnte die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, dass er diese Mission auch erfüllt. Hecking wäre dann nicht nur der erste Trainer in der HSV-Historie, der mit dem Club aufsteigt. Er wäre auch der erste Coach seit Bruno Labbadia (2015/16), der eine HSV-Saison vom ersten bis zum letzten Spieltag erlebt. Neben Labbadia schaffte dieses „Kunststück“ in den vergangenen zehn Jahren nur noch Thorsten Fink (2012/13).

Mehr zum Thema:

Beim VfB Stuttgart sieht diese Statistik noch eklatanter aus. Nur ein Trainer hielt bei den Schwaben im vergangenen Jahrzehnt eine Saison vom ersten bis zum letzten Spieltag durch. Auch hier war es Bruno Labbadia, der von 2010 bis 2013 fast drei Jahre lang auf dem Feuerstuhl des VfB saß und die Stuttgarter gleich zweimal in die Europa League führte und im Pokalfinale stand.

Seitdem aber haben die Schwaben im Trainerwechseln sogar den HSV abgehängt. Warum aber sind es genau diese zwei Clubs, die ihre Trainerauswahl so häufig korrigieren? Einer, der das wissen sollte, ist Huub Stevens. Der 66-Jährige war in den vergangenen zehn Jahren gleich zweimal VfB-Coach und rettete Stuttgart jeweils vor dem Abstieg. Anschließend hörte er aber ebenso wieder auf wie 2008 beim HSV, als er sich nach eineinhalb erfolgreichen Jahren aufgrund privater Probleme verabschiedete.

Stevens: HSV und VfB sollen beide hoch

Stevens sieht in Hamburg und Stuttgart ein grundsätzliches Standortpro­blem, das sich auf die Arbeit der Trainer auswirke. „Hamburg ist eine sehr reiche Stadt. Auch in Stuttgart gibt es eine starke Industrie, vor allem mit Mercedes. Die Menschen erwarten dort, dass die großen Clubs der Stadt erfolgreich in der Bundesliga spielen. Dadurch steigt der Druck auf die Vereine und ihre Verantwortungsträger“, sagte Stevens am Dienstag im Abendblatt-Gespräch. Als Zweitligist sei diese Problematik noch größer. Stevens erinnert sich an seine Zeit beim 1. FC Köln, mit dem der Niederländer 2004/05 den Aufstieg schaffte.

Köln hatte damals ähnliche Probleme, wie sie der HSV und der VfB Stuttgart in der Zweiten Liga haben. „Jeder Gegner will dich ärgern. Du musst als Spieler und Trainer hellwach sein. Das ist in so einem Umfeld nicht einfach“, sagt Stevens, der sich das Spiel seiner Ex-Clubs zu Hause in Eindhoven am Fernseher anschaut. „Ich werde das Spiel als neutraler Fan genießen“, so Stevens.

Auch HSV-Coach Hecking ist trotz des Drucks voller Vorfreude auf das Topspiel. „Das sind die Spiele, für die du als Trainer lebst“, sagte Hecking am Dienstag. Für sein Einjähriges hat er nur ein Ziel: „Wir wollen immer noch Zweiter sein, wenn wir Stuttgart wieder verlassen.“ Oder wie man in Corona-Zeiten sagen würde: Abstand halten. Dass er seinem ehemaligen Kollegen Matarazzo, mit dem er zwischen 2009 und 2012 in Nürnberg zusammenarbeitete, damit schaden könnte, nimmt Hecking natürlich in Kauf. „Ich würde mich freuen wenn Rino in Stuttgart Erfolg hat, nur leider nicht am Donnerstag.“

Geht es nach Huub Stevens, arbeiten beide Trainer noch lange bei ihren Clubs. „Mir wäre es am liebsten, der HSV und Stuttgart steigen beide auf.“ Dann könnten Hecking und Matarazzo ganz nebenbei etwas dafür tun, dass ihre Clubs in der Trainerwechsel-Tabelle irgendwann nicht mehr spitze sind.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: HSV